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Geschichte: Wie Herbert Schuld das Jahr 1968 erlebte

Herbert Schuld aus Mengerskirchen war kein typischer 68er. Und doch ging das turbulente Jahr nicht spurlos an ihm vorüber. „Kommunen, Gruppensex und Drogen“ hätte es aber in seiner Clique nicht gegeben.
. . . und so sieht er heute aus. Seine Vorliebe für karierte Hemden scheint geblieben zu sein.  Foto/Repro: Quirien Bilder > . . . und so sieht er heute aus. Seine Vorliebe für karierte Hemden scheint geblieben zu sein. Foto/Repro: Quirien
Mengerskirchen. 

Herbert Schuld aus Mengerskirchen erinnert sich noch gut an den Sommer 1968. Aber: Er sei kein „typischer 68er“, sagt er. Damals als 22-Jähriger, wohnhaft in Waldernbach, ging er ja arbeiten, war im ersten Halbjahr des 68er Jahres sogar bei der Bundeswehr. Trotzdem, so der 72-Jährige, habe dieses Jahr etwas mit ihm gemacht und sogar sein weiteres Leben geprägt. Dass er Arbeitnehmer war, spiegelte sich auch in seinem Verhalten damals wieder: „Demo ungern, diskutieren immer“, lautete beispielsweise eines seiner Mottos.

Er habe nie den Wunsch gehabt auszubrechen aus dem System, wohl aber Dinge kritisiert und versucht, diese zu ändern. Da sei er damals reflektiert gewesen, hätte Denkanstöße angenommen und darüber nachgedacht. „Man kann auch politisch aktiv sein ohne lange Haare“, sagt er. Er habe sich nie die „Systemfrage“ gestellt, sondern versucht innerhalb des Systems etwas zu bewegen, berichtet er.

Aber bei einer Demo in Limburg sei er auch mal mitgegangen, um sich zu positionieren. Das wiederum gefiel seiner Mutter gar nicht. Sie musste sich auch im Dorf des Öfteren Kommentare dazu anhören.

Manche Aktionen anderer fand er einfach nur peinlich, wie beispielsweise auf einem Kabarettabend, wo Unternehmer als Schweine mit Maske dargestellt wurden. Aber auch wenn er selbst nicht aktiv bei der Studentenbewegung dabei war, so spürte er auch auf dem Land etwas. Denn wenn freitags die Studenten aus Frankfurt oder Marburg nach Hause in den Westerwald kamen, hatten sie allerhand zu berichten.

Auch bei der Bundeswehr habe schon Politisierung stattgefunden und Fragen nach der Richtigkeit der damaligen Verteidigungsdoktrin und zum Vietnamkrieg wurden aufgeworfen. Sich aufzulehnen, nicht unterwürfig den Älteren zu gehorchen, dafür brauchte seine Clique kein 1968. Schon als Junge in den letzten Schuljahren habe er die „Halbstarken-Bewegung“ im Blick gehabt. Mit gespitzten Ohren hätten die Westerwälder Jungs den starken Sprüchen der Älteren gelauscht. „Alt“ sei nicht respektfordernd gewesen, sondern „von gestern“ und altmodisch. „Die Zeit war dann 1968 einfach reif“.

Wenn Schuld von der Jugend im Westerwald spricht, spricht er von „konservativen Revolutionären“. „Wir gründeten zwar eine Gewerkschaftsjugend, weil uns die SPD nicht links genug war, aber hatten keine Utopien von der Mobilisierung der Arbeitermassen und waren von daher auch nicht empfänglich für irgendwelche Kampfparolen oder gar Terrorakte der späteren RAF“, so Schuld. Die sexuelle Revolution in dieser Zeit, ausgelöst auch durch die Anti-Baby-Pille hätten er und seine Clique zwar mitbekommen, sie habe aber über die Pille hinaus keine Rolle gespielt. „Kommunen, Gruppensex und Drogen, davon waren wir meilenweit entfernt“, so Schuld mit einem Augenzwinkern. „Wir passten auf dem Westerwald schön eifersüchtig auf unsere Mädchen auf.“

Auch optisch waren die Einflüsse der 68er-Bewegung im Westerwald zu erkennen: Die Mode sei ausgefallener, bunter und experimentierfreudiger geworden, und man sah mehr Männer mit langen Haaren. Im Radio und den Clubs galt das auch für die Musik. Das Jahr 1968 habe ihn zu einem politisch bewussten Menschen gemacht, sagt Schuld, der Anfang der 1970er Jahre in die Gewerkschaft eingetreten ist und seither politisch und sozial aktiv ist. Und auch für die Gesellschaft sei das Jahr und dessen Auswirkungen und Impulse bis heute wichtig, findet er.

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