E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Hofheim am Taunus 14°C

Erfahrungsbericht eines Friedrichsdorfers: Paris ist wie gelähmt

Paris kommt nicht zur Ruhe. Nach den menschenverachtenden Anschlägen vom vergangenen Freitag sorgt jetzt die Suche nach den Attentätern für Szenen, die eher an ein Kriegsgebiet erinnern denn an die Stadt der Liebe. Der Friedrichsdorfer Jonas Tylewski lebt zurzeit in der französischen Hauptstadt. Der ehemalige TZ-Mitarbeiter, der bereits in unserer Montagausgabe zu Wort kam, berichtet vom Leben in Paris nach dem Morden. Er beschreibt eine Stadt, die einen einschneidenden Wandel erlebt.
Am Place de la Republique gedenken die Pariser der vielen Opfer. Seit dem Anschlag ist in Frankreichs Metropole nichts mehr, wie es war. Der Friedrichsdorfer Jonas Tylewski (oben) studiert in Paris und erlebt eine Stadt im Ausnahmezustand. Foto: JOEL SAGET (AFP) Am Place de la Republique gedenken die Pariser der vielen Opfer. Seit dem Anschlag ist in Frankreichs Metropole nichts mehr, wie es war. Der Friedrichsdorfer Jonas Tylewski (oben) studiert in Paris und erlebt eine Stadt im Ausnahmezustand.
Hochtaunus/Paris. 

Die französische Hauptstadt befindet sich seit den verheerenden Anschlägen vom vergangenen Freitag im Ausnahmezustand. Das Dekret des französischen Präsidenten versetzte alle verfügbaren Kräfte in permanente Alarmbereitschaft. Obschon die Anschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar bereits Veränderungen mit sich brachten, durchlebt die Zivilbevölkerung nun einen einschneidenden Wandel.

Nichts ist mehr, wie es einmal war in Paris. Was klingen mag, wie entnommen aus einem „Dreigroschenroman“, ist für die Stadt und ihre Einwohner Realität geworden. Das Stadtbild prägen schwer bewaffnete Gesetzeshüter. Während sie zahlreiche Gebäude und Straßenzüge sichern, präsentieren sie eine Vielfalt an Waffen, die dem normalen Bürger bisher nur aus Kinofilmen bekannt war.

Doch nicht alle fühlen sich dadurch sicherer: Marie, Studentin der Philosophie in Paris, zweifelt, „dass der Anblick von Maschinenpistolen jemals ein Symbol für Sicherheit, ja für einen friedlichen Alltag werden könnte“. Peter pflichtet der 20-Jährigen bei: „Der Staat zeigt sich hilflos und versucht dies durch die Präsenz von Polizisten und Soldaten, die bis unter die Zähne bewaffnet sind, zu kaschieren“, sagt der 31-jährige Amerikaner.

Angst und Unsicherheit

Aber da es keine Alternativen gibt, akzeptieren die Pariser resigniert die zahlreichen Kontrollen, denen sie sich nun täglich ausgesetzt sehen. Wer um Einlass in öffentliche Gebäude wie Universitäten oder Bibliotheken bittet, verpflichtet sich zur Identitäts- und Taschenkontrolle. Die in den Grundfesten der Republik verankerte Freiheit des Bürgers scheint von den staatlichen Eingriffen bereits reichlich beschränkt. Komplettiert aber werden die Eingriffe erst durch Grenzen, die sich die Menschen selbst auferlegen. Zwar versucht man in offiziellen Verlautbarungen Stärke zu demonstrieren: „Wir lassen uns nicht unterkriegen und werden unsere Freiheit leben.“ Dabei schwingt aber stets eine große Portion Angst und Unsicherheit mit. Es scheint, die Menschen nehmen ihre Umgebung ganz anders wahr. Der stetig umherschweifende Blick wirft den Mitmenschen Zeichen des Misstrauens zu. Besonders drastisch hat sich die Reaktion auf Geräusche verändert. Jeder noch so kleine Knall führt zu kurzen Momenten des Schocks. War das gerade ein Schuss? Eine Explosion? Oder vielleicht doch nur eine unsanft geschlossene Tür?

Herrenlose Gepäckstücke

Besonders bemerkbar macht sich die gesellschaftliche Sensibilität im öffentlichen Nahverkehr. Nicht eine Stunde vergeht, in der nicht eine Linie wegen „herrenloser Gepäckstücke“ evakuiert werden muss. Die Spezialeinheit „Déminage“ (dt: Bombenräumung) muss Sonderschichten schieben, um die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten. Doch das öffentliche Leben hat sich stark verändert. Cafés, Restaurants und Bars, die noch vor einigen Tagen zu Szenelokalen zählten, bleiben leer. Belebte Geschäftsstraßen, wie die am Elysée-Palast vorbeiführende „Rue du Faubourg de Saint-Honoré“ leiden nicht nur an der polizeilichen Straßensperrung, sondern gleichwohl an der gesunkenen Bereitschaft der Franzosen, derzeit ein aktives öffentliches Leben zu führen. Nichts ist in Paris zurzeit mehr, wie es war.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen