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Klinikaufenthalte: Arzt: Bettruhe ist tödlich

Von Ein Sturz bedeutet für ältere Menschen nicht selten den Anfang vom Ende ihrer Selbstständigkeit. Dass Senioren auch nach einem Unfall wieder zurück in die eigenen vier Wände kehren können, ist ein Ziel der Alterstraumatologie. Das Agaplesion Markus-Krankenhaus hat eine solche.
Leitender Oberarzt Dr. Ulrich Hötker und Oberärztin Gertraude Koetter begleiten den Patienten Norbert Wössner bei einem Gehversuch im Markus-Krankenhaus. Foto: Leonhard Hamerski Leitender Oberarzt Dr. Ulrich Hötker und Oberärztin Gertraude Koetter begleiten den Patienten Norbert Wössner bei einem Gehversuch im Markus-Krankenhaus.
Frankfurt. 

Nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, schon ist es passiert. „Ich bin über meine eigenen Füße gestolpert“, erzählt Norbert Wössner und man merkt ihm an, dass er sich diese Unaufmerksamkeit nicht verziehen hat.

Es ist Anfang November, der 81-Jährige will nur kurz zum Bäcker. Auf dem Rückweg stürzt er, bricht sich den Oberschenkelknochen kurz unterhalb der Hüfte. Eine Fraktur, die für ältere Menschen nicht selten tödlich endet: Beinahe jeder zwölfte Patient stirbt Studien zufolge während oder unmittelbar nach der Operation, jeder fünfte binnen weniger Monate nach dem Unfall.

Eine bessere Überlebenschance hat laut einer britischen Studie*, wer nach der Operation intensiv altersmedizinisch (geriatrisch) betreut wird. Das hat seinen Grund: „Eine solche Verletzung ist bei einem 40-Jährigen etwas ganz anderes als bei einem über 70-Jährigen“, weiß Dr. Ulrich Hötker, Leitender Oberarzt der Unfallchirurgie am Markus-Krankenhaus.

Das liegt zum einen an den Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, die viele ältere Patienten mitbringen. Das liegt aber auch daran, dass es oftmals lange dauert, bis sie sich von einer solchen Erkrankung erholen. „Schon eine kleine Verletzung, die Bettlägrigkeit zur Folge hat, kann zum Tod führen“, erklärt Hötker.

Die Muskulatur schrumpft

Der Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik, Privatdozent Dr. Rupert Püllen, überspitzt es bewusst: „Bettruhe ist tödlich.“ Thrombosen, Embolien, Infektionen – mögliche Komplikationen gibt es reichlich. „Pro Tag mit kompletter Bettruhe schrumpft außerdem die Muskulatur um zwei bis drei Prozent“, erklärt er. Nach einer Woche habe sie sich demnach bereits um bis zu 21 Prozent zurückgebildet – „und das bei einem niedrigen Ausgangsniveau“. Auch das trage dazu bei, dass einige ältere Patienten nach längerem Klinikaufenthalt nicht in ihr bisheriges Zuhause zurückkehren können, berichtet die geriatrische Oberärztin Gertraude Koetter. Bettruhe wird im Markus-Krankenhaus deshalb nur solange verordnet, wie unbedingt nötig.

Die Zahl der Patienten wird deutlich steigen

Die Hessen altern schneller als die meisten anderen Deutschen: Bis zum Jahr 2050 steigt der Anteil der Menschen über 70 Jahre hierzulande um 54 Prozent, im Bundesdurchschnitt sind es nach Zahlen

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Die Ginnheimer Klinik hat sich auf Alterstraumatologie spezialisiert (siehe unten). Hier arbeiten Unfallchirurgen, Narkoseärzte, Altersmediziner und Therapeuten Hand in Hand, damit betagtere Patienten wie Norbert Wössner möglichst schnell wieder auf eigenen Beinen stehen.

„Den Anfang bildet die gute operative Versorgung“, schildert Prof. Dr. Stefan Rehart, Chefarzt der Unfallchirurgie. Dazu zählt auch die passende Narkose, aus der Patienten nach Möglichkeit ohne Delir (Verwirrungszustand) erwachen. In der Regel bleiben die Patienten vier bis fünf Tage auf Station, dann schließt sich ein drei- bis vierwöchiger Aufenthalt in der Geriatrie an. „Es ist ein großes Plus, dass es hier nach der Operation direkt mit der Reha weitergeht. Das habe ich so noch nie erlebt, und ich hatte schon einige Operationen“, erzählt Wössner. Das Ganze hat aber noch einen weiteren Vorteil: „Auf diese Weise können wir Komplikationen vermeiden“, berichtet Unfallchirurg Hötker.

Alterstraumazentren in der Region

Das Rhein-Main-Gebiet ist gut aufgestellt, wenn es um Alterstraumazentren geht. 65 davon hat die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie in Deutschland und der Schweiz zertifiziert.

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Wössner jedenfalls ist zwei Wochen nach seiner Operation schon wieder auf den Beinen, spaziert mit dem Gehbock durchs Krankenzimmer. Und er ist guter Dinge, dass er bald wieder in die eigenen vier Wände zurückkehren kann. „Die allermeisten Patienten entlassen wir in ihr vorheriges Umfeld“, sagt Altersmedizinerin Koetter.

Sturzursache ermitteln

Damit allein ist es für die Experten des Markus-Krankenhauses aber nicht getan. „Für uns ist solch eine Fraktur ein Symptom dafür, dass eine Gangstörung vorliegt“, erklärt Püllen, dass es gerade bei älteren Patienten darauf ankommt, der Ursache für den Sturz nachzugehen – und sie zu beheben.

Das kann der Medikamentencocktail sein, den Senioren wegen ihrer Grunderkrankungen einnehmen, das kann die nicht mehr ausreichende Brille sein, die schwächer werdende Muskulatur oder auch die Stolperfalle in der Wohnung. Gerade was den Medikamentenmix angeht, gilt für Altersmediziner: Weniger ist mehr. „Wir schauen genau hin, welches Medikament wirklich einen Nutzen bringt“, sagt Püllen. „Wer mehr als vier Medikamente einnimmt – egal welcher Art – hat ein höheres Sturzrisiko.“

Übrigens: Wer ein paar einfache Tipps berücksichtigt, kann das Risiko eines Sturzes deutlich mindern. In Bewegung bleiben, das Gleichgewicht trainieren und regelmäßig zum Augenarzt gehen. Hilfreich sind auch Nachtlichter für die Steckdose, die mit einem Bewegungsmelder ausgestattet sind. „Die gibt es in jedem Baumarkt“, erklärt Püllen, dass schon ein kleines Lämpchen über Glück und Unglück entscheiden kann.

*Die Studie

Die Wissenschaftler werteten Daten von knapp 200 000 Patienten aus und konnten nachweisen, dass eine Steigerung der geriatrischen Behandlungsdauer von im Schnitt 1,5 auf 4 Stunden pro Patient die Sterblichkeit um 3,4 Prozent verringerte.

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