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Tierheim im Rüsselsheimer Stadtteil Königstädten: Tiere suchen einen Platz fürs Leben

Von Es geschieht aus falsch verstandener Tierliebe oder weil jemand nicht allein sein möchte: Animal Hoarding. Das krankhafte Sammeln von Tieren in der eigenen Wohnung hat für diese zumeist fatale Folgen. Wenn sie Glück haben, landen sie im Tierheim, wo ihnen geholfen wird.
Claudia Vietmeier-Kemmler hat ihren Spaß mit drei Monaten alten Welpen, die nun vermittelt werden sollen. Foto: Carmen Erlenbach Claudia Vietmeier-Kemmler hat ihren Spaß mit drei Monaten alten Welpen, die nun vermittelt werden sollen.
Rüsselsheim. 

Die großen, braunen Augen eines jungen Hundes schauen hilflos und bitten wortlos: „Nimm mich doch mit!“. Rührend schmiegt er sich ans Hosenbein und stupst die menschliche Hand an, um eine Zärtlichkeit zu ergattern. Auch die bernsteinfarbenen Augen einer jungen, verschmusten Katze, an deren hinterem Hüftgelenk ein Fixateur befestigt ist, erbetteln Zuwendung. Und dann sind da noch die schwarzen Augen einer kahlköpfigen Amsel, die nichts sehnlicher wünscht als ihre Freiheit, und die dunklen Augen kleiner, scheuer Wildenten, die durch ihr Gehege watscheln und vor Besuchern ängstlich in eine Schale voller Wasser flüchten.

Im Tierheim im Rüsselsheimer Stadtteil Königstädten geht es derzeit mal wieder rund – nicht nur, aber auch wegen etlicher beschlagnahmter Wildtiere, die in kleinen Käfigen in einer Küche gehalten wurden. Die Fälle von Animal Hoarding (also krankhaften Sammelns von Tieren) nehmen laut Tierheimleiterin Claudia Vietmeier-Kemmler zu. Den Ort, in dem im Kreis Groß-Gerau vor etwa zehn Tagen eine Reihe von Wildtieren beschlagnahmt wurden, verschweigt sie aus Rücksicht auf die ehemaligen Halter. Sie wurden zufällig bei der Räumung einer Wohnung von der Polizei entdeckt.

Die aus Bulgarien stammende Juliet ist querschnittsgelähmt und kommt mit ihrer Gehhilfe unter der Obhut von Inga Schweitzer prima zurecht. Bild-Zoom Foto: Carmen Erlenbach
Die aus Bulgarien stammende Juliet ist querschnittsgelähmt und kommt mit ihrer Gehhilfe unter der Obhut von Inga Schweitzer prima zurecht.

In der Küche standen zwölf kleine Käfige mit etlichen Wildtieren, die alle angeblich verletzt aufgewunden worden waren. Die Polizei benachrichtigte den Amtsveterinär, er wiederum das Tierheim. So kam es, dass ein großer Feldhase, zwei Kaninchen, eine Taube, ein Igel, drei Amseln, deren Köpfe wegen falscher Ernährung kahl geworden waren, zwei Enten, drei Gänse, ein Gimpel, eine Wachtel und zwei Eichhörnchen aus der Küche transportiert und ins Tierheim geschafft wurden.

 

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Dort wurden sie bis auf den wilden Feldhasen, der im Käfig randalierte, weswegen für ihn große Verletzungsgefahr bestand, in größere und angemessene Behausungen umgesiedelt. Einer Ente war nicht mehr zu helfen, sie musste eingeschläfert werden. Ein Pathologe klärt nun die Ursache ihres schlechten Zustands, der zum Tod führte. Der Amtsveterinär muss zudem klären, warum die Tiere in kleinen Käfigen in der Küche gehalten wurden. Die Untere Naturschutzbehörde wird dann verfügen, ob und wann die Tiere wieder in die Freiheit entlassen werden dürfen. Zurzeit werden alle Tiere medizinisch versorgt.

Doch das sind nicht die einzigen Wildtiere, die sich derzeit im Tierheim befinden. „Um diese Jahreszeit bekommen wir viele Jungvögel“, so Vietmeier-Kemmler. Die wenigsten, die draußen in guter Absicht aufgelesen würden, seien ohne Eltern und auf sich gestellt. Sie flögen aus, dann würden sie von Vater und Mutter in der Natur noch gefüttert. Darum rät Vietmeier-Kemmler, die gefiederten Freunde nicht mitzunehmen.

Im Garten des Tierheims haben es sich derzeit drei Wildenten in einer Umzäunung gemütlich gemacht. Es handelt sich um Geschwister, die in Riedstadt gefunden worden waren – eines in einer Garage, zwei auf der Straße davor. Die Mutter war nicht zu ihren Jungen zurückgekehrt. „Das kommt jedes Jahr vor“, so die Leiterin.

 

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Zu den Tierkindern ohne Mutter zählt auch eine Rasselbande von fünf drei Monaten alten Welpen. Sie stammen von einem Verein, der sie aus schlechter Haltung übernommen und an das Tierheim weitergeleitet hatte. Es handelt sich um lauter Mischlinge, darunter Dobermann, Labrador und Schäferhund. „Es ist absehbar, dass sie alle recht groß werden“, sagt Vietmeier-Kemmler, während sie mit einem Vierkantschlüssel die Metalltür zum Gehege öffnet. Kaum hat sie es betreten, wird sie von den kleinen agilen Rackern förmlich überfallen. Jeder buhlt um ihre Gunst, um Zuwendung, Aufmerksamkeit und eine kleine Zärtlichkeit. Sie nimmt Platz und lässt geschehen, was inmitten der illustren Runde geschehen muss. Jeder erhält seine Streicheleinheit, während die Welpen übermütig Hände und Finger abschlecken und sich tierisch freuen.

Diese kleinen Strolche namens Planca, Olga, Scarlett, Gretchen und Prinz stehen ab sofort zur Vermittlung. Interessenten sollten Geduld aufweisen, denn ein Junghund sei nicht gleich stubenrein, und er müsse erst lernen, an der Leine zu gehen. Darüber hinaus sollen sich Interessenten laut Vietmeier-Kemmler im Klaren sein, „dass sie mal einen 25-Kilo-Hund am anderen Ende der Leine haben werden“.

Unterdessen wartet vor dem Tierheim die querschnittsgelähmte Juliet aus Bulgarien auf ihr Herrchen. Sie wurde in ihrer Heimat angeschossen, ihr Rückenmark wurde verletzt. Pfleger Marcus Steitz war vor sechs Monaten extra nach Berlin geflogen, um die Hündin nach ihrer Ausreise aus Bulgarien dort abzuholen, und kümmerte sich im Tierheim um einen Hunderollstuhl für sie. Die beiden verstanden sich derart gut, dass Juliet in Steitz ein neues Herrchen gefunden hat. Es ist erstaunlich, wie gut die Hündin inzwischen mit ihrer Gehhilfe auskommt.

Der kleine Lorenzo wurde angefahren und trägt nach einer Operation noch einen Fixateur. Bild-Zoom Foto: Carmen Erlenbach
Der kleine Lorenzo wurde angefahren und trägt nach einer Operation noch einen Fixateur.

Zu den verletzten Vierbeinern im Tierheim zählt auch der junge, braun-getigerte Kater Lorenzo. Er war in Groß-Gerau angefahren und gefunden worden. Sein Hüftbruch wurde operiert. Nun hat der zärtliche Schmuser noch einen Fixateur in der Hüfte, der in drei Wochen entfernt wird. Lorenzo sucht ein neues Zuhause – wie der schwarze und ein wenig pummelig geratene Billy, dessen Herrchen gestorben ist, und der nun alleine im Tierheim sitzt und auf bessere Zeiten hofft.

Und dann ist da noch der zehn Monate alte Rottweiler „Buddy“ – ein wahres und unendlich liebes Power-Paket. Eine Familie mit vielen Kindern hatte ihn im Tierheim abgegeben. Im Alter von 15 Monaten erwartet Buddy ein Wesenstest, weil er in Hessen als „Listenhund“ gilt. „Den besteht er problemlos“, so Vietmeier-Kemmler. Wer Buddy zu sich nehmen möchte, sollte ihn allerdings noch ein wenig erziehen, denn noch sind ihm beste Manieren fremd.

Wer sich für einen der Welpen oder ein anderes Tier interessiert, kann dienstags, mittwochs und freitags zwischen 15 und 17 Uhr ins Tierheim kommen, samstags von 13 bis 16 Uhr oder sonntags von 11 bis 13 Uhr.

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