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Transidentität: Von Christel und ihrer Frau Kristine, die früher mal Christels Mann war

Von Christel und Kristine bewältigen die sprichwörtlichen „guten und schlechten Zeiten“ eines gemeinsamen Lebens. Die beiden heirateten vor 34 Jahren. Vor drei Jahren schaffte es Kristine, die bis dahin das Leben eines Mannes gelebt hat, Christel einzuweihen und ihr zu sagen, dass sie transident ist.
Stehen zueinander: Christel und ihre Kristine (von hinten zu sehen). Foto: Maik Reuß Stehen zueinander: Christel und ihre Kristine (von hinten zu sehen).
Frankfurt. 

Dass sie anders ist als andere Jungen, hat Kristine schon im Alter von fünf Jahren bemerkt. Noch nicht lange trägt sie diesen Namen, gemeinsam mit ihrer Ehefrau Christel hat sie ihn gewählt nach der Personenstandsänderung. Fast ihr ganzes Leben lang hat Kristine als Mann gelebt, heute nennt sie nicht mal mehr ihren damaligen Namen. Sie hat geheiratet und eine Familie gegründet, die sie sehr glücklich macht. Und genau diese Familie steht hinter ihr, als sie den Schritt wagt und ihre innersten Gefühle offenbart: Kristine ist transident.

Innere Konflikte

Der Begriff transident beschreibt Menschen, deren Geschlechtsidentität abweicht von dem ihnen zugewiesenen Geschlecht. Kristine wurde äußerlich als Mann geboren, konnte sich im Inneren damit aber nie identifizieren. Als Frau zu leben und in diesem Geschlecht gesellschaftlich anerkannt zu werden, schien nicht möglich. Mit diesem inneren Konflikt, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gab, lebte sie lange– bis sie den Mut fasste und sich ihrer Frau Christel öffnete. Vor drei Jahren war das. Da waren die beiden bereits mehr als 31 Jahre lang verheiratet. Sie haben drei gemeinsame erwachsene Söhne. Söhne, auf die sie sehr stolz sind, denn mit all ihrer Kraft tragen auch sie und deren Freundinnen das neue Leben mit – mehr oder weniger leicht. Nach dem anfänglichen Schock, dem ersten Gefühl, all die gemeinsamen Ehejahre von ihrem Partner belogen und betrogen worden zu sein, folgte schon nach wenigen Augenblicken die Auseinandersetzung mit der schwierigen Situation, in der sich ihr Lebensmensch, wie Christel ihre Kristine nennt, die ganzen Jahre befand.

„Ich habe verstanden, dass es einfach nicht mehr ging, dass Kristine so nicht weiterleben konnte.“ Die neue Situation anzunehmen, stand für Christel schnell fest. „Für meine Frau und mich war alles sehr schmerzlich und leidvoll, wir haben viel geweint und viel geredet. Kristine war so verzweifelt, dass ihre Familie wegen ihr solches Leid erfahren muss, dass sie nicht mehr leben wollte. Gott sei Dank ist dieser Versuch aus der Ausweglosigkeit missglückt“, beschreibt es Christel. „Ich selber hätte gerne mit meinen Freunden über alles gesprochen, wir haben aber gemeinsam entschieden, es noch nicht zu tun.“ Später, nachdem sie sich wenigen Freunden öffneten, sei sie gefragt worden, ob sie denn nie etwas bemerkt habe. „Ich habe in all den Jahren absolut nichts bemerkt, war glücklich in meiner kleinen heilen Welt“, sagt sie.

Viel Unverständnis

Christel entschied sich für einen anderen Weg und versuchte sich Rat und Unterstützung in Selbsthilfegruppen zu suchen, fand aber keine mit ihrem Thema. Schließlich gründete sie selbst eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die wie sie ganz plötzlich mit der Transidentität ihres Lebensmenschen, den sie als Mann kennengelernt hatten, konfrontiert sind. In der Gruppe, die sich einmal im Monat trifft, können die Frauen ganz offen über ihre Gefühle sprechen. „Unsere Situation ist eine, die Außenstehende vielleicht erahnen, aber nicht wirklich nachvollziehen können. Nur wer diese Erfahrung macht, weiß, wie die anderen in der Gruppe fühlen und welche alltägliche Herausforderungen sie meistern müssen.“

Christel ist eine starke Frau. Kristine wegen ihrer Transidentität zu verlassen, kam für sie in keinem Augenblick infrage. „Auch, wenn es in der Gesellschaft mittlerweile eine größere Toleranz als früher gibt, stößt man auf viel Unverständnis“, beschreibt Christel ihre Erfahrungen. Auch „Freunde“ hat das Paar verloren, andere Freundschaften jedoch sind viel enger und intensiver geworden. Als Christel es ihrer heute fast 91-jährigen Mutter erzählt habe, habe diese so fantastisch reagiert und wie selbstverständlich gesagt: „Dann habe ich eben jetzt eine Schwiegertochter.“

Das Leben von Christel und Kristine zeigt, dass es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt und es ausschließlich in Kategorien und vorgefertigten Meinungen gedacht werden kann, sondern sich in vielfältiger Art und Weise zeigt. Und die Geschichte zeigt, dass Liebe trotz aller Widrigkeiten ihren Weg findet.

Wer mehr über die Selbsthilfegruppe erfahren möchte, kann per E-Mail unter chrisakri@gmx.de mit der Initiatorin in Kontakt treten.

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