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"Das ist Frankfurts unwürdig"

Ist es das Ende des Mundart-Theaters in Frankfurt? Das Volkstheater Liesel Christ schließt im Mai. Dass nun auch noch das geplante Theater im Paradieshof, in dem die "Fliegende Volksbühne" von Michael Quast eine dauerhafte Heimat hatte finden sollen, dem Rotstift zum Opfer gefallen ist, erzürnt Mundart-Freunde und Kulturschaffende.
Marika Kilius Marika Kilius
Frankfurt. 

"Ich an Michael Quasts Stelle wäre ausgerastet", sagt Travestie- und Mundartkünstler Bäppi La Belle (51). Quast habe sein ganzes Leben darauf ausgerichtet, dass das Theater im Paradieshof gebaut werde, und stehe jetzt mit leeren Händen da. "Aber im Kulturbereich kann man sich auf nichts mehr verlassen", schimpft Bäppi. "Aus kulturpolitischer Sicht finde ich die Entscheidung schlimm, und auch für Sachsenhausen. Das wäre eine tolle Aufwertung für den Stadtteil gewesen. Aus dem Dreckloch hätte man was machen können." Er könne ja verstehen, dass die Stadt sparen müsse, aber da hätte es, findet Bäppi, auch andere Möglichkeiten gegeben. "Das Stadthaus zum Beispiel – keiner will’s, trotzdem wird’s gebaut. Und in den Palmengarten werden auch immer wieder Millionen geschüttet. Da frage ich mich schon, ob das in dem Ausmaß nötig ist." Aber, so verspricht Bäppi: "Solange ich lebe, wird die Mundart in Frankfurt nicht aussterben!"

Auch Ex-Eiskunstläuferin und Schauspielerin Marika Kilius ist außer sich. "Die kriegen noch alles kaputt, was die Frankfurter Identität ausmacht. Was denkt sich der Oberbürgermeister denn dabei? Ich frage mich, warum sie nicht gleich alles streichen", schimpft die 69-Jährige. "Alle anderen Großstädte haben ein Mundarttheater, aber eine Stadt, die so viel Gewerbesteuer einnimmt wie Frankfurt, ist zu so was nicht fähig – ich finde das unmöglich!" Auch den Opernball lasse Frankfurt einfach sterben, während andere Städte versuchten, ein vergleichbares Ereignis ins Leben zu rufen. Wenn sie etwas erleben wollten, müssten die Frankfurter anderswohin fahren, etwa zum Opernball nach Dresden. "Eine Schande!", findet Kilius. "Es wird immer an den falschen Stellen gespart. Nur für die Banken, die uns gar nichts angehen, sind Milliarden da!"

"Das ist ein Skandal", poltert auch Willy Praml (71), Gründer des Theaters Willy Praml. "Eine Stadt wie Frankfurt mit so vielen Nationalitäten und Kulturen braucht ein Volkstheater, um ihre eigene Kultur zu erhalten. Es ist die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass es so ein Volkstheater in Frankfurt gibt." Praml findet vor allem den politischen Stil bedenklich. Da würden im stillen Kämmerlein Entscheidungen gefällt, ohne zuvor mal mit den Betroffenen zu sprechen und nach Kompromissen zu suchen. "Als könnte man mit uns Kulturschaffenden umgehen, wie es einem gerade passt. Die Kulturpolitik ist heruntergekommen", schimpft Praml.

Das sieht auch einer so, der in Frankfurt zwei Jahrzehnte lang Kulturpolitik gemacht hat: "Ein Teil meiner Kulturpolitik geht den Bach runter", sagt Hilmar Hoffmann, von 1970 bis 1990 Kulturstadtrat der Mainmetropole. "Es war 1970 eine meiner ersten Amtshandlungen in Frankfurt, dem Volkstheater Liesel Christ einen städtischen Zuschuss zu gewähren", erinnert sich der heute 87-Jährige. Nun, da das Volkstheater Mitte des Jahres schließe und das Theater im Paradieshof gestrichen wurde, sei Frankfurt die einzige deutsche Großstadt, "die ihre Traditionssprache nicht pflegt. Das ist höchst bedauerlich". Schon Goethe habe um die identitätsstiftende Wirkung der Muttersprache gewusst, "die aus der Seele fließt". Die Mundart sei eine kulturelle Instanz, die als Denkmal erhalten werden müsse, gerade in einer Stadt wie Frankfurt, die so viel Wert auf ihre Tradition lege mit Kaiserdom, Römer und Paulskirche. Es sei dramatisch, wenn es für die Mundart in Frankfurt künftig keine Bühne mehr gebe. "Ich schlage daher vor, zu überlegen, ob man Michael Quast mit seiner Fliegenden Volksbühne nicht eingliedert in das Schauspielhaus."

"Das ist ein Verlust für Frankfurt. Eine so große Stadt – da gehört ein Mundarttheater einfach dazu", findet auch die Schlagersängerin und Schauspielerin Margit Sponheimer (70), die schon oft im Frankfurter Volkstheater auf der Bühne stand. Es schmerze sie sehr, dass in der Stadt offensichtlich kein Platz mehr sei für ein Theater mit Dialekt. "Dialekt ist wie Stallgeruch, das gehört einfach dazu. Sonst geht die Heimatverbundenheit verloren", ist sie überzeugt. Dass Mundart-Theater nach wie vor gefragt ist, zeigten das Hamburger Ohnsorg-Theater oder das Millowitsch-Theater in Köln.

"Es ist Frankfurts unwürdig, dass wir hier gar keine Volksbühne mehr haben", sagt der Wirtschaftsjournalist Frank Lehmann, der auch schon im Volkstheater auf der Bühne stand. "Wir haben zwar genug Theater, aber das, was die Frankfurter lieben, das Mundart-Theater, das würde fehlen. Stücke von Stoltze, Deichsel – wo sollen die denn künftig gezeigt werden? Im Remond-Theater sicher nicht." Sein Herz hänge am Mundart-Theater, und darum gelte es nun in Frankfurt zu kämpfen. "Dass es das hier nicht mehr gibt, kann man nicht zulassen."

Auch Mario Gesiarz, Stoltze-Rezitator vom Mundart-Rezitationstheater Rezibabbel, ist entsetzt: "Ich finde diese Entwicklung fatal und bedauere, wie mit Quast umgegangen wird. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, wie er von der Politik eiskalt abserviert wird. Aber das hat in Frankfurt Tradition: Stoltze selbst ist es schon so gegangen – er wurde lange nicht wahrgenommen und unterstützt. Daher sein Satz: "Frankfurt fährt selte aus, awwer wenn’s ausfährt, dann achtspännig." Er werde versuchen, mit seinem Mundarttheater die Tradition lebendig zu erhalten, aber: "Im Vergleich sind wir Oberliga gegen Bundesliga."

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