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Tierheim Fechenheim: Liebe auf den ersten Blick

Arbeit gibt es im Tierheimen genug, daher werden Ehrenamtliche oft händeringend gesucht. Gassigeher gibt es zwar schon, doch an Katzenstreichlern und sonstigen Pflegern ist immer Bedarf. FNP-Mitarbeiterin Sandra Kathe half einen Tag im Fechenheimer Tierheim aus und machte dort vor allem Bekanntschaft mit den fast 200 Katzen.
FNP-Mitarbeiterin Sandra Kathe mit einem blauäugigen Fellknäuel, das gerade mal so groß ist wie ihre Hand. Katzenbaby Fleur sei gerade einmal ein paar Wochen alt und als Fundtier im Tierheim Fechenheim abgegeben worden. 	Fotos: Holger Menzel Bilder > FNP-Mitarbeiterin Sandra Kathe mit einem blauäugigen Fellknäuel, das gerade mal so groß ist wie ihre Hand. Katzenbaby Fleur sei gerade einmal ein paar Wochen alt und als Fundtier im Tierheim Fechenheim abgegeben worden. Fotos: Holger Menzel
Frankfurt. 

Für die einen beginnt der Tag früher, für die anderen später im Tierheim Fechenheim. Während Tierpflegerin Heidi Lang mir schon seit einer viertel Stunde erklärt, was ich beim Putzen der Quarantäne-Boxen für die Neuankömmlinge beachten soll, streckt der Tigerkater in Box 12 gerade noch verschlafen die Pfote aus dem Tragekorb, den er seit einigen Tagen als Schlafzimmer benutzt. Zwangsweise – denn ausgesucht hat sich der namenlose Knirps sein Schicksal bestimmt nicht.

Ich bin heute im Katzenhaus eingeteilt, wo ich die Tierpflegerinnen bei ihrem Tagesablauf unterstützen soll. Simone Faust, Leiterin des Katzen- und Kleintierhauses ärgert sich immer noch über die Geschichte des einjährigen Stubentigers. Während wir uns ums Reinigen der Boxen kümmern, erzählt sie: „Den hat seine Familie am Dienstag bei uns abgegeben“ – vor zwei Tagen also.

Tiere als Spielzeug

Damit ist er fast die 200. Katze, die im Tierheim ein Übergangszuhause finden muss. „Der unkastrierte Kater hatte Probleme gemacht, nachdem ihn die Familie im Urlaub wochenlang allein gelassen hatte. Montag riefen sie an und fragten, ob sie ihn bringen könnten.“ Doch so kurzfristig nimmt das überfüllte Tierheim keine Abgabekatzen. Am Dienstag kam die Familie dann vorbei: „Entweder ihr nehmt ihn, oder wir setzen ihn aus“.

Auch Gassigehen gehört zu den Aufgaben. Bild-Zoom
Auch Gassigehen gehört zu den Aufgaben.

Geschichten wie diese erleben die Tierpfleger täglich. Auch im Hunde- und Kleintierbereich sieht es ähnlich aus, vor allem, wenn Kinder den Spaß an den Tieren verlieren. „Das sind dann auch immer mal wieder dieselben Leute, die kommen. Kurz nach Weihnachten geben sie ein Kaninchen ab, weil die Tochter sich entgegen der Abmachung nicht darum kümmert. Einige Monate später: Dieselbe Familie, ein neues Kaninchen. Sie hatten zum Geburtstag den nächsten Versuch gestartet.“ Martina Hessaun versteht nicht, warum gerade Kleintiere immer wieder als Spielzeug gesehen werden.
 

Gerade weil hier so viele Tiere leben, wird sehr auf Sauberkeit geachtet. Jeder Raum und jede Box wird täglich gesäubert und frisch hergerichtet, dass es die Tiere so heimelig wie möglich haben. Den ganzen Tag drehen sich die Trommeln der sechs großen Industrie-Waschmaschinen in der Waschküche. Dort stapeln sich Kissenbezüge, Handtücher und Decken auf der einen, die Säcke mit dreckiger Wäsche auf der anderen Seite. Allein der Stapel, den wir am Morgen für das Katzenhaus in einem Einkaufswagen über den Hof fahren ist weit über einen Meter hoch.

Der Tagesablauf ist fast überall derselbe im Tierheim – egal ob man Katzen-, Hunde- oder Kleintiere pflegt. Jeden Tag werden die Boxen, Zwinger und Gehege gereinigt, Futternäpfe abgespült, Böden gefegt, zweimal am Tag Essen serviert. Die Tierpfleger sind oft mehr mit den Gehegen beschäftigt, als mit den Tieren. Doch natürlich gibt es noch besondere Aufgaben, die die verschiedenen Schützlinge erfordern. Dafür hat das Tierheim zahlreiche Helfer: Für die Hunde gibt es Gassigänger, für die Katzen und Kleintiere kommen Ehrenamtliche vorbei, die mit ihnen spielen und schmusen.

Ich zum Beispiel sitze in einer Putzpause im Einzelzimmer von Dori, die – so habe ich mir sagen lassen – Menschen gegenüber sehr nett ist, aber zum Löwen mutiert, wenn eine andere Katze in Sichtweite auftaucht. Oder mehr „zum Panther“, denn der sieht der schwarzen Katze mit den gelben Augen schon ähnlicher. Die 12-jährige Katze ist fast taub, geht aber ohne Angst auf mich zu und liegt Sekunden später schnurrend auf meinen Beinen. Da ich aber zum Arbeiten hier bin und nicht nur zum Bespaßen der Katzen geht es zurück zu den Boxen. Außerdem erinnert mich Dori an die Worte einer Freundin, als sie von meinem Vorhaben erfuhr, einen Tag im Tierheim zu arbeiten: „Mal sehen, wie viele du am Ende mit nach Hause nehmen willst.“ Ich bleibe stark und verlasse den Raum. Dori maunzt protestierend.

Zurück im Quarantänebereich muss ich mir erst mal die Hände desinfizieren, bevor ich das nächste Tier anfassen darf. Zu groß wäre die Gefahr, dass sich eine Katze bei der anderen mit einer noch unerkannten Krankheit ansteckt. Erst wenn die Tierärztin grünes Licht gegeben hat, dürfen die Tiere aus den Einzelboxen ins Katzenhaus und die großen Katzenzimmer umziehen. In der Quarantäne-Station wartet neben Lappen und Wisch-mop schon ein ganz besonderes Kätzchen auf mich – und wie ich gleich feststellen werde, besonders auf meine guten Vorsätze.

Katzenbaby Fleur

Kaum angekommen, frage ich Heidi Lang wie ich ihr denn helfen könne. Da sie gerade mit einer anderen Box fertig geworden ist, schickt sie mich zur Nachbarin des Tigerkaters in Box 12, dessen Bekanntschaft ich gleich zu Anfang gemacht habe. „Du kannst mit Fleur anfangen“. Als ich mich umdrehe, stehe ich Auge in Auge mit einem blauäugigen Fellknäuel, das gerade mal so groß ist wie meine Hand. Fleur sei gerade einmal ein paar Wochen alt und als Fundtier abgegeben worden. „Miiez?“, fragt das Fellknäuel mit hohem Stimmchen. Heidi drückt mir eine Packung Babytücher in die eine, das Fellknäuel in die andere Hand.

Währenddessen kommen bei den Hunden wohl gerade die ersten Gassigänger vorbei, denn draußen ertönt immer wieder freudiges Gebell, wenn einer der Hunde für einen Spaziergang abgeholt wird. „Wir haben viele Ehrenamtliche aber für jeden Tag Gassigehen, reicht es nicht“ erzählt mir Hundepflegerin Lisa Tennstädt später, als wir am Nachmittag eine Runde mit dem etwa vier Jahre alten Dackelmix Argo durch den Garten spazieren. Die Hunde sind froh, wenn sie alle paar Tage Auslauf bekommen. Ihnen muss ein Gehege mit Innen- und Außenbereich auf wenigen Quadratmetern genügen. Hunde, die sich verstehen, kommen tagsüber in größere Auslaufgehege. „Als Übergangslösung reicht das, aber wenn Tiere dann über Jahre und Monate bei uns sind, weil sie nicht vermittelt werden können, tun sie einem doch leid“, berichtet Tennstädt.

Das mit dem Vermitteln dauert oft gerade bei Listenhunden länger als den Pflegern und Hunden lieb ist. „Im Gegensatz zu ihrem schlechten Ruf als Kampfhund, sind die meisten Bullterrier, Rottweiler und Pitbull Terrier ganz liebe Tiere“, sagt Tierheimleiterin Sabine Urbainsky, die selbst mehrere Hunde – darunter auch Listenhunde – hält. Doch in der Stadt seien diese Rassen einfach viel schwerer zu vermitteln, da in den Stadtwohnungen oft der Platz fehle und die Hundesteuer für Listenhunde gerade in Frankfurt eine große Hürde sei. Da ist es kaum verwunderlich, dass die meisten Interessenten sich eher für kleinere Hunde interessieren oder für die Rassen, die nicht auf der Liste stehen, etwa Labrador Retriever, Schäferhunde oder Jack Russell Terrier. Inzwischen haben Fleur und ich das Sideboard in der Quarantäne-Station zum Wickeltisch umfunktioniert und mein Schützling zeigt sich über meine Versuche, ihr den verklebten Allerwertesten abzuwischen wenig erfreut. Als ob es für mich ein Vergnügen wäre... Wobei ich mich nach dem fünften Katzenklo auch langsam an meine neue Aufgabe gewöhne. Immer wieder versucht sich Fleur aus meinem Griff zu winden und setzt dabei für ihr junges Alter doch schon ganz schöne Kräfte frei. In der Zwischenzeit bezieht die Tierpflegerin das „Katzenbett“ neu, legt eine dicke Schicht aus Decken- und Kissenbezügen und Handtüchern in der Box aus, auf die ich sie mit einigermaßen sauberem Hintern setze.

Leidenschaft

In der Pause sitze ich mit den Tierpflegerinnen zusammen und frage, was man denn tun muss, um Tierpfleger zu werden. Die Antworten sind überraschend, denn kaum eine der Kolleginnen hat tatsächlich eine Ausbildung zur Tierpflegerin absolviert. Hessaun war früher Zahnarzthelferin, Tennstädt Konditorin, Faust Friseurin. Was sie alle vereint, ist die Leidenschaft für die Arbeit mit Tieren und die Tatsache, dass die meisten schon seit frühester Kindheit einen halben Zoo beheimaten. „Die meisten Tierpfleger haben zu Hause bis zu zehn eigene Tiere. Da stellt sich dann die Frage, ob ein Neuankömmling im Tierheim vielleicht noch zusätzlich adoptiert werden könnte, nicht mehr“, erklärt Faust.

Am frühen Nachmittag sind schon viele der Katzenzimmer und -boxen gereinigt und ich kann mich auch mal in den anderen Bereichen des Tierheims umschauen. Mein erster Weg führt ins Kleintierhaus, wo Kaninchen, Meerschweinchen, Chinchillas und viele bunte Vögel vor sich hin hoppeln, piepsen und flattern. Auch hier kann ich mich noch nützlich machen, denn die Tiere freuen sich, wenn es neben dem üblichen Trockenfutter auch mal etwas Saftiges gibt. Darum schneiden Martina Hessaun und ich fleißig Möhren, Gurken, Äpfel und Salat, die wir dann an die Tiere verteilen. „Der weiße da vorne frisst aus der Hand“. Kaum ausgesprochen hat mir das Kaninchen auch schon die Gurke aus den Fingern stibitzt.

Am Donnerstagnachmittag ist es besonders spannend im Tierheim, denn dann kommen die Besucher zur Vermittlung vorbei. Die Hunde bellen im Chor und die Katzen räkeln sich in ihren Körbchen. Die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, wenn dreimal pro Woche potenzielle Herrchen, Frauchen und Dosenöffner zur Vermittlung vorbeikommen, nutzen viele bewusst aus. „Die Tiere wissen zum Teil ganz genau, wie sie sich präsentieren müssen, um schnell ein neues Zuhause zu bekommen.

Auch der Tigerkater in Box 12, den die Tierärztin gestern kastriert hat, wird bald in eines der Katzenzimmer umziehen, wo er hoffentlich bald ein neues Zuhause finden wird. „Heute Morgen haben seine ehemaligen Herrchen angerufen und sich nach ihm erkundigt“, erzählt Simone Faust kopfschüttelnd. „Ob sie ihn nicht wieder haben könnten, die Kinder vermissen ihn nun doch. Da müssen wir aber im Interesse der Tiere entscheiden“, sagt Faust. „Wir vermitteln schließlich kein Spielzeug!“

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