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Polizei will BAO auflösen: Bahnhofsviertel: Künftig weniger Beamte, mehr Dealer?

Von Der Frankfurter Polizeipräsident hat das Ende der Sonderorganisation in Aussicht gestellt, die seit Herbst gegen die Dealerszene am Hauptbahnhof vorgeht. Der Gewerbeverein „Treffpunkt Bahnhofsviertel“ befürchtet, dass sich die Situation danach wieder dramatisch verschlechtern wird. Vor allem im Hinblick auf die Crackszene wünschen sich die Mitglieder mehr Engagement.
Seit die Polizei eine Besondere Aufbauorganisation gebildet hat, gibt’s fast täglich Kontrollen im Bahnhofsviertel, hier in der Taunusstraße. Bilder > Foto: Boris Roessler (dpa) Seit die Polizei eine Besondere Aufbauorganisation gebildet hat, gibt’s fast täglich Kontrollen im Bahnhofsviertel, hier in der Taunusstraße.
Frankfurt. 

Als die Frankfurter Polizeiführung im vergangenen Jahr feststellte, dass ihre Standardkräfte im Kampf gegen die Dealerszene im Bahnhofsviertel nicht ausreichen, zog sie Polizisten aus verschiedenen Dienststellen zusammen und bildete eine Besondere Aufbauorganisation (BAO). Mehr als 100 zusätzliche Beamte sind seitdem im Stadtteil unterwegs, um gegen die Straßenkriminalität im Allgemeinen und den Rauschgifthandel im Besonderen vorzugehen. Die täglichen Kontrollen entfalten vor allem am Hauptbahnhof ihre Wirkung, wo kaum noch Dealergruppen anzutreffen sind. Obwohl Anwohner und Geschäftsleute aus benachbarten Straßen von Verdrängungseffekten und einer Verschlechterung der Situation vor ihrer Tür berichten, herrscht insgesamt der Eindruck vor, dass sich die Situation im Bahnhofsgebiet verbessert hat.

Vor diesem Hintergrund sorgte die Ankündigung des Frankfurter Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill, dass die BAO im Herbst aufgelöst werden soll, am Wochenende nicht gerade für Jubelstimmung. Im Gegenteil: „Wir befürchten, dass sich die Situation im Bahnhofsviertel nach der Auflösung der BAO wieder dramatisch verschlechtern wird“, zeigt sich Ulrich Mattner, Vorsitzender des Gewerbevereins „Treffpunkt Bahnhofsviertel“, besorgt. Der Effekt eines polizeilichen Rückzugs lasse sich selbst nach kleineren Kontrollaktionen beobachten, sagt er: „Kaum sind die Beamten weg, sind die Dealer wieder da.“ Nach der Auflösung der BAO rechnet Mattner auch im Großen mit dem genannten Effekt.

„Kein Rückzug“

Gerhard Bereswill trat den Befürchtungen gestern im Gespräch mit dieser Zeitung entgegen: Die Auflösung der BAO bedeute ja nicht, dass sich die Polizei aus dem Bahnhofsgebiet zurückziehe, sagte der Polizeipräsident. Er führte aus, dass eine BAO dazu diene, in bestimmten Situationen Schwerpunkte zu setzen und nicht auf Dauer angelegt sei. Das gelte auch für die BAO Bahnhofsgebiet. Die dafür zusammengezogenen Beamten fehlten in ihren eigentlichen Dienststellen. Die personelle Belastung für das Polizeipräsidium müsse wieder „auf ein erträgliches Maß“ reduziert werden.

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Der Behördenleiter betonte, dass sich die Polizei weiter ihrer Verantwortung im Bahnhofsviertel stelle. Intern liefen derzeit Gespräche darüber, wie und mit welchem Kräfteansatz es nach der BAO weitergehen soll. Bereswill hofft nach eigenen Worten auf die Unterstützung der anderen Akteure, die sich mit dem Bahnhofsviertel und seiner Drogenszene befassen. Wie berichtet, hatte Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU) zu zwei Spitzengesprächen mit Vertretern von Polizei, Justiz, Bahn und Stadt in den Römer eingeladen. Ergebnis der beiden „Sicherheitsgipfel“ war ein Maßnahmenkatalog mit 49 Punkten. Von dessen Umsetzung erhofft sich der Polizeipräsident eine Verbesserung der Situation.

Dealer im Hausflur

Darauf hofft auch Ferdinand Hartmann, Betreiber des „Latin Palace Changó“ in der Münchner Straße. Bei einem Pressegespräch des Gewerbevereins „Treffpunkt Bahnhofsviertel“ in dem Tanzclub führte Hartmann gestern Aufnahmen seiner Videoüberwachungsanlage vor. Sie zeigen Dealer, die tagsüber vor dem geschlossenen Club stehen, potenzielle Kunden ansprechen und dann ins benachbarte Treppenhaus lotsen. Dort empfängt sie ein Komplize, um Rauschgift gegen Geld zu tauschen. „Die stehen den ganzen Tag da, als ob das ein normaler Beruf wäre“, sagte der Clubbetreiber. Die Dealer, vor allem junge Männer aus den Maghreb-Staaten, hätten „keine Angst – „weder vor mir noch vor der Justiz noch vor der Polizei“.

Der Gewerbevereinschef lobte die Polizei für den „super Job“, den sie mache, merkte aber an, dass eine stärkere Präsenz in der Nacht zwischen 0 und 6 Uhr nötig wäre. Mattner räumte ein, dass Crack für die Polizei „eine ganz schwierige Droge“ sei. Die Dealer könnten die Steine einfach unter der Zunge verstecken. Jenny Blaine, die früher zur Drogenszene gehörte, führte aus, dass Crack wegen der kurzen Wirkung nie richtig befriedige: „Die ständige Nichtbefriedigung macht einen aggressiv, lässt einen verzweifeln.“

Mattner appellierte an die Stadt: „Tut etwas gegen den Crack und den Crackkonsum, macht mal etwas Neues!“ Er kritisierte, dass die Strukturen der Drogenhilfe vor allem auf Heroin ausgerichtet seien, obwohl sich Crack in den vergangenen Jahren zur „Droge Nummer 1“ entwickelt habe. Kioskbetreiber Nazim Alemdar plädierte mit Blick auf die Drogenpolitik für einen „Frankfurter Weg 2.0“. Mattner schloss sich an und verwies auf Erfolgsgeschichten wie die Hilfseinrichtung „Drob Inn“ in Hamburg-St. Georg.

Lesen Sie auch Christian Schehs Kommentar zum Thema: Die Polizei alleine kann das Bahnhofsviertel nicht befrieden

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