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Geschichte: Als die Spalt-Tablette aus Bad Soden kam

Von Heute ist dort das „Sodenia-Gesundheitszentrum“. Von 1949 bis 1992 wurde auf dem Gelände der ehemaligen Much AG die weltberühmte Schmerztablette produziert. Wer waren die Männer, die dahinter steckten?
Das Baginski-Porträt entstand wenige Wochen vor seinem Tod. Bilder > Foto: Jan Boss Henrichsen Das Baginski-Porträt entstand wenige Wochen vor seinem Tod.
Bad Soden. 

„Die Spalt-Tablette war mir ein Begriff, doch von der Much AG habe ich noch nie was gehört.“ Mit diesen Worten verließ kürzlich eine staunende Besucherin den Theatersaal im Neuenhainer Augustinum. Der Architekt Günter Menze, seit einiger Zeit Bewohner des Wohnstifts Augustinum, hatte mit seinem Vortrag „Die Much AG in Bad Soden – Von den Sodener-Mineralpastillen zur Spalt-Tablette“ eine interessante Historie im Gepäck. Für viele Zuhörer im Saal war das, was der ehemalige Erste Stadtrat der Stadt Bad Soden berichtete, völliges Neuland. Wer weiß schon, dass dort, wo im vergangenen Sommer an der Prof.-Much-/Ecke Sulzbacher Straße das „Sodenia Gesundheitszentrum“ eröffnet wurde, einst der Zugang zur Much AG war?

Diese Luftaufnahme ist von etwa 1958. Sie zeigt weite Teile des Much-Geländes in Bad Soden. Bild-Zoom
Diese Luftaufnahme ist von etwa 1958. Sie zeigt weite Teile des Much-Geländes in Bad Soden.

Auf dem Areal bis weit hinauf zur Bonner Straße, wo heute moderne Wohnhäuser stehen, wurde bis Ende 1992 die weltweit bekannte Spalt-Tablette hergestellt. Wer hat eine Ahnung von der langen Vorgeschichte der Schmerztabletten-Produktion, die 1887 mit der Gründung der Sodener Brunnenverwaltung und der Vermarktung von „Fay’s ächte Sodener Mineral-Pastillen“ begann. Namen wie die der Sodener Pastillenfabrikanten Friedrich und Kuno Christian sowie des Arztes Dr. Hans Much, der als Professor an der Hamburger Universität beschäftigt war, sind untrennbar mit der Historie verbunden.

Erfindergeist

Die herausragende Rolle dabei spielte Geheimrat Leo Max Baginski. 1891 wurde er in Kolmar, im Bezirk Posen, dem heutigen Poznan/Polen, geboren. Schon in jungen Jahren brillierte der gelernte Kaufmann durch seinen ungewöhnlichen Erfindergeist und sein Gespür, wie man Produkte werbeträchtig an den Mann bringt. Man müsse das Geld für die Werbung zum Fenster hinauswerfen, wird Baginski zitiert, „damit es durch die Tür wieder hereinkommt“. In Berlin-Pankow baute sich Baginski in den 1920er Jahren ein weltweit agierendes Imperium auf, dazu erwarb er hochwertige Immobilien in und um Berlin. Anfang 1931, ein Jahr vor dessen Tod, gewann er den Mediziner Hans Much als Geschäftspartner und gründete die Much AG. Ausschließlich der Herstellung und dem Vertrieb pharmazeutischer Produkte sollte diese Firma dienen. Unter ihrem Dach wurde das weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Schmerzmittel, die Spalt-Tablette, hergestellt. Mit dem Arzt Dr. Much hatte die Tablette aber nichts zu tun. Das Rezept stammte vielmehr von einem Arzt namens J. Ferrua. Die unverwechselbare Form der Spalt mit der Kerbe war Baginskis Idee gewesen. Man sollte die Tablette auch „im Dunkeln fühlen können“.

Fabrik konfisziert

Was führte diesen erfolgreichen Berliner Firmeneigner in den Nachkriegsjahren nach Bad Soden? Seine Fabrikanlagen in Berlin-Pankow wurden von den sowjetischen Besatzern bei Kriegsende konfisziert. Er selbst wurde in einem russischen Lager interniert. Ihm wurde vorgeworfen, er habe in seinen Betrieben Fremdarbeiter beschäftigt. Nach seiner Entlassung im August 1948 nimmt Baginski unmittelbar Kontakt zur Stadt Bad Soden auf. Die Verbindung ging zurück auf das Jahr 1935, als Baginski eine öffentliche Ausschreibung der Kurstadt zu seinen Gunsten entscheiden konnte und die Brunnenverwaltung sowie den Vertrieb der Sodener Mineral-Produkte, vorrangig der Sodener Mineral-Pastillen, übernahm.

Bereits 1949 startete Baginski, Inhaber der Much AG, mit der Produktion der Spalt-Tablette in Soden. 1951 wurde in der Sulzbacher Straße das neue chemische Werk der Much AG eingeweiht. Die Produktionsstätte, aus der „die weltbekannten ,Spalttabletten‘ wieder in die Welt wandern“, so schrieb die Frankfurter Neue Presse damals, und in der „fast 250 Leute beschäftigt sind, konnte zahlreichen Vertriebenen Arbeit geben“. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Innerhalb kurzer Zeit war die Produktion auf über eine Million täglich angewachsen. Aneinandergereiht ergab das eine Länge von 13 Kilometer. Die für die Verpackung notwendigen Alu-Röhrchen wurden, da die Lieferung von außerhalb nicht nachkam, bald in Eigenproduktion hergestellt.

Mäzen und Stifter

Man würde der Persönlichkeit Leo Max Baginski nicht gerecht, ohne seine Rolle als Mäzen zu beleuchten. Während seiner Internierung im Konzentrationslager Buchenwald legte der Mittfünfziger das

clearing

Für Bad Soden war die Ansiedlung der Much AG ein Glücksfall. Nicht nur, dass das Unternehmen mit einer Produktion von 300 Millionen Spalt-Tabletten jährlich und 700 Millionen weiteren Pillen zum größten Gewerbesteuer-Zahler der Stadt wurde, bei rund 500 Arbeitskräften verdienten viele Sodener Familien hier ihren Lebensunterhalt. Dazu erwies sich Geheimrat Baginski als äußerst sozial. Er ließ Werkswohnungen und Reihenhäuser in großer Zahl für seine Arbeiter und Angestellten errichten. Baginski führte - lange bevor die Gewerkschaft darüber diskutierte - die 45-Stunden-Woche ein. Ein 13. Jahresgehalt, Urlaubsgeld und eine zusätzliche Altersversorgung nach 10 Jahren im Betrieb waren selbstverständliche Leistungen.

Verkauf an US-Konzern

Umso größer war der Schock, als Sohn Jürgen Baginski, der nach dem Tod seines Vaters 1964 die Geschäfte übernommen hatte, den Sodener Stadtoberen 1972 verkündete, dass er die Much AG an die American Home Products Corporation verkaufen werde. Ein Kaufpreis von 126 Millionen Mark wurde genannt. Bis 1992 ließen die amerikanischen Manager noch an der Sulzbacher Straße produzieren. Danach wurde das Werk geschlossen, und ein reduzierter Stamm von Mitarbeitern kümmerte sich um Verwaltungs- und Vertriebsaufgaben. In 1993 war endgültig Schluss. Für einige Zeit schaffte es Pfarrer Paul Schäfer noch, einen Ableger des katholischen Kindergartens St. Katharina auf dem Gelände unterzubringen, einige Handwerker und Künstler siedelten sich an. In den Folgejahren wurden die Fabrikgebäude jedoch nach und nach abgerissen.

 

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