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Der Rote Faden - Folge 211: Achim Frenz ist der Komikexperte

Achim Frenz kam im Jahr 2000 nach Frankfurt und leitet das Caricatura Museum für Komische Kunst. Er pocht auf die Bedeutung von Satire in politisch angespannten Zeiten. Ihm ist die Folge 211 unserer Serie „Der rote Faden“ gewidmet. Jeden Samstag stellen wir hier Menschen vor, die etwas Besonderes für Frankfurt leisten.
Achim Frenz, Leiter der Caricatura, steht an der Elch-Skulptur vor dem Museum, dessen Motto „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“ lautet. Hans Traxler gestaltete die Skulptur des tierischen Symbols der Neuen Frankfurter Schule. Foto: Salome Roessler Achim Frenz, Leiter der Caricatura, steht an der Elch-Skulptur vor dem Museum, dessen Motto „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“ lautet. Hans Traxler gestaltete die Skulptur des tierischen Symbols der Neuen Frankfurter Schule.
Frankfurt. 

Zunächst einmal etwas Erstaunliches: Achim Frenz lacht anscheinend nicht sehr oft. Jedenfalls nicht dann, wenn man ihm in seinem Büro im 2. Stock des Caricatura Museums gegenübersitzt. Aber wir reden ja auch über ein ernstes Thema: Komik. Das Büro liegt unter dem Dach; im Regal stehen fein säuberlich nebeneinander die in rotes Leinen gebundenen Jahresbände der Zeitschrift „Titanic“; nebenan im Nachbarraum haben die Besucher des Museums die Möglichkeit, auf Bildschirmen die gesammelten „Titanic“-Ausgaben seit 1979 anzuschauen. Wir sind also im Zentrum des Frankfurter Satirebetriebs.

Und das ist eben der Unterschied: „Ich führe kein Humormuseum, sondern ein Satiremuseum“, sagt Frenz. Was bei weitem nicht heißen soll, dass Frenz nicht über Humor verfügte. Doch der ist subversiv, oft unter der Oberfläche. Er sitzt da an seinem runden Besuchertisch, dieser beinahe gemütlich wirkende, kräftige Mann mit Lockenkopf und Bart, und bei fast allem, was er sagt, muss man höllisch aufpassen und sich fragen: Meint er das jetzt ironisch oder ist das ernst? Es ist das bewährte „Titanic“-Aktionskonzept, das Frenz verinnerlicht hat. Denken wir nur zurück an die deutsche Bewerbung um die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2000, als „Titanic“-Redakteur Martin Sonneborn die Fifa-Delegierten mit dem Angebot deutscher Würste und Schwarzwälder Kuckucksuhren zu bestechen versuchte. Hat ja auch funktioniert, letztendlich. „Ich bin überzeugt davon, dass die ,Titanic’ die WM nach Deutschland geholt hat“, sagt Frenz und dann schaut er so ein wenig schräg von unten herauf, wie um zu prüfen, ob sein Gegenüber ihm folgen kann.

Hart an der Grenze

Achim Frenz, der Chef des Caricatura Museums und Mitherausgeber der „Titanic“, stammt aus Norddeutschland. Geboren wurde er 1957 in Bremerhaven. 20 Jahre später kam er nach Kassel (für einen Frankfurter noch immer Norddeutschland, wenn auch hart an der Grenze) und begann, an der Gesamthochschule Kassel zu studieren; einer Reformhochschule, gegründet zu Beginn der 70er-Jahre. All das, die 68er-Bewegung und der Aufbruch erstarrter Strukturen, hat sehr viel mit dem zu tun, was die Neue Frankfurter Schule künstlerisch begleitet hat, als Sound einer Epoche. Es hat aber auch erheblichen Einfluss auf die Person Achim Frenz gehabt: „Für mich waren die Erfahrungen an der Hochschule ungeheuer wichtig. Ich bin dort zu dem Menschen geworden, der ich heute bin.“ Umweltbewusstsein, nonkonformistisches Denken, Widerstandsgeist – das hat sich bei Frenz während seiner Hochschulzeit herausgebildet. Der Schriftsteller und Philosoph Ulrich Sonnemann lehrte beispielsweise dort; jener Autor, dessen Buch „Der bundesdeutsche Dreyfus-Skandal“ über den Justizfall Vera Brühne einige Jahre zuvor in einer von Franz-Josef Strauß befohlenen Beschlagnahme-Aktion für einige Zeit aus dem Verkehr gezogen wurde. Oder aber auch, wie Frenz sich erinnert, der Priester und Philosoph Ivan Illich, Mitbegründer des Club of Rome, der Dutzende von Sprachen fließend beherrschte und darüber nachdachte, wie man die Langsamkeit der zunehmend rasenden Gesellschaft organisieren könnte, und zudem die Schulen abschaffen wollte.

Impulse sind nötig

Frenz wurde Mitglied der Künstlergruppe „Visuelle Opposition“, die politische Plakate entwarf. „Da war“, sagt Frenz, „auch immer ein komischer, absurder Moment dabei.“ So entstand die Idee: Man braucht Impulse aus der Komischen Kunst. Die Gruppe schlug F.K. Waechter als Dozenten vor. Der Zeichner, Karikaturist und Erfinder des Anti-Struwwelpeters hatte soeben mit „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“ einen großen Erfolg gelandet. Waechter lud seine Studenten nach Eichenrod im Vogelsberg ein. Dort hatte er die Dorfschule gekauft und die Einrichtung im Original belassen. „Wir saßen“, erinnert sich Achim Frenz, „auf kleinen Stühlen an kleinen Tischen und haben dort sehr intensiv über Komik nachgedacht und gearbeitet. Wir haben die Neue Frankfurter Schule studiert.“ Er sei aus diesem Seminar mit Waechter, so Frenz, „völlig verändert herausgekommen.“

<span></span> Bild-Zoom

Man darf nicht vergessen: Es war eine politisch aufgeheizte Zeit. Der Konflikt um die Startbahn West begann sich aufzuladen, die Proteste gegen die Atomkraft wurden intensiver geführt, und auch die Rote Armee Fraktion war als Akteur noch nicht von der Bildfläche verschwunden. „Wer weiß“, sagt Frenz vieldeutig, „wo ich ohne die Komik gelandet wäre.“ Zunächst einmal aber landete er im Journalismus. Er arbeitete als Redakteur für die nordhessische Ausgabe des Magazins „Pflasterstrand“. Nach Frankfurt kam er regelmäßig zu den Redaktionssitzungen, lernte Protagonisten der linken Frankfurter Protestbewegung kennen; Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer, Matthias Beltz. Aber Frenz blieb vorerst in Kassel. Und arbeitete weiter an der Komik.

Mitte der 80er-Jahre gründete er die Caricatura Kassel, die zunächst offiziell „Verein zur Förderung, Unterstützung und Verbreitung medienspezifischer Kultur und Kommunikation“ hieß.

Anarchie und Engagement

Und es war wieder jene Mischung aus Spontaneität, Anarchie und Engagement, die der Caricatura ihren ersten großen Erfolg bescherte: 1987 mieteten Frenz und seine Mitstreiter eine kleine Halle in der Nähe des Hauptbahnhofes, um parallel zur documenta, der internationalen Kunstschau in Kassel, erstmals eine große Ausstellung deutscher Karikaturisten zu zeigen. „Wir wollten einen Überblick geben“, sagt Frenz, „und hatten alles herangeschafft, was Qualität hatte: Loriot, Ungerer, die taz-Zeichner. Die Marketingarbeit wiederum war so dilettantisch, dass es fast wieder gut war.“ Mehr als 18 000 Besucher kamen in die Ausstellung; die Gremien der Stadt Kassel waren begeistert, allen voran der damalige Kulturreferent; ein Mann namens Hans-Bernhard Nordhoff.

In Kassel hat Achim Frenz im Übrigen auch noch andere Spuren hinterlassen: Gemeinsam mit Freunden und einer Handvoll Freizeitkickern gründete der passionierte Fußballspieler 1982 den Verein Dynamo Windrad. Man wollte am Ligabetrieb teilnehmen. Das verwehrte jedoch der Hessische Fußballverband mit der Begründung, der Name des Vereins erinnere zu stark an die Namen von DDR-Vereinen. Kalter Krieg in seiner Blütezeit. Die Windrädler zogen vor Gericht und verloren von Instanz zu Instanz, bis schließlich das Bundesverfassungsgericht das Namensverbot bestätigte. „Wir wollten Fußball spielen“, sagt Frenz, „aber ohne Hierarchien.“ Das passte nicht mit dem damaligen Funktionärsdenken zusammen.

Das Medienecho war allerdings groß. Und so wurde man im Osten auf den Verein aufmerksam. Während sie in der Bundesrepublik am Spielbetrieb nicht teilnehmen durften, tingelten die Dynamos Ende der 80er-Jahre durch die DDR, kickten in Kuba, in China und schließlich auch vor 5000 Zuschauern beim damaligen Erstligisten Schinnik Jaroslawl in der Sowjetunion, der Partnerstadt Kassels. Frenz freut sich bis heute diebisch über diesen Coup. Und immer wieder blitzt das anarchische Element auf: Nachdem sie auf Kuba am Strand einen Kick gegen ein paar Kubaner mit 6:5 gewonnen hatten, faxte Frenz das Ergebnis an die Redaktion der Frankfurter Rundschau. Die druckten es dann auf der Sportseite ab.

Tradition erhalten

Als 1989 die Mauer fiel und Dynamo Dresden ein Jahr später in die Bundesliga aufgenommen wurde, schickte der Verein einen Brief an den DFB: Man glaube nicht, dass Dresden mit diesem Namen mitspielen dürfe. Es gebe da ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Kurz darauf erhielt Dynamo Windrad kommentarlos die offizielle Zulassung für den Spielbetrieb. Bis heute hat sich die Tradition gehalten, den eigenen Anstoß zum Gegner zu spielen – als Fairplay-Geste.

Doch zurück nach Frankfurt. Dorthin kam Achim Frenz im Jahr 2000. Der ehemalige Kasseler Kulturreferent Nordhoff war mittlerweile Frankfurter Kulturdezernent. „Ich schlug ihm vor, ein Museum für die Neue Frankfurter Schule zu gründen.“ Die sah Frenz nämlich gerade in Frankfurt besonders stiefmütterlich behandelt, während sie überall sonst in der Republik höchste Anerkennung fand. Gründe? „Ich habe da einen gewissen Verdacht. Aber das sage ich nicht öffentlich.“ Man könnte das möglicherweise bei Eckhard Henscheid in den „Vollidioten“ nachlesen. Und er grinst. Die Neue Frankfurter Schule sei, davon ist Frenz überzeugt, „in der Nachkriegszeit einmalig in ihrem Einfluss. Sie hat das Ödland der Adenauerzeit aufgebrochen.“

Frenz jedenfalls wurde zunächst dem Historischen Museum angegliedert – und war sich zu Beginn gar nicht sicher, ob er das überhaupt wollte: „Mein Gegner war auch immer die Kulturbürokratie gewesen. Und jetzt war ich plötzlich Teil davon.“ Frenz kam zurecht und arbeitete kontinuierlich an der Installation eines eigenen Museums. 2008 wurde das Caricatura Museum im historischen Leinwandhaus zwischen Dom und Main eröffnet. Neben der Dauerausstellung mit Arbeiten von Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, Hans Traxler, F. K. Waechter, F. W. Bernstein und all den anderen Galionsfiguren der Neuen Frankfurter Schule zeigt Frenz in seinem Museum auch regelmäßig wechselnde Ausstellungen; zurzeit zum Beispiel eine Schau von komischen Zeichnungen aus der Zeitschrift „stern“, die ihre Seiten traditionsgemäß der Satire öffnet. Noch. Denn Achim Frenz sieht das Genre von mehreren Seiten bedroht.

Bedeutung von Satire

Zum einen von der Krise der Printmedien und dem damit einher gehenden Sparzwang: „Die Zeichner sind schlecht bezahlt. Und es gibt kein Gefühl mehr für die Bedeutung von Satire. Wenn man dieses Kulturgut derart vernachlässigt, wird man das bitter bereuen. Die Redaktionen müssen sich darüber im Klaren sein, dass diese Zeichnungen zumeist das erste sind, was der Leser sich anschaut.“ Gravierend ist aber auch die politische Dimension. Wie definiert sich Satire? „Satire, so hat Oliver Maria Schmitt es formuliert, darf alles, wenn sie gut ist. Man dreht etwas um und enttarnt auf diese Weise Menschen durch ihre Reaktion“, glaubt Frenz. Diese Reaktion hieß in letzter Zeit nicht selten: Gewalt. „Über den Satirikern“, sagt Achim Frenz ganz offen, „liegt die dunkle Wolke der Attentate auf unsere Kollegen von ,Charlie Hebdo’. Das hat auch unsere Institution stark betroffen.“

Ernst oder Scherz?

Darüber hat Frenz eine Jetzt-erst-recht-Haltung entwickelt: „Diese Attentate haben deutlich gezeigt, wie wichtig Satire ist, um spielerisch die andere Seite der Medaille sichtbar zu machen. Eine Gesellschaft muss sich das leisten können.“ Und er fügt hinzu: „Und es ist gut, dass Frankfurt sich das leistet.“ Frenz liebt Frankfurt. Er schätzt die Offenheit und das freie Denken der Frankfurter Stadtgesellschaft. Er mag das Westend, wo er seit seiner Ankunft in der Stadt lebt, auch in freundlichem Angedenken an den Häuserkampf der 70er-Jahre. Und er mag die Eintracht: „Ein Fußballverein, der demnächst Deutscher Meister wird.“ Im Ernst? Da lächelt Frenz. Und fügt hinzu: „So ist es in Frankfurt!“ Und schon ist man wieder mittendrin im doppelbödigen Ironiebezirk des Achim Frenz.

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