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FNP-Sommerreportage: Ein Tag unter vier Pfoten

In unserer Reihe „Die Sommerreportage“ schlüpfen Journalisten dieser Zeitung in eine fremde Rolle. FNP-Mitarbeiter Andreas Haupt hat die Chance genutzt, einmal einen Tag im Tierheim an der Seite der dortigen Ärztin zu verbringen. . .
Frankfurt. 

Gut, dass Tierpflegerin Martina Hessaun mir die Geschichte erst erzählt, als wir gehen. „Einmal biss mir ein Hase in dem Arm und ließ nicht mehr los, ich musste sogar den Notarzt rufen. Das war wie in dem Monty-Python-Film ,Die Ritter der Kokosnuss‘, da gab es doch dieses Killer-Kaninchen.“

Tierärztin Barbara Holler erklärt FNP-Mitarbeiter Andreas Haupt, wie eine Spritze unter die Haut des Hasen gesetzt wird. Bild-Zoom Foto: Leonhard Hamerski
Tierärztin Barbara Holler erklärt FNP-Mitarbeiter Andreas Haupt, wie eine Spritze unter die Haut des Hasen gesetzt wird.

Um es vorwegzunehmen: Gebissen haben mich die Hasen im Tierheim nicht. Vielleicht, weil die Tierheim-Tierärztin, Barbara Holler, sie gut festhielt, während ich ihnen die Spritze mit dem Impfstoff gab. Hund, Katzen, Hasen, Degus und sogar Frettchen durfte ich halten, kraulen, wiegen, mich mit Bockwürstchen bei ihnen einschmeicheln oder eben ihnen Spritzen geben – bei meinem Tag als Assistent von Barbara Holler, der Tierärztin im Fechenheimer Tierheim.

Mehr als 100 Hunde und 200 Katzen, außerdem Vögel, Hasen, Chinchillas und andere Nager leben auf dem großen Gelände des Tierschutzvereins Frankfurt und Umgebung in der Ferdinand-Porsche-Straße 2–4 in Fechenheim. So groß ist es, dass es eine eigene Tierarztpraxis hat. Ein Wartezimmer gibt es nicht: Tierärztin Barbara Holler kümmert sich ausschließlich um die Tierheim-Tiere.

Die ersten Patienten an diesem Tag sind Luna, eine schwarz-weiße Katzendame, und ihr namenloser, pechschwarzer Sohn. „Die Mutter ist zahm, aber die Jungtiere sind wild. Der Schwarze hier ist der Wildeste, den konnten wir bislang noch gar nicht untersuchen“, erzählt Tierpflegerin Sabine Hillebrandt.

Bei Mama Luna ist Fädenziehen angesagt, nach ihrer Kastration. Helfen kann ich nicht. Ich bin ein Fremder für Luna, deshalb hält Hillebrandt sei selber fest, während Holler vorsichtig die Fäden zieht. Holler muss aufpassen, dass sie die Katze nicht schneidet, denn die Kleine zuckt bei der kleinsten Berührung mit dem kalten Metall der Schere zusammen. Aber es geht gut.

Weniger gut läuft es mit dem kleinen Kater: Der wehrt sich so sehr, dass Hillebrandt es aufgibt, ihn aus der Transportbox zu holen: Er könnte sich verletzen oder jemanden anderen. Und verletzte Pfleger kann das Tierheim zurzeit gar nicht gebrauchen: Zwei Hundepflegerinnen seien krank geschrieben, weil sie gebissen wurden, eine von ihnen in beide Arme, erzählt Holler.

 

Saubermachen

 

Endlich kann ich auch mal was tun: Den Untersuchungstisch säubern. Das Handtuch auf dem Tisch wird nach jedem Patienten ausgetauscht, damit kein Tier sich bei einem anderen ansteckt. Ein paar Katzenhaare landen im Müll, Holler desinfiziert mit einem Spray den Tisch. „Wir haben verschiedene Desinfektionsmittel, je nach Anwendungsgebiet.“ Händewaschen, desinfizieren, wie im Krankenhaus – auch das muss hier sein, das wird für mich nun zur Standardprozedur nach jedem Patienten.

Als nächster kommt Rocky, ein kleiner schwarz-brauner Mischling, „vermutlich ein Pinscher-Mix“, meint Holler. Am Nachmittag sollen seine neuen Halter kommen, nun steht eine letzte Untersuchung an. Er röchelt, ringt nach Luft, Holler hört das Herz ab. „Er hat ein etwas vergrößertes Herz, das zeigt das Röntgenbild. Aber ungewöhnliche Geräusche höre ich nicht“, sagt die Tierärztin. Sie will auf Nummer sicher gehen, will noch einmal mit den neuen Haltern sprechen. Denn sie fürchtet eine ernste Erkrankung und somit Folgekosten. „Nicht alle sind bereit, ein krankes Tier zu nehmen. Deshalb beraten wir intensiv, erklären lieber zu viel als zu wenig.“

Wieder kommen zwei Katzen, Perserkater Sir Henry und Cinderella. Sir Henry erhält eine Narkosespritze, schläft im Nebenraum ein: Bei ihm soll Zahnstein entfernt werden. Cinderella hingegen muss ihre Behandlung so überstehen: Ihre Ohren werden sauber gemacht. Ich staune nicht schlecht, wie viel klebriger, tiefschwarzer Dreck in so ein Katzenohr passt. Cinderella findet gar nicht gut, was da mit ihr geschieht, schüttelt sich, macht sich lang und fährt die Krallen aus.

Jetzt ist Sir Henry dran. Wie leblos liegt er auf dem Tisch, die Zunge hängt aus dem Maul. Katzenpflegerin Simone Faust hat auch Kamm und Bürste gebracht, um Sir Henrys Fell vom Filz zu befreien – und weil sie weg muss, wittere ich die Chance auf meine erste richtige Aufgabe: Ich fange an, Sir Henry zu bürsten.

Eigentlich habe ich mehr Erfahrung mit Hunden, wir hatten früher immer Hunde zu Hause, oft habe ich sie gebürstet. Bei einer Katze aber ist alles irgendwie kleiner. Fast traue ich mich nicht, denn ich habe Angst, Sir Henry weh zu tun – bis ich mir klarmache: Der merkt nichts, der liegt doch in Narkose. Ich muss nur aufpassen, dass ich das leichte Tier nicht zu sehr hin und her ziehe beim kämmen – denn während ich an Bauch und Beinen zugange bin, entfernt Holler den Zahnstein.

Die kleinen, nur erbsengroßen Fellknubbel kann ich gut ertasten, löse sie vorsichtig Stück für Stück mit dem Kamm auf, sammle die Haare auf der Bürste. Doch es dauert: Holler ist längst mit den Zähnen fertig, da bin ich noch mitten bei der Fellpflege. Weil die Zeit nicht drängt und Sir Henrys Narkose noch lange wirken wird, mache ich weiter, bis alle Fellknäuel weg sind.

Danach ist wieder Putzen angesagt: Überall im Behandlungszimmer fliegen Hunde- und Katzenhaare herum. Während Holler im Flur telefoniert, schnappe ich mir einen Handfeger und mache klar Schiff.

Holler geht mit mir zu den Degus. Nie gehört, denke ich, und frage nach. „Die kommen aus Lateinamerika und sind mit Meerschweinchen und Chinchillas verwandt“, erklärt Holler, während sie ein paar Spritzen mit Impfstoff aufzieht – für vier Hasen, die im gleichen Gebäude untergebracht sind.

Im Obergeschoss des Nachbargebäudes begrüßt uns Martina Hessaun, die die Nager und Vögel betreut. In zwei großen Käfigen sitzen hier Dutzende Degus. Jene im linken Käfig sollen nach Männchen und Weibchen getrennt werden. Damit es nicht wieder Nachwuchs gibt. Denn zwei Weibchen haben schon Kleine, die einen mehrere Wochen alt, die anderen zehn Tage.

Mit der Hand greift Hessaun ein Jungtier, legt es geschickt in ihrer Hand auf den Rücken, so dass Holler sehen kann: Ein Männchen. Nochmal umdrehen, Holler träufelt dem Jungtier ein paar Tropfen gegen Flöhe, Milben und andere äußere Parasiten ins Fell. Zwei Plastikboxen mit Deckel stehen bereit, die rechte für die Männchen, der linke für die Weibchen.

Weil ich nicht nur danebensitzen will, fasse ich nach dem nächsten Jungtier. Doch ich lasse wieder los: Das junge Degu huscht los, ich erwische nur den Schwanz. Vorhin hatte Holler noch erklärt, der Schwanz gehe leicht ab, zurück bleibe nur ein wie skelettiert aussehender, fast durchsichtiger Stummel. Um im Notfall – ohne Schwanz – einem Feind zu entkommen. Das tue den Tieren nicht weh, sagt Holler. Aber sehen möchte ich das nicht unbedingt.

Ich greife wieder zu, lege den Nager auf den Rücken: Ein Weibchen. Ein Tropfen Flohmittel und ab in die linke Box mit ihm. Hessaun und ich fangen nun abwechselnd die Tiere, das geht recht schnell. Dann schnappe ich mir ein erwachsenes Degu – und das wehrt sich: Mit den Hinterpfoten versucht es, sich von mir wegzustoßen, die kurzen scharfen Krallen schrappen über meine linke Hand. Wie kleine Nadelstiche ist das, aber ich halte fest. Entwischt mir das Tierchen bei geöffneter Tür zum Hof, kriegen wir es nicht mehr wieder. Ich lege ihm die Hand über Nase und Augen, das Degu merkt: Nach vorne kann ich nicht entkommen. Es ist ein Männchen, ab in die rechte Kiste. Erst jetzt merke ich, dass mir an mehreren Stellen Blut über die Hand läuft. Egal. Kurz abwischen, und weiter geht’s.

Unten im Erdgeschoss darf ich die Hasen impfen. Beim ersten, Stichel, machen wir es noch so herum: Ich halte Stichel fest und Holler gibt ihm die Spritze. „Sie müssen eine Hautfalte am Rücken nehmen und dann die Spritze horizontal in die Hautfalte stechen“, erklärt die Tierärztin.

 

Spritzen setzen

 

Bei Emma machen wir es andersherum. Irgendwie kriege ich nur Fell zu fassen, ich brauche beide Hände, lege die Spritze kurz zur Seite. Da, das ist eine Hautfalte, jetzt schnell. Ich nehme die Spritze, aber Holler korrigiert mich: „Nicht wie einen Stift, halten Sie die Spritze von oben. Sonst können Sie sie nicht horizontal einführen“, zeigt sie mir. Ich korrigiere den Griff, spüre wie die Spritze durch die Haut dringt. Jetzt den Impfstoff injizieren, fertig. Das ganze noch zwei Mal, mit Flecky und Lina, fertig.

Später, nach der Mittagspause, bringt Alexandra Huse zwei eher seltene Gäste in die Tierarztpraxis: Die Frettchen Kelly und Gina. Gina ist etwas frech, deshalb hält Huse das kleine Frettchen selbst, während Holler die Ohren sauber macht. Unterdessen wiege ich Kelly, spiele ein wenig mit dem zutraulichen Frettchen: Das kleine Raubtier beißt nicht, kratzt nicht – ganz anders als die Degus vorhin.

Jetzt wird es für mich und Othello gemütlich. Der Mischlingsrüde muss an den Tropf – und ich soll bei ihm bleiben und aufpassen, dass er nicht vom Sofa im Nachbarzimmer hüpft. „Er hat erhöhte Nierenwerte. Wir versuchen, die Niere zu spülen, damit die Werte nicht noch schlimmer werden.“ Othello und ich machen es uns bequem, Holler hängt den Tropf an die Wand, legt die Kanüle an der linken Vorderpfote frei und schließt den Tropf an. Othello legt seine Vorderpfoten auf meine Beine und genießt: Eine Stunde lang Dauerkraulen, welch ein Luxus! An Aufstehen denkt der Rüde nicht, im Gegenteil: Mache ich mal kurz Pause beim Kraulen, stupst er meine Hand an oder wirft den Kopf leicht hin und her, um mich aufzufordern: Mach weiter, bloß nicht aufhören!

 

Nicht ohne, die Dogge

 

Unsere letzten beiden Patienten sind wieder Hunde. Der braun-beige gefleckte Bootsmann ist eine große italienische Dogge, ein Dogo Canario. Auch bei ihm ist Fädenziehen angesagt, aber nicht ohne Maulkorb. „Der ist nicht ohne, der kann auch mal zuschnappen“, warnt Tierheimleiterin Sabine Urbainsky, die ihn hineinbringt. Der Hund bringt über 40 Kilo auf die Waage, ist ein Kraftpaket. Urbainsky lässt ihn sich hinlegen, dreht ihn auf den Rücken. Ich halte Bootsmanns Beine fest, damit Holler die Fäden ziehen kann – und ich muss richtig zupacken, die Beine leicht auseinanderdrücken. Denn winselnd versucht Bootsmann, sich umzudrehen: das Fädenziehen zwickt.

Und dann geht es um Bagira, einen 24-Kilo-Rüden, mit breiter Brust und sehr schmalen Hüften – nach einer Operation hat der Hund stark abgenommen. Seine neuen Halter sind da, wollen ihn abholen, Bagira freut sich, als er das Paar sieht. Auch mit ihnen will Holler noch einmal reden, zeigt uns allen die Röntgenbilder von der Hüfte, noch vor der Operation – denn Bagira hat eine sehr schmerzhafte Arthrose. „Hier und hier, diese Schatten, beide Hüftgelenke sind von der Arthrose stark in Mitleidenschaft gezogen worden“, erklärt die Ärztin anhand der Bilder. Aber es gebe einen Spezialisten für Arthrose, einen Tierarzt, der Bagira operiert hat – und beide Hüftgelenke entfernte. Ich staune: Wie soll der Hund denn so laufen? Er scheint doch recht fidel zu sein. „Das geht bei Hunden. Die Muskulatur hält die Knochen so gut, dass sie das Hüftgelenk ersetzen“, erklärt Holler. Noch müsse Bagira Muskeln aufbauen, „aber das geht sicher schnell“.

Für mich ist nun Schichtende, Holler wird noch etwas aufräumen, den Papierkram erledigen, der 50 Prozent ihrer Arbeit ausmacht. Mir hat es Spaß gemacht, einen Tag lang mit den Tieren zu verbringen.

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