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Der Rote Faden, Folge 192: Hans-Volker Happel - Der Drogenforscher

Hans-Volker Happel hat als Student mal gekifft, seitdem kam er von den Drogen nie mehr los. Er forschte über die, die den Rauschmitteln verfallen sind und sorgte dafür, dass sie in Frankfurt anständig behandelt werden. Ein Porträt.
Hans-Volker Happel hat an einem der kleinen schwarzen Tische im Konsumraum an der Niddastraße Platz genommen. Wenig später werden dort Männer und Frauen sitzen und sich ihr Heroin und andere Drogen spritzen. Dafür, dass sie dies an einem so sauberen und damit sicheren Ort tun können, hat Happel lang gekämpft. Foto: Salome Roessler Hans-Volker Happel hat an einem der kleinen schwarzen Tische im Konsumraum an der Niddastraße Platz genommen. Wenig später werden dort Männer und Frauen sitzen und sich ihr Heroin und andere Drogen spritzen. Dafür, dass sie dies an einem so sauberen und damit sicheren Ort tun können, hat Happel lang gekämpft.
Frankfurt. 

Als die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung das erste Mal über ihn berichtete, blieb sein Name ungenannt. Zum Glück, denn der Beitrag war wenig rühmlich. Da habe doch ein Student trotz der Einnahme bewusstseinserweiternder Substanzen die Polizei nicht erkannt, amüsierte sich der Redakteur. Dem bekifften jungen Mann, den der Schreiber da durch den Kakao zog, war in jener Nacht Anfang der 1970er Jahre überhaupt nicht nach Lachen zumute. Weil er nicht nur Haschisch geraucht, sondern auch noch etwas Stoff in der Tasche hatte, landete er im Gefängnis; auf eine Nacht zusammen mit Schlägern, Betrügern, Zuhältern.

„Das hat mich verstört. Ich sah plötzlich, dass ich alles aufs Spiel gesetzt hatte. Von da an habe ich es gelassen mit den Drogen“, erzählt Hans-Volker Happel. „Ich bin nun wirklich kein Freund des repressiven Ansatzes. Aber bei mir hat es gewirkt.“

Der Rote Faden - 
Frankfurter im Porträt,
Societäts-Verlag 2015,
208 Seiten, Bildband,
€ 19,80 (D) / € 20,40 (A) / sFr 28,50 (CH), 
ISBN: 978-3-95542-147-2 Bild-Zoom
Der Rote Faden - Frankfurter im Porträt, Societäts-Verlag 2015, 208 Seiten, Bildband, € 19,80 (D) / € 20,40 (A) / sFr 28,50 (CH), ISBN: 978-3-95542-147-2
Ganz von den Drogen kam er aber nicht los. Die Frage, warum Menschen für den Rausch alles riskieren, ihr Leben hergeben, erst das soziale und geistige, dann das physische, wurde Happels Lebensthema. Die Lebensleistung des Professors im berüchtigten Unruhestand ist es, dass er Wege mitbaute, vielen dieser Menschen das Leben zu retten, ihnen mindestens etwas Würde zurückzugeben. Happel ist Mitbegründer des Vereins „Integrative Drogenhilfe“. Er führt ihn seit 30 Jahren und ist damit einer der Vordenker der progressiven Drogenpolitik, die heute als „Frankfurter Weg“ am Main gefeiert und vielerorts nachgeahmt wird. „Ich verstehe mich nicht als Lebensretter“, wehrt der groß gewachsene Mann bescheiden ab. Und wird dann nachdenklich. „Aber vielleicht sollte ich mir ein bisschen mehr Stolz auf das Erreichte gönnen.“

Er könnte es guten Gewissens tun. Auszeichnungen wie der Ehrenbrief des Landes und die vielen Einladungen in internationale Fachgremien zeugen davon; ein Blick zurück macht es augenfällig. Nach jenen wilden Studententagen im Kreise der „68er“ betreibt Happel an der Universität in Mainz ernsthafte wissenschaftliche Studien. Er hat sich für Psychologie eingeschrieben. Kinder- und Jugendtherapeut will er werden, aber das wollen hunderte andere auch. Also schaut Happel, was die Professoren zur Suchtthematik zu sagen haben.

Junge vom Land

Happel ist 1948 in Gladenbach unweit von Marburg geboren. Gern wäre er der Junge vom Land geblieben, doch der Vater findet eine Stelle in den Farbwerken Hoechst. Gut, dass die Eintracht damals erfolgreich spielt, im Waldstadion nämlich macht der Zehnjährige seinen Frieden mit der neuen Stadt. 1968 besteht er an der Liebigschule in Westhausen sein Abitur, fällt an der Universität also mitten hinein in den Aufruhr der Studenten, zu dem auch Experimente mit Haschisch, LSD, Kokain und Heroin gehören. Und kennt Schicksale von Freunden, die diese nicht überleben.

Was er zu all’ dem in den Mainzer Seminaren hört, überzeugt ihn nicht. Drogensucht, sei es nun nach Alkohol, Medikamenten oder Heroin, ist Anfang der 1970er bereits ein großes Thema, man hat sie als Erkrankung erkannt. Doch die Abhängigen stellen sich selbst die Fachleute fast durchweg als charakterlose Gesellen vor, als Menschen ohne Selbstdisziplin und Willensstärke, Mündel also, die mit Druck und Hilfe zur Abstinenz zu bringen sind. Wegsperren und Bestrafen sind gängige Umgangsformen.

Happel stellt seine eigenen Fragen. Für seine Promotion geht er eine große Studie zum jugendlichen Trinkverhalten an. „Ich wollte wissen, wie die jungen Leute wirklich trinken, mit welchen Erwartungen sie das tun.“ Ähnliche Fragen stellt er den Patienten, die er in den Kliniken trifft, in denen er seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelt. In Heppenheim kann er die Abteilung für Suchtmittelabhängige mit aufbauen – und eine seiner seit damals gültigen Grundüberzeugungen einbringen: „Es braucht eine Vielfalt an Entzugstherapien.“

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Der rote Faden Das rote Band der Sympathie

Der Societäts-Verlag hat eine Porträtreihe aus der Frankfurter Neuen Presse aufgenommen: „Der rote Faden“ vereint 40 Frankfurter, die Großes geleistet haben.

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Diese Meinung teilen nicht viele, Mitte der 1980er Jahre zeigen ihm beinahe alle Kollegen und Experten seines Fachgebiets einen Vogel: Happel, der 1982 als Professor an die Fachhochschule Frankfurt berufen worden ist und dort im Fachbereich Sozialpädagogik zum Schwerpunkt „Sucht- und Drogenproblematik“ forscht, propagiert plötzlich die Möglichkeit der Selbstheilung von Abhängigen. Er legt gemeinsam mit Kollegen eine Studie vor, die aufzeigt, dass es nicht wenige allein schaffen, von den zerstörerischen Stoffen wegzukommen. Und dass man diese Selbstheilungskräfte nicht dadurch wecken kann, indem man die Betroffenen zu sofortiger Abstinenz drängt.

Happel klingen die Sätze heute noch in den Ohren: Wolfram Keup, damals eine unbestrittene Koryphäe in der deutschen Suchtforschung, reagiert mit dem Hinweis, dass es niemanden gäbe oder gegeben habe, der sich allein aus der Sucht befreien konnte. Die Leute, von denen Happel und Kollegen berichten, könnten allenfalls Gelegenheitskonsumenten gewesen sein. „Dabei gab es doch überzeugende Studien aus den USA: Zum Ende des Vietnamkrieges hatte man befürchtet, dass mit den Soldaten 200 000 Süchtige ins Land zurückkehren. Tatsächlich blieben nur zehn Prozent davon übrig. Etwa ein Drittel der jungen Männer hatte nach dem Krieg einfach aufgehört zu trinken, Heroin zu spritzen oder etwas zu rauchen“, argumentiert der Wissenschaftler heute wie damals. Seine Erkenntnis wird trotzdem ignoriert. Von den 54 Drogenberatungsstellen in Hessen, die es 1987 gibt, nehmen gerade mal zwei das Angebot an, sich den Abschlussbericht des Forschungsprogramms zuschicken zu lassen.

Und dann kommt Aids. Das HIV-Virus verbreitet sich gerade in der Drogenszene rasend schnell. Jetzt ist den politisch Zuständigen jedes Mittel recht, das Abhilfe verspricht. So hört man auch denen besser zu, die statt vom Motto „Keine Macht den Drogen“ lieber vom „Leben mit Drogenabhängigen“ sprechen. Durch ganz Westeuropa dringt diese Debatte und Happel, der frühere Schulsprecher, ist oft als Wortführer mittendrin.

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