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Logistik: Die Pakete kommen in Frankfurt jetzt mit der Tram

In Frankfurt sollen Straßenbahnen künftig nicht nur Fahrgäste, sondern auch Pakete ans Ziel bringen. Das soll die Umwelt entlasten und Transporter von den ohnehin überfüllten Straßen fernhalten. Doch es gibt auch Zweifel, inwieweit das Projekt umsetzbar ist.
An der Station Messe wird eine Box, die zum Transport von Waren dient, auf einem Fahrradanhänger abtransportiert. Das Pilotprojekt „Logistiktram“ soll dem klimafreundlichen Transport von Waren dienen. Foto: Rainer Rüffer An der Station Messe wird eine Box, die zum Transport von Waren dient, auf einem Fahrradanhänger abtransportiert. Das Pilotprojekt „Logistiktram“ soll dem klimafreundlichen Transport von Waren dienen.
Frankfurt. 

Dort, wo normalerweise die Fahrgäste ein- und aussteigen, versperrt eine große Holzkiste den Weg. Doch Menschen soll die Frankfurter Straßenbahn im typischen türkisblauen Farbton am Montag auch gar nicht transportieren. Obwohl sie wie eine normale Tram aussieht, handelt es sich um eine „Logistiktram“, die statt Pendlern Pakete ans Ziel bringt. Sie war in Frankfurt das erste Mal testweise unterwegs – vom Betriebshof im Gutleutviertel ging es zur Messe. Die Idee dahinter: Pakete sollen künftig per Straßenbahn in die vom Autoverkehr überlastete Frankfurter Innenstadt gebracht werden.

Die Tram wird dabei mit sogenannten „Mikrodepots“ beladen, Kisten voller Paketsendungen. Die Depots werden dann an Umschlagplätze in der Innenstadt gebracht. Von dort aus legen Fahrradkuriere mit den Kisten die letzten Meter bis an die Haustüren zurück. Das soll die Umwelt und den völlig verstopften Innenstadtverkehr entlasten. So lasse sich eine „nahezu emissionsfreie Citylogistik“ realisieren, sagt der Abteilungsleiter Stadtentwicklung der Stadt Frankfurt, Ansgar Roese.

Eine Box, die zum Waren-Transport dient, steht gesichert in einer Tram. Bild-Zoom Foto: Silas Stein (dpa)
Eine Box, die zum Waren-Transport dient, steht gesichert in einer Tram.

Ganz neu ist die Idee nicht. „Das ist alles ein bisschen retro hier“, sagt Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) bei der Vorstellung des Projekts. „Schon in den 60er Jahren gab es in Deutschland Güterverkehr per Straßenbahn.“ Nun sei er erneut nötig, weil der Versandhandel übers Internet boome, aber auch wegen der Umweltsituation in den Innenstädten. Abteilungsleiter Roese sagt, die Kombination aus Tram und Fahrrad sei dem herkömmlichen Transporter in Sachen Energieeffizienz überlegen.

„Vor zehn Jahren war noch kein Markt dafür da, jetzt aber schon“, sagt die Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Ein Grund ist nicht zuletzt das drohende Dieselfahrverbot in Frankfurt. Auch wirtschaftlich rentabel soll das Verfahren sein.

Die Konkurrenzfähigkeit der „Logistiktram“ betont auch Herbert Riemann und gibt ein ambitioniertes Ziel aus: „Das Verfahren soll zum Systemstandard werden“. Der Geschäftsführer von „Riemann Produktdesign“ hat zusammen mit Klaus Grund vom Logistikunternehmen „Sachen auf Rädern“ das System der Mikrodepots erfunden. Beide haben damit im vergangenen Jahr den „Ideenwettbewerb Klimaschutz“ der Stadt Frankfurt gewonnen. Das Preisgeld von rund 30 000 Euro haben sie ausgegeben, um einen Prototypen ihres Fahrradanhängers zu bauen. Das Gestell erinnert an einen High-Tech-Bollerwagen. Per Hydraulik werden die einzelnen Kisten aus dem transportablen Mikrodepot gehoben und an ein E-Bike gekoppelt.

Logistisch kaum umsetzbar

Ein Mikrodepot bringe etwa so viel Lieferleistung wie ein Transporter, so Riemann. Wie viele Depots in einen Straßenbahnwaggon passten, wird noch erforscht. Im Herbst ist ein größerer Probebetrieb vorgesehen. Läuft er gut, könnte das System in Frankfurt bald herkömmliche Transporter ersetzen. Ob so etwas in anderen hessischen Städten mit Straßenbahnen wie Kassel und Darmstadt auch denkbar wäre? In Darmstadt zeigt sich Silke Rautenberg von der HEAG mobilo GmbH, die das Darmstädter Straßenbahnnetz betreibt, skeptisch. „Die Idee wäre logistisch kaum umsetzbar“, sagt sie. Offen ist auch noch in Frankfurt, wie sich die Logistiktram auf den ohnehin schon überlasteten Pendlerverkehr auswirken wird. Der Gedanke scheint die Darmstädter abzuschrecken. „Wir sind jetzt schon an der Kapazitätsgrenze. Wir brauchen alle unsere Fahrzeuge für den normalen Linienbetrieb“, sagt Sprecherin Rautenberg.

Kann das Projekt die Luft in Frankfurt oder anderen Städten verbessern? Michael Müller-Görnert, Referent für Verkehrspolitik und Luftreinhaltung im Verkehr beim Verkehrsclub Deutschland (VCD), ist skeptisch. Grund: Die fehlenden Kooperationsbereitschaft der Branche. „In den 90er Jahren war Citylogistik auch ein großes Stichwort. Die Konzepte sind gescheitert, weil sich die Anbieter nicht auf einen einheitlichen Dienstleister einigen konnten. Da machen alle ihr eigenes Ding.“ Wenn es sich doch durchsetze, sei das Konzept ein guter erster Schritt – mehr aber nicht. „Wir müssen beim Klimaschutz auch an die Pkw gehen, die immerhin zwei Drittel der Verkehrsemissionen verursachen.“

Dieselfahrverbot ein Muss

Das sieht Riemann ähnlich. „Der Markt kann nicht alles regeln. Die Politik muss auch Emissionsgrenzen setzen.“ Das Dieselfahrverbot sei ein „toller erster Schritt“. Die Frankfurter Logistiktram könnte der nächste sein.

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