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Terror in Paris: "Wie in einem Kriegsgebiet"

Bad Homburg. 

Die Wunden, die die Attentate auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ der freiheitsliebenden französischen Seele im Januar dieses Jahres zugefügt hatten, klaffen noch tief, als schwere Detonationen nahe des „Stade de France“ die französische Hauptstadt Paris ihrer spätsommerlichen Idylle entreißt. Noch wenige Augenblicke zuvor hat die fröhliche Masse französischer und deutscher Fußballfans begonnen, das Nachbarschaftsduell gebührend zu feiern.

Zwischen Trauer, Wut und Aufbruch

Die Anschläge von Paris haben auch im Taunus Bestürzung ausgelöst. Landrat Ulrich Krebs (CDU) sagte gestern bei der zentralen Veranstaltung zum Volkstrauertag in Bad Homburg: „Die Toten von Paris

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Der erste laute Knall wird noch mit einem sportlichen „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ quittiert. Die zweite, kurz darauffolgende Detonation lässt schon Schlimmeres vermuten. Die dritte und heftigste Bombe erlaubt dann aber keine Zweifel mehr: In unmittelbarer Nähe zum Stadion müssen Attentäter Sprengsätze gezündet haben. Das Spiel läuft weiter, die Fans feiern. Offizielle Informationen dringen nicht durch. Zu groß erscheint den Verantwortlichen die Gefahr einer panischen Massenreaktion.

Mit der Zeit aber legt sich eine angsteinflößende Stille über die Tribünen. Trotz schlechter Internetverbindung sickern die Informationen häppchenweise durch. Das Spiel wird zur Nebensache. Weder freuen, noch ärgern möchten sich die Anhänger ob der überzeugenden oder enttäuschenden Leistungen ihrer jeweiligen Mannschaft. Dennoch: Das wahre Ausmaß der Gräueltaten ist bis dato nur schemenhaft zu erahnen. Quälende Fragen schwirren uns durch den Kopf: Ob wir – meine vier Freunde und ich –es wohl sicher aus dem Stadion schaffen? Was ist, wenn ein Terrorist das Feuer auf die Menge eröffnet? Fahren die öffentlichen Verkehrsmittel noch? Angst, zuweilen Panik macht sich breit. Bomben. Schüsse. Das passt einfach nicht zu dem Abend, inmitten einer europäischen Metropole, der so fröhlich begonnen hat.

Am Tag nach den Terrorattacken gleichen viele Bezirke in Paris Geisterstädten, die Menschen trauen sich nicht auf die Straßen. Dieses Foto von Jonas Tylewski wurde an einer Straßensperre unweit des Élysée-Palastes aufgenommen. Bild-Zoom
Am Tag nach den Terrorattacken gleichen viele Bezirke in Paris Geisterstädten, die Menschen trauen sich nicht auf die Straßen. Dieses Foto von Jonas Tylewski wurde an einer Straßensperre unweit des Élysée-Palastes aufgenommen.

Nach zwischenzeitlicher Abriegelung öffnen die Stadionausgänge kurz vor Abpfiff der Partie. Viele Zuschauer haben es eilig, das Stadion zu verlassen. Der Instinkt jedoch lässt uns zögern. Die Ruhe in der Krise soll an diesem Abend zu unserer besten Tugend werden. Nur wenige Augenblicke, nachdem ein breiter Strom die Ausgänge passiert hat, werden wir Augenzeugen einer panischen Kehrtwende. Das physikalische Gesetz der Trägheit der Masse scheint widerlegt: Junge wie alte Menschen sprinten plötzlich zurück ins Stadion, bevölkern die leeren Ränge und durchbrechen die Sicherheitssperren zum Spielfeld. Der Anblick der Verwüstung oder ein (nicht bestätigter) Schusswechsel vor dem Stadion treibt die Menschen zurück in den Innenbereich des Stade de France.

Quälende Stille

Länger als eine Stunde verweilen wir in windiger Kälte auf dem Oberrang, abseits der Massen. Unzählige Fragen schießen uns durch den Kopf – im Zentrum steht das „Warum?“ Warum haben sie uns verschont und die Bomben bereits vor dem Stadion gezündet? Wollen Sie uns vielleicht herauslocken, um leichtes Spiel mit der schutzlosen Masse zu haben? Oder haben die Sicherheitsmechanismen doch funktioniert und den Attentätern jedwede Chance auf Einlass genommen? Inmitten der quälenden Stille erreichen uns die Nachrichten über aktuelle Geschehnisse im Zentrum der Stadt. Ein grausames Bild setzt sich wie ein Puzzle zusammen. Auf dem Heimweg meiden wir große Menschenansammlungen und umkurven die betroffenen Bezirke.

Schwer bewaffnete Polizei

In heimischen Gefilden angekommen, begegnen uns schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten. Sie fordern Barbetreiber auf, zu schließen und weisen Menschen an, ihre Wohnungen aufzusuchen und nicht mehr zu verlassen. Die französische Hauptstadt gleicht einem Kriegsgebiet. Endgültig zu Hause verbarrikadiere ich meine Wohnung im Erdgeschoss. Wenngleich das Viertel etwas abseits der Geschehnisse liegt, will ich nichts riskieren. Eine schwere Eisenstange schützt nun die sonst stets geöffneten Fensterläden.

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Endlich kann ich auch wieder mein Mobiltelefon laden. Wenige Augenblicke, nachdem ich wieder Netz habe, will es nicht aufhören zu klingeln. Freunde, Verwandte und Menschen, von denen ich seit Jahren nichts mehr gehört habe, erkundigen sich nach meinem Wohlbefinden. Zwar tut die Facebook-Funktion „Als sicher markieren“ bereits einen guten Dienst, jedoch ersetzt sie den persönlichen Kontakt nicht. Bis spät in die Nacht beantworte ich alle Nachrichten und bleibe mit Freunden in Kontakt, die noch in Konfliktvierteln festsitzen und nicht nach Hause dürfen. Erst am frühen Morgen die Erleichterung: Auch die letzten beiden Freunde sind sicher zu Hause angekommen.

Tagsdrauf verhängt der französische Präsident den Ausnahmezustand. Öffentliche Einrichtungen bleiben geschlossen. Und so halten es auch viele Cafés und Geschäfte in den frühen Morgenstunden. Das sonst so belebte Viertel um die Rue Cler, in Laufweite des Eiffelturms, erscheint ausgestorben und trostlos. Die wenigen Menschen, die sich vor die Türe trauen, verlassen ihr Viertel nicht. Zu groß ist die Angst, es könnte weitergehen. Die Sorge, Trittbrettfahrer könnten sich nun angestiftet sehen, es den „großen Vorbildern“ gleichzutun, kann niemand entkräften.

Zuweilen ziehen Journalisten Parallelen zu den Attentaten auf „Charlie Hebdo“. Ja, es hat erneut die Pariser Hauptstadt getroffen. Dieses Mal aber ist alles anders. Wo die Menschen im Januar noch für die Meinungsfreiheit einstehen wollten und sich spontan versammelten, weiß heute niemand, für wen oder was man nun einstehen müsste. Klar, für die Einheit des französischen Volkes. Eine Versammlung aber gliche in diesen Stunden einem Himmelfahrtskommando. Denn Paris, ein Symbol für die Freiheit, ist nicht mehr das, was es einmal war. Die asymmetrische Kriegsführung der Terroristen trifft die französische, ja die europäische Seele ins Mark. Soldaten und Polizisten können versuchen, Sicherheit zu vermitteln. Ein Symbol des Friedens sind sie aber ganz sicher nicht.

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