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Sondereinsätze auf dem Bahnhofsplatz: Auf Dealer-Jagd mit der Bereitschaftspolizei

Enriko Kehl und Ann-Kathrin Hoffmann arbeiten bei der Bereitschaftspolizei. Das heißt, sie sind jeden Tag an einem anderen Ort im Einsatz. Zum Beispiel in Limburg, um gegen die Drogenkriminalität auf dem Bahnhofsplatz vorzugehen. Diese Zeitung hat sie jetzt bei der Dealer-Jagd begleitet.
Enriko Kehl und Ann-Kathrin Hoffmann haben bei einem Verdächtigen Drogen gefunden und nehmen ihn mit auf die Wache. Enriko Kehl und Ann-Kathrin Hoffmann haben bei einem Verdächtigen Drogen gefunden und nehmen ihn mit auf die Wache.
Limburg. 

„Der da, ich glaube, der darf sich da gar nicht aufhalten“, sagt Polizeioberkommissar Bernd Schäfer. Er sitzt im Polizeiposten hinter der Ticket-Zentrale und hat sich mit einem kleinen Joystick den Platz vor der Kirche auf den Bildschirm gezoomt. Gerade zeigt er auf einen Jugendlichen im grünen Pulli, der auf einer der Bänke herumlümmelt. „Soweit ich weiß, hat der einen Platzverweis.“ Denn wer auf dem Bahnhofsplatz eine Straftat begangen hat, darf ihn drei Monate lang nur noch überqueren, nicht aber verweilen.

Info: Voraussetzungen zur Einstellung

Die Hessische Polizei stellt nur noch in den gehobenen Dienst ein, das heißt, Anwärter müssen Abitur, Fachhochschulreife oder Meisterprüfung haben.

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Polizeimeister Enriko Kehl (25, kurze Haare, Freundschaftsbänder am Handgelenk) und Polizeioberkommissarin Ann-Kathrin Hoffmann (29, langes braunes Haar, Stecker im Ohr) laufen los. Knapp fünf Kilo wiegen die blaue Polizeiweste und der Gürtel mit Pistole, Schlagstock und Pfefferspray, den beide tragen. Wenn sie bei Demonstrationen oder Fußballspielen ihre schwarze Uniform anhaben, sind es wegen der Schutzausrüstung noch einmal sieben Kilo mehr. Es ist ihr erster Einsatz heute.

Plötzlich werden die beiden schneller: Der Junge im grünen Pulli hat sie zuerst gesehen und läuft nun in Richtung Neumarkt. Er weiß nicht, dass ihn Bernd Schäfer mit der Kamera verfolgt – und über Funk die Kollegen alarmiert hat. Als Kehl und Hoffmann am Neumarkt eintreffen, sind die schon bei der Ausweiskontrolle.

1,9 Gramm Marihuana haben Enriko Kehl und Ann-Kathrin Hoffmann beim Beschuldigten gefunden. Bild-Zoom
1,9 Gramm Marihuana haben Enriko Kehl und Ann-Kathrin Hoffmann beim Beschuldigten gefunden.

Also wieder zurück auf den Bahnhofsplatz und unauffällig beobachten. Was in einer Polizeiuniform natürlich schwierig ist. Deshalb sind vier der neun Bereitschaftspolizisten, die für den Anti-Drogen-Einsatz von Mainz-Kastel nach Limburg gekommen sind, in zivil unterwegs. Kehl und Hoffmann sollen dazukommen, falls es brenzlig wird. Und zwischendurch selbst Personen kontrollieren, die sich „auffällig“ verhalten.

„Was ,auffällig’ bedeutet, kann man schwer erklären“, sagt Polizeimeister Kehl. Seine Antworten kommen schnell, während Hoffmann immer erst einen Moment überlegt, bevor sie spricht. „Man merkt das irgendwie“, sagt sie. Es können Grüppchen sein, die aus bestimmten Ecken kommen. Oder Menschen, die immer wieder zwischen verschiedenen Gruppen hin und her wechseln. „Man muss die Puzzleteile zusammensetzen und sich ein Bild basteln“, sagt Kehl.

Gerade kommen zwei Männer aus einer bestimmten Ecke, die aus taktischen Gründen nicht in der Zeitung stehen soll. „Wir gehen jetzt mal da rüber, die Hände aus den Hosentaschen“, fordert Kehl sie auf, mit deutlich mehr Autorität in der Stimme als im normalen Gespräch. Während er die beiden abtastet, funkt Hoffmann die Namen und die Gerätenummern der Handys zu Bernd Schäfer in den Posten. Der sieht sofort, ob gegen die Männer etwas vorliegt, oder ob die Handys gestohlen sind.

„Warum kontrollieren Sie eigentlich immer nur Schwarzafrikaner?“, ruft plötzlich ein Passant mit roten Strähnen im Haar. „Das ist Diskriminierung!“ Kehl baut sich vor dem Mann auf. „Haben Sie ein Problem mit dieser Maßnahme?“, fragt er. „Nö“, murmelt der Mann – und geht. Dabei ist die Antwort einfach: Weil in Limburg vor allem Afghanen und Nordafrikaner mit Drogen dealen. Mit den beiden Männern ist aber alles in Ordnung.

Also wieder warten und beobachten. „Ey, wo geht’s hier nach Marzahn?“, fragt ein Jugendlicher Kehl im Vorbeigehen. „Liefer dich doch mal der Polizei aus“, ruft ein Mädchen, das aus der anderen Richtung kommt, so laut, dass auch die beiden Polizisten es hören, und kichert. „Der Respekt uns gegenüber ist nicht mehr so groß wie früher“, sagt Hoffmann.

Vor allem Selbstschutz

Dann tritt ein älterer Mann an die beiden heran. „Entschuldigung, wissen Sie vielleicht, wo ich meine leeren Batterien abgeben kann? Und eine 70-Cent-Briefmarke bräuchte ich auch“, sagt er. Doch die Bereitschaftspolizisten sind zum ersten Mal in Limburg. „Immer da, wo um Hilfe gerufen wird, werden wir eingesetzt“, sagt Kehl. Am Vortag halfen sie in Eschborn, am Wochenende sind sie dort, wo Fußball gespielt wird. „Wir können nicht planen, wie wir morgen arbeiten. Aber das haben wir uns ja selber ausgesucht“, sagt Kehl. Der ältere Mann versucht sein Glück in der Werkstadt.

Jetzt kommt ein junger Kerl aus der bestimmten Ecke – und ist von der Idee, kontrolliert zu werden, gar nicht begeistert. „Was soll das?“, fragt er Kehl. „Was ist los mit Dir?“ Und: „Ich hab Dich noch nie hier gesehen. Bist Du neu hier?“ „Die sind nicht blöd“, wird der Polizeimeister später sagen. „So wie wir die beobachten, beobachten die uns.“

Als der Verdächtige nach seiner Tasche greifen will, reißt ihn Kehl am T-Shirt zurück. Was nach Polizeigewalt aussieht, ist aber vor allem Selbstschutz. „Er weiß, was in seiner Tasche ist, wir nicht. Wenn er uns mit etwas daraus angreifen will, hat er viel bessere Chancen“, erklärt Hoffmann. Der Ton, in dem Kehl den Mann auffordert, seine Schuhe auszuziehen, ist jetzt ziemlich unfreundlich. Auch das sei aber nicht böse gemeint: „Ich musste eine Ansage machen, damit er wieder runterkommt. Wir müssen zeigen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen.“ Auch dieser Mann hat keine Drogen dabei.

Tütchen Marihuana

Hoffmann und Kehl beschließen, kurz in den Posten zurückzukehren: Je länger sie „Präsenz zeigen“, desto geringer die Dealerdichte – insbesondere nach Kontrollen, die so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Jetzt also warten ohne beobachten. Und zwischendurch ein paar WhatsApp-Nachrichten schreiben. Wenn es zu langweilig wird, wieder raus.

Plötzlich sprintet Hoffmann los: Ein schmächtiger Mann in schwarzer Kleidung benimmt sich „auffällig“. Er wird in einen Hauseingang gelotst – und als Kehl ihn abtastet, findet er tatsächlich ein Tütchen Marihuana. „Ich belehre Sie als Beschuldigter einer Straftat: Sie können etwas sagen, müssen aber nicht“, sagt der Polizeimeister. Und dann: „Haben Sie noch was dabei? Sagen Sie es gleich, ich werde es sowieso finden.“ Er habe nichts mehr, antwortet der Mann. In seinem Geldbeutel steckt ein zweites Tütchen.

Kehl führt ihn am Oberarm auf die Wache. Gegenstände, mit denen der Somalier sich verletzten könnte, kommen in eine Plastiktüte. Der Mann kommt in die Zelle, muss sich ausziehen, Kehl untersucht, ob er noch weitere Drogen am Körper hat. Hat er nicht.

Und dann beginnt die Bürokratie: Polizeioberkommissar Schäfer überprüft die Personalien – der Mann ist Ersttäter –, wiegt das Gras, einmal 0,9, einmal ein Gramm, setzt die Strafanzeige auf und druckt dem Somalier einen Beleg aus, der besagt, dass seine Drogen sichergestellt wurden. Kehl und Hoffmann schreiben währenddessen einen Bericht, in dem sie den Hergang haarklein schildern. Die Informationen sind wichtig für den Staatsanwalt – und für die Polizei, falls sie später Verbindungen zu anderen Fällen herstellen will. Spaß macht das den beiden allerdings nicht. Zumal es von der Zeit abgeht, die die beiden draußen sein können.

Und so bleibt dieser Einsatz ein eher unterdurchschnittlicher: Bei insgesamt 35 Kontrollierten gibt es zwei Anzeigen wegen des Besitzes von Betäubungsmitteln, der Jugendliche im grünen Pulli wurde, da er tatsächlich den Platzverweis missachtet hat, in seine Jugendhilfe-Einrichtung zurückgebracht.

„Natürlich ist es schöner, wenn was rumkommt“, sagt Polizeioberkommissarin Hoffmann zum Schluss. „Aber allein durch unsere Präsenz fühlen sich die Menschen sicherer. Und es ist ein schönes Gefühl, wenn man den Leuten etwas Gutes tun kann.“

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