E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Hofheim am Taunus 14°C

Frankfurter Altstadt: In der Altstadt rund um den Domturm herrschte nicht immer nur eitel Sonnenschein

Von Vor einem Jahr wurde der Stoltze-Brunnen auf dem Hühnermarkt, dem zentralen Platz der neuen Frankfurter Altstadt, eingeweiht. Bei Stoltze und anderen Mundart-Dichtern spielt die Altstadt eine heimliche Hauptrolle.
Der Hühnermarkt samt Haus von Goethes „Tante Melber“ um 1850. Der Hühnermarkt samt Haus von Goethes „Tante Melber“ um 1850.

Das alte Herz unserer Stadt beginnt neu zu schlagen: Hühnermarkt, Hinter dem Lämmchen, Rebstockhof, Krönungsweg, Neugasse. Die reich verzierten Häuser an den alten Plätzen und Gassen zeigen ihre volle Pracht. War das früher auch so? Nein. Die Frankfurter Altstadt war nie ein prachtvoller Ort, sondern vielmehr ein vom Leben gezeichnetes Quartier – verbaut, manchmal muffig, immer sehr lebendig.

Das Dächergewirr der Altstadt lässt erahnen, wie zugebaut und verwinkelt das Areal war. Bild-Zoom
Das Dächergewirr der Altstadt lässt erahnen, wie zugebaut und verwinkelt das Areal war.

In Friedrich Stoltzes „Liebesbriefen“ schreibt der Frankfurter Dichter in „Meiner Frau Marie II“ folgende Verse: „In Frankfurt, da weiß ich ein Gäßchen so klein, / Fünf Häuser in allem, die stehen darein, / Fünf Häuser in allem, kein einziges mehr, / Zwei rechts und zwei links und das andere quer. / Und über der Thüre, in Sandstein gehau’n, / Es ist da ein flammendes Herze zu schau’n, / „Halleluja Maria!“ ist drüber gemetzt. / Wer hat uns im Voraus dies Denkmal gesetzt?

Hochdeutsch ist bei Stoltze selten, nicht aber, dass die Altstadt bei ihm eine tragende Rolle spielt. In „Das Ständche in der Säubitt“ lässt er jedoch erahnen, dass die enge, schmutzige und auch von ihren Gewerben geprägte Altstadt nicht immer ein Genuss war:

„Drum hunnert Mal im Dag gewiß / Steiht err vorbei, e Wunner! / Un werft enuff ihr nix als Kiß, / Un sie werft Kiß erunner. / Selbst Mondags bleibt err nett eweck / Un waadt’ da dorch den Schlachthausdreck / Mit de lackierte Stiwel / Un richt sich zu net iwel.“

Die Hockinnen

Friedrich Stoltzes Sohn Adolf hat über die Altstadt gar einen ganzen Schwank geschrieben: Das Schauspiel „Alt-Frankfurt“ wurde bei seiner Uraufführung am 31. Dezember 1887 vom Publikum stürmisch gefeiert. Es brachte Stoltze den endgültigen Durchbruch als Bühnenautor. Es ist das Stück mit dem berühmten Ausruf „Ach, mei Fieß! mei Fieß! die enge Stiwwel“, dargebracht von Fr. Schnippel

Im 1. Bild, 3. Auftritt, sagt die Figur Heinrich, Sohn von Hieronymus und Euphrosine Muffel, unglücklicher Galan, zum Lehrling, der sein Liebesbrief-Bote sein soll: „Peter, ich will doch emal seh, ob de e piffiger Kerl bist. Siehst de des Briefche hier? Des breng merr uff den Remerberg, am Eck vom Mark. Dicht newer der Samehannlung sitzt e jung Hockin unner emme große rote Barbleh; dere gibbst de’s, odder beileib kääner annere.“

Das Stück spielt vor 1866, also in vorpreußischer Zeit, als Frankfurt noch Freie Reichsstadt war. Hockinnen waren Straßenhänglerinnen, meist Bauersfrauen aus dem Umland, die sich einfach auf die Straße hockten und ihr Gemüse verkauften. Großstädtisch ging es allerdings nicht unbedingt zu. In der Regieanweisung zum 8. Bild heißt es: „Gemüsemarkt auf der östlichen Seite des Römerberges. Höckerinnen und Bauersleute, zum Teil unter großen, roten Regenschirmen, hinter Mahnen mit Gemüse, Butter, Eiern und Handkäsen. Während der folgenden Szenen lebhaftes Treiben im Hintergrunde.“

Eng und verwanzt

In Adolf Stoltzes Humoreske „Der aagenehme Mieter“ geht es um die Verzüge eines Neubaus und damit indirekt ums Unangenehme der alten Bausubstanz: „Net wie bei Ihne, ohne Kohleuffzug un ohne Balkoo. Da verfriert mer net im Winter un verbrennt ääch net im Sommer. Alles in der Reih, alles neu hergericht un frisch lackiert un dabbeziert, also ääch kää Wanze, wann Se’s wisse wolle, un was die Hauptsach is, bedeutend billiger wie bei Ihne.“ Kleine Tierchen wie Wanzen oder anderes Ungeziefer bildeten tatsächlich ein Problem in der eng bebauten Altstadt.

Weniger bekannt als die Stoltzes ist der Frankfurter Heimatdichter Carl Balthasar Malß, doch er ist der einzige Frankfurter Dichter, den der große Goethe selbst „höchlich empfohlen“ hat, was Malß in der Vorrede zur 1833 erschienenen vierten Auflage zu seinem Lustspiel „Der alte Bürgerekapitän“ folgendermaßen ausdrückte: „Zu dem hot mer aus sichern Quelle, daß aach der alt Herr Geethé driwwer gelacht.“ Der Stück erklärt viel übers Leben in der Frankfurter Altstadt, denn: In der Reichsstadt Frankfurt war ein Bürgerkapitän der gewählte Vorsteher eines der 14 Stadtquartiere. Seit dem Fettmilch-Aufstand von 1614 war das Stadtgebiet innerhalb der Stadtmauern in 14 Quartiere eingeteilt, und diese Quartiere waren ähnlich der Contraden in Siena oder der Sestieri in Venedig soziale Gemeinschaften innerhalb der Stadtgesellschaft.

Bewaffnete Quartiere

Jedes Quartier bestand aus etwa 170 bis 270 Häusern, die innerhalb jeden Quartiers durchnummeriert waren. Ein modernes Nummernsystem wie heute wurde erst in preußischer Zeit eingeführt, also nach 1866. Bis 1812 war der „Bürger-Capitain“ ein in demokratischer Wahl bestimmter Repräsentant der Bürgerschaft. Es war ein wichtiges Amt, denn zu seinen Aufgaben zählte die Organisation des Brandschutzes, des nächtlichen Wachdiensts und der Schanzarbeiten – zur Instandhaltung der Stadtbefestigungen. Er war außerdem Befehlshaber einer bewaffneten Kompanie, gebildet aus Bürgern seines Quartiers. Alle Bürgerkompanien zusammen bildeten die Bürgerwehr, die allerdings keinen militärischen Wert hatte, sondern ausschließlich repräsentativen Zwecken diente. Der Bürgerkapitän hatte auch Verwaltungsaufgaben: Er führte die Quartierrolle, also das Einwohnerverzeichnis, das die Grundlage der Schatzung bildete – der Veranlagung zur Vermögensteuer.

Literarisches Denkmal

Durch die Dalbergschen Reformen wurde das Amt 1812 abgeschafft und eine Reihe von Aufgaben, die vorher in den Quartieren gelegen hatten, auf die Stadt verlagert. Carl Malß’ Lustspiel wurde 1821 uraufgeführt. Er setzte dem Gastwirt und ehemaligen Bürgerkapitän Kimmelmeier und seinem Leibschützen Millerche ein literarisches Denkmal und schuf quasi den zeitgeistigen Abgesang auf das alte reichsstädtische Frankfurt. Das Stück war einer der großen Dauerbrenner des Frankfurter Volkstheaters.

Zur Eröffnung der „neuen“ Frankfurter Altstadt wird die „Fliegende Frankfurter Volksbühne“ von Michael Quast die Altstadt mit zwölf Schauspielern und sechs Musikern bespielen. Impresario Michael Quast ist gerade dabei, die passenden Texte aus dem Schatz der Frankfurt-Literatur auszusuchen . . . Ein Text, der nicht fehlen wird, ist Friedrich Stoltzes „Von Frankfurts Macht und Größe“, in dem der Dichter seinen Großvater ein Loblied auf die Heimatstadt singen lässt:

Viele Türme

„Ja, hat mei Großvatter mit sehr vieler Würde gesacht: da drunne die groß, groß Stadt, des is die frei Reichsstadt Frankfort am Main un geheert zu Frankfurt mit sammt Sachsehause un der ganz Gemiesgäärtnerei. Un alle Thern geheern zu Frankfort: der Pathorn, der Katherinethorn, der Eschemerthorn, guckst de, der da ganz hinne! un der Nickelaithorn un der Rentethorn un der Mexterthorn un alle Waart-Thern: hie der, die Sachsehäuser Waart un die Bockemer un die Fribberjer un die Gallje Waart un noch emal e Last annern Thern! Un dort des große Dorf, deß is Bernem, wo’s die gute Butterkuche gibt, un des is ääch unser! Un Nidderrad, wo der Schneider sei Werthschaft hat, un Owerrad, wo der Klaus is, un Hause, wo dem Braumann sei Gaarte is, un Bommees un Nidderorschel un Niddererlebach un Gott wääß was all noch for Dörfer. Un da unne der ganze Mää geheert ääch Frankfort un die Nied bei Hause geheert ääch uns un ääch die bei Bommees un noch viele annern reißende Fliß: der Mexterbruck, der sich am Owwermäädhor in den Määstrom ergieße dhut un die Luderbach, die sich beim Sandhof mit dem Mää vermählt. Un merr hawwe ääch sehr viel Beerg: hie der Sachsehäuserbeerg un da der Mihlbeerg un da der Larchusbeerg, un dort driwwe der Rederbeerg un der Bornheimerbeerg. Des geheert all unser.“

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen