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Heimische Historiker auf Spurensuche: Goethe in Niederselters

Vor 200 Jahren war Johann Wolfgang von Goethe in Selters – Grund genug, das Ganze mit einem kleinen Rückblick zu feiern. Allerdings nicht nur mit Selterswasser.
Armin Illion präsentiert die von ihm gestaltete Tafel, die künftig im Eingangsbereich des Brunnens an den Goethe-Besuch im Jahr 1815 erinnern wird. Armin Illion präsentiert die von ihm gestaltete Tafel, die künftig im Eingangsbereich des Brunnens an den Goethe-Besuch im Jahr 1815 erinnern wird.
Selters-Niederselters. 

„Den Brunnen sehr reinlich, die Wohnung des Brunnencommissairs Westermann sehr zierlich gefunden.“ Mehr als diesen Satz verliert Johann Wolfgang Goethe nicht über seinen Besuch des Niederselterser Mineralbrunnens in seinem Reisebericht für seinen Sohn August. Doch so nebenbei, wie diese Notiz vermuten lassen könnte, war sein Aufenthalt dort nicht, denn gerade der junge Brunnencommissair muss dem Staatsmann und Dichter viel zu sagen gehabt haben, begleitete er den berühmten Besucher noch eine Zeitlang weiter auf seiner Inspektionsreise, die ihn unter anderem auch nach Langhecke und Limburg und weiter lahnabwärts führte. Dies und viel weitere interessante Einzelheiten erfuhren die Gäste des Goetheabends im Brunnencomptoir, mit dem der 200. Jahrestag des Goethe-Besuchs gewürdigt wurde. Den musikalischen Rahmen setzten Thomas Kilian und Bernd Schmitt von „Partido Gold“. Regina Pelz und Anne Sandner trugen einige Goethe-Texte vor. Serviert wurde natürlich Goethe-Wein aus dem Rheingau, dessen Spendern die Beigeordnete Monika Baumann dankte, die die Teilnehmer namens der Gemeinde willkommen geheißen hatte.

 

Das „Seltzer Wasser“

 

Der Besuch der Seltersquelle sei für Goethe nicht einfach nur ein Haltepunkt auf seiner Lahn- und Rheinreise im Jahr 1815 im Rahmen seines zweiten Kuraufenthalts in Wiesbaden gewesen, sondern für den Naturkundler und Geologen ein Muss, führte Dr. Norbert Zabel in seinem von historischen Bildern und Ansichten von Niederselters und dem Brunnen illustrierten Vortrag aus. Natürlich kannte Goethe das Selterswasser, das des Öfteren in Briefen, Gedichten und seinen Tagebüchern Erwähnung findet. In seinem Haus in Weimar, das ist überliefert, ging das Niederselterser Mineralwasser nicht aus, er ließ es sich sogar nachschicken, wenn er längere Zeit auswärts war: „Schicke mir doch vier Krüge Seltzer Wasser, es ist mir dieser Tage recht ein Bedürfnis“, bat er zum Beispiel 1797 seine spätere Frau Christiane. Auch sie trank das Selterswasser, das ihr nach eigenem Bekunden recht gut bekam. Sicher kannte Goethe auch die ebenfalls 1815 erschienene Quellenschrift von Christoph Wilhelm Hufeland, mit dem er gut bekannt war. Der Leibarzt der preußischen Königsfamilie rühmte das Niederselterser Wasser als das bekannteste Mineralwasser der Welt und Heilmittel für eine Vielzahl von Krankheiten und gab genaue Anweisungen für eine Kur mit Selterswasser.

Goethes Ausflug war, so Dr. Zabel, dem Freiherrn vom und zum Stein geschuldet, der ihn zu sich nach Nassau eingeladen hatte. Das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend, nutzte er die Gelegenheit zu einer Inspektionsreise mit dem nassauischen Oberbergrat Dr. Ludwig Wilhelm Cramer, um die Geologie des Herzogtums Nassau, aber auch dessen Geschichte kennenzulernen. Über Idstein kam der berühmte Reisende zuerst nach Oberselters, wo er bei dem Hüttenverwalter Johann Münz zum Mittagessen einkehrte. Möglicherweise gab es, da es ein Freitag war, Fisch, wie Reinhard Pabst vermutet. Auf der 1780 angelegten Lindenallee ging es weiter nach Niederselters und vorbei an der Brunnenkaserne, die heute als Rathaus dient, zum Mineralbrunnen. Im Hochsommer des Jahres 1815 erlebte Goethe sicherlich ein sehr geschäftiges Treiben auf dem Brunnengelände, denn es war, wie die Geschäftsberichte vermerken, ein sehr umsatzfreudiges Jahr. Goethe sah einen intakten, glänzend organisierten vorindustriellen nassauischen Großbetrieb. Herumgeführt wurde er von Brunnenkommissar Alexander Westermann, über den Eugen Caspary ausführlich geforscht hat. Westermann ist wesentlich der Aufschwung zu verdanken, den der Brunnen in den Folgejahren nahm.

 

Nach Blessenbach

 

Anders als früher vielfach behauptet, übernachtete Goethe nicht in Niederselters, sondern fuhr weiter nach Blessenbach, wo er zusammen mit seinen Begleitern Dr. Cramer und Westermann bei Pfarrer Johann Jakob Meß logierte, um von dort aus am nächsten Tag schnell nach Langhecke zu kommen. Hier inspizierte er die Bleigrube, die Dachschieferbrüche und die Eisenhütte. In Limburg, wo die Reisegesellschaft zum Abendessen im „Roten Ochsen“ einkehrte und übernachtete, verabschiedete sich Brunnenkommissar Westermann von Goethe und kehrte zu seinem Brunnen zurück.

Am 24. Juli ließ sich Goethe schon frühmorgens beim Freiherrn vom Stein in Nassau melden. Hier trafen, so war später zu lesen, das größte deutsche Genie seiner Zeit und einer der angesehensten Politiker des frühen 19. Jahrhunderts zusammen. Für Goethe verschob der Freiherr eigens seine Reise nach Paris, wo er nach der endgültigen Niederlage Napoleons bei Waterloo als Begleiter des preußischen Staatskanzlers Hardenberg an den Friedensverhandlungen teilnehmen sollte. Vor der Paris-Reise besuchten die beiden noch Köln. Nach Wiesbaden kehrte Goethe übrigens nie mehr zurück. An den Besuch des Dichterfürsten in Niederselters erinnert nun eine von Armin Illion gestaltete Tafel, die ihren Platz im Eingangsbereich des Brunnens finden wird.

(uk)
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