E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Hofheim am Taunus 21°C

Hexenjagd auf Andersdenkende: Bericht über die Verletzung von Menschenrechten in der Türkei

Die Vize-Präsidentin der Journalists and Writers Foundation (JWF), Yasemin Aydin, sprach in Köppern über Verhaftungen und Folter in der Türkei. Anhänger der Gülen-Bewegung würden dämonisiert, so die 32-Jährige.
Türkische Polizisten führen verhaftete Männer ab. Sie wurden bei landesweiten Razzien gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger festgenommen. Foto: Depo Photos (Depo Photos via ZUMA Wire) Türkische Polizisten führen verhaftete Männer ab. Sie wurden bei landesweiten Razzien gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger festgenommen.
Friedrichsdorf. 

Vollbesetzt sind die Sitzreihen im Saal des evangelischen Gemeindehauses Köpperns. Rund 50 Leute sind gekommen, um sich über die Menschenrechtslage in der Türkei zu informieren. Eingeladen hatten die Initiative für Menschenrechte und Freiheit, der Arbeitskreis Asyl und die Ortsgruppe Friedrichsdorf/Bad Homburg von Amnesty International.

„Heute können wir aus erster Hand erfahren, wie es in der Türkei ausschaut“, so Mitorganisator Lutz Kunze. Referentin war Yasemin Aydin. Die 32 Jahre alte Deutsch-Türkin ist Vizepräsidentin der 1994 in Istanbul gegründeten Journalists and Writers Foundation. Ziel der Stiftung war damals, Lösungen für gesellschaftliche Probleme in der Türkei zu erarbeiten. Mittlerweile hat die Organisation Büros in New York und Wien und nimmt seit 2012 an Treffen der Vereinten Nationen teil. In der Türkei kann die JWF nicht mehr arbeiten. Per Gesetzesdekret wurde sie in der Folge des gescheiterten Putschversuches vom Juli 2016 verboten, rund 50 Mitarbeiter wurden inhaftiert, die Büros der Organisation verwüstet.

Zum Verhängnis geworden sei der Stiftung die Verbindung zu Fethullah Gülen. Der im amerikanischen Exil lebende Geistliche fungiert als Ehrenpräsident der Organisation und wird vom türkischen Präsidenten Erdogan beschuldigt, Drahtzieher des Putschversuches gewesen zu sein.

Gegen Anhänger Gülens gehe die türkische Regierung seither massiv vor, Aydin spricht von einer „Hexenjagd“. „Es reicht schon ein anonymer Anruf oder mit Leuten befreundet zu sein, die in einer Gülen-Einrichtung tätig waren, um als Terrorist verhaftet zu werden“, sagt sie. In der Türkei sei eine „Dämonisierung und Enthumanisierung“ der Gülen-Anhänger zu beobachten. „Ihnen wird das Menschsein abgesprochen. Erdogan bezeichnet sie als Staatsfeinde, Ungläubige oder Agenten des Westens“, so Aydin weiter.

Folter im Gefängnis

Sie präsentierte erschreckende Zahlen. Deren Basis bildeten eigene Untersuchungen der Stiftung und die „Human Rights“-Berichte der Vereinten Nationen. 142 874 Menschen seien seit Juli 2016 festgenommen, 170 372 Beamte suspendiert und über 3000 Bildungseinrichtungen der Gülen-Bewegung geschlossen worden. Mindestens 670 Frauen seien gemeinsam mit ihren Kindern inhaftiert, 45 schwangere Frauen ohne Anklageschrift in Haft. Aydin berichtete von Folter und Nackt-Untersuchungen in den Gefängnissen und erzählte mit stockender Stimme von einer Frau, die direkt aus dem Kreißsaal zusammen mit ihrem Neugeborenen abgeführt worden sei.

Mehrfach schlucken musste die 32-Jährige, als sie Bilder einer Frau zeigte, der in Haft die Haare herausgerissen worden sein sollen. Eine Verbesserung der Situation in der Türkei erwartet Aydin nicht. „Momentan sehe ich kein Ende der Unterdrückung“, sagt sie. „Das geht schon stark ans Herz, aber wir machen weiter.“

Stark ans Herz ging auch die Ausstellung „Habseligkeiten“, die im Gemeindezentrum aufgebaut war. Die Exponate stammen aus türkischen Gefängnissen und wurden von den Inhaftierten hergestellt. Man sah aus Müll gebasteltes Spielzeug, Pappautos und Briefe von Gefangenen an ihre Familien. Ein Häftling hat in den Deckel eines Joghurtbechers die Namen von Frau und Kindern sowie die Worte „Ich vermisse euch“ eingeritzt.

Zusammengetragen wurden die Exponate von der Initiative für Menschenrechte und Freiheit (IHRF), einer 2016 gebildete Vereinigung von türkischen Akademikern, die nach Hessen geflüchtet sind. Von IHRF-Mitgliedern stammen auch die 40 bebilderten Tafeln, die individuell gestaltet die Bedingungen in türkischen Gefängnissen sowie die Flucht nach Deutschland thematisieren. Ein Bild zeigt Menschen, die aus einem Boot in den griechisch-türkischen Grenzfluss Mariza stürzen. Der zehnjährige Zeichner schreibt darunter: „Wir kamen nach Griechenland, aber viele Mütter und Kinder fielen ins Wasser. Es tut mir so leid für sie.“ ed

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen