E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Hofheim am Taunus 24°C

Tierschutzverein Frankfurt: Den Tieren ein Heim geben

Von Gegen „unnötige Marter bei Nutzung und Tötung des Tieres“ wandten sich die Gründer des ersten Frankfurter Tierschutzvereins bereits 1841. Bis heute haben es ihre Nachfolger allzu oft mit misshandelten oder ausgesetzten Tieren zu tun. Auf der 175-Jahr-Feier des Vereins suchen sie neue Helfer und Förderer.
Kater Ron genießt es sichtlich, dass Tierpflegerin Heidi Lang sich Zeit zum Schmusen nimmt. Bilder > Foto: Holger Menzel Kater Ron genießt es sichtlich, dass Tierpflegerin Heidi Lang sich Zeit zum Schmusen nimmt.
Fechenheim. 

„Es ist gerade Vermittlungszeit, da ist viel los“, sagt Tierheimleiterin Sabine Urbainsky entschuldigend. Und tatsächlich, im Fechenheimer Tierheim geht es in diesen Tagen zu wie in einem Taubenschlag: Im Flur zeigt Tierärztin Barbara Holler einer Besucherin die Fotogalerie der zu vermittelnden Hunde. Zwei Gassi-Geher kommen mit ihren Paten-Hunden vorbei, ein Zoofachgeschäft bringt Preise für die Tombola zum Jubiläumsfest, zwei Helfer laden für diesen Anlass Teller und Servietten aus. Nur Heidi Lang bewahrt in diesem Moment die Ruhe: Sie ist im Katzenhaus, schmust ein bisschen mit Kater Ron. Denn die Fürsorge für die Tiere, das ist hier schließlich das Hauptgeschäft.

Das nehmen alle so ernst wie immer, aber nebenher bereiten die Tierschützer ein besonderes Sommerfest vor: Morgen, Sonntag, feiert der „Tierschutzverein Frankfurt/Main und Umgebung“ sein 175-jähriges Bestehen.

Der Frankfurter „Verein gegen Tierquälerein“, wie er bei seiner Gründung am 18. November 1841 hieß, zählt zu den ältesten Deutschlands. Seine Anfänge fallen in die Zeit der Industrialisierung, in der nicht nur Menschen, sondern auch Tiere unter oft unwürdigen Bedingungen malochten. Hunde und Pferde wurden in Bergwerken eingesetzt, zogen schwere Lohren und Wasserräder, sahen Jahre lang kein Tageslicht.

Angesichts solcher Umstände wandten sich Bürger gegen „unnötige Marter bei Nutzung und Tötung des Tieres“. Ihr bekanntestes Mitglied war der Philosoph Arthur Schopenhauer. Er schrieb in seiner Schrift „Über die Grundlagen der Moral“: „Mitleid mit allem, was Leben hat, Menschen und Tieren“ müsse das Grundprinzip menschlichen Handelns sein.

Der Verein setzte sich vor allem für Nutztiere ein, die vor Fuhrwerken, Kutschen und Transportwagen arbeiten mussten. „Benutzten die Betreiber solcher Fuhrwerke die ihnen anvertrauten Tiere mit Liebe und Sorgfalt, wurden sie sogar ausgezeichnet“, heißt es in der Vereinschronik. Tierquälerei jedoch oder Vogelfänger wurden angezeigt. Ein eigenes Büro bekam die Initiative erst 1865. Mit polizeilicher Legitimation kümmerte sie sich zudem um Tierschutzkontrollen beim Transport, Ein- und Ausladen von Schlachtvieh – ab 1875 mit eigenen Inspektoren.

Erbschaft rettet den Verein

Das erste Tierheim entstand 1912 in Niederrad. Mit Kriegsausbruch 1939 wurde der Verein zwangsweise mit dem Tier- und Katzenschutzverein zum „Tierschutzverein Frankfurt am Main und Umgebung“ zusammengelegt. Das Tierheim wurde städtisch, die Leitung übernahm der Zoodirektor. Im Krieg wurde die Arbeit des Vereins obsolet. Erst 1951 bekamen die Tierschützer am Börsenplatz ein neues Grundstück – der Platz reichte jedoch nicht. Mit Hilfe von amerikanischen Pionieren entstand dann 1953 ein Tierheim an der Gerbermühle. Doch auch dort wurde es bald eng – so eng, dass 1954 alle Tiere, die nach vier Wochen nicht vermittelt waren, eingeschläfert werden mussten. Auch finanziell ging es dem Verein schlecht, mehrfach stand er vor dem Ruin. Die Wende kam 1969 mit einer großen Erbschaft. Sie ermöglichte den Bau des heutigen, 8200 Quadratmeter großen Tierheims an der Ferdinand-Porsche-Straße 2-4. Heute leben dort 120 Hunde, 150 Katzen und 120 Kleintiere wie Vögel, Hasen und andere Nagetiere.

Anders als früher kümmert sich der Tierschutzverein heute vor allem um Hunde, Katzen und Kleintiere wie Vögel, Meerschweinchen, Hasen und andere Nager. Mehr als 1000 Tieren vermittelt er jedes Jahr ein neues Zuhause. Neben putzen, füttern und der medizinischen Versorgung in der eigenen Tierarztpraxis nehmen sich die 60 Haupt- und rund 100 Ehrenamtlichen möglichst viel Zeit: Die oft traumatisierten Tiere benötigen Zuneigung.

In den Kofferraum gepfercht

Denn brutale Tierquälerei gibt es wie damals. „Vor zwei Jahren stoppte die Polizei einen Tierhändler auf der Autobahn mit 85 Welpen verschiedenster Rassen. Die Tiere waren in viel zu enge Plastikkisten gequetscht, gestapelt im Kofferraum“, erzählt Sabine Urbainsky. In Osteuropa für fünf Euro gekauft, würden solche Hunde hier mit großem Gewinn direkt aus dem Kofferraum oder übers Internet verkauft. „Ohne Impfung und Papiere. Oft sind die Tiere krank“.

Meist sind es Einzelschicksale, die den Tierschützern Tränen in die Augen treiben. Wie der kleine Terrier, den sein Halter so lange gegen die Wand schlug, bis Nachbarn wegen des Krachs die Polizei riefen. Oder wie Staffordshire-Bullterrier-Mix „Horsti“, der seit Oktober 2015 beim Vereinsvorsitzenden, Michael Hallstein, und seiner Frau Sonja lebt. „Als er vor zwei Jahren ins Tierheim kam, ging es ihm schlecht.“ Brandmale von ausgedrückten Zigaretten, Knochenbrüche, von anderen Hunden zerbissen – der drei Jahre alte Rüde hatte Angst vor Artgenossen, wehenden Planen, sogar vor Pfützen. „Mit viel Geduld haben wir es geschafft, dass er ein fast normaler Hund ist.“

Der Tierschutzverein, sagt Michael Hallstein, gleicht einem mittelständischen Betrieb: Mehr als zwei Millionen Euro kostet der Unterhalt des Tierheims und des 1988 in Nieder-Mockstadt eröffnete Gnadenhofs. Dort leben mehr als 200 Tiere, von acht Pferden, über Katzen, Hunde, Schafe und Ziegen bis zu Hühnern und Gänsen. „Durch Mitgliedsbeiträge, Vermittlungsgebühren und Zuwendungen der Stadt nehmen wir solide rund 700 000 Euro ein. Den Rest finanzieren wir durch Spenden.“

Deshalb dient das Jubiläumsfest nicht nur als Fest für alle Unterstützer, sondern auch dazu, neue ehrenamtliche Helfer – etwa Gassi-Geher – und Förderer zu gewinnen. Eröffnet wird das Fest morgen um 10 Uhr von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). „The Gents and the Lady“ spielen Live-Musik. Es gibt einen Flohmarkt, Accessoires für Zwei- und Vierbeiner und eine Tombola. Um 14 Uhr findet eine Hunde-Olympiade statt.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen