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Besuch bei einer „Grande Dame“

Zur Stolperstein-Verlegung kann sie nicht kommen, aber die Tochter will mit möglichst vielen Verwandten anreisen, hat Grünen-Stadtverordneter Harald Fischer bei einem Besuch in Tel Aviv erfahren.
Ruth Baum mit Tochter Ora und Sohn Tali. Die Seniorin trägt noch viele Erinnerungen an ihre Bad Sodener Zeit mit sich herum. Ruth Baum mit Tochter Ora und Sohn Tali. Die Seniorin trägt noch viele Erinnerungen an ihre Bad Sodener Zeit mit sich herum.
Tel Aviv/Bad Soden. 

Viel zu früh hatte sich Harald Fischer am Morgen des 7. November in Tel Aviv auf den Weg gemacht. Er wollte sich Zeit lassen. Noch die umliegende Gegend erkunden. „Ich war super aufgeregt“, erinnert sich der Bad Sodener Grüne. Für 12 Uhr hatte sich der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher mit Ruth Baum, geborene Isserlin, in deren Wohnung verabredet.

Plötzlich wurde es eng. Er wusste zwar die Hausnummer. Doch wo verflixt war der Eingang zu dem Gebäude, das direkt an einer Ecke stand. Dann erblickte er die Klingeln - 20 Stück. Und siedend heiß fiel ihm ein, dass der Name „Baum“ auf dem Klingelschild ja sicher auf Hebräisch stehen würde. Eine Telefonnummer hatte er nicht. Er sprach eine ältere Frau an, die entlangkam. Schilderte ihr, dass er eine Holocaust-Überlebende besuchen wolle und deren Namen auf der Klingel suche.

Sie half ihm. Tränen standen in ihren Augen. Aufgeregt stürzte Harald Fischer die Treppen hinauf in den dritten Stock. Sohn Tali und Tochter Ora begrüßten ihn. Es war ein beklemmendes Gefühl für ihn.

Dann ging Harald Fischer auf Ruth Baum zu. Die 95 Jahre alte Isserlin-Tochter saß in ihrem Sessel. „Eine Grand Dame“, war sein erster Eindruck. Alte Fotoalben hatte sie von ihrem Sohn herbeibringen lassen. Sofort habe sie die Liste der jüdischen Familien aus Bad Soden sehen wollen, über deren Schicksal der Arbeitskreis recherchiert hat.

 

Kühles Gespräch

 

„Ruth Baum wusste noch zu allen Namen etwas zu sagen“, freut sich Fischer. Sehr gerührt sei sie gewesen, als sie das Bild von Mina Grünebaum, der langjährigen Haushälterin der Isserlins gesehen habe. Im Jahr 1976, berichtete Ruth Baum, war sie das letzte Mal in der Kurstadt. Sie habe sich mit dem damaligen Stadtverordnetenvorsteher getroffen. Das sei ein sehr kühles Gespräch gewesen.

Ihr Weg vor 37 Jahren habe sie zur Talstraße geführt, wo vor dem Pogrom die israelitische Kuranstalt stand. Sie habe die Häuser sehen wollen, die im Besitz ihrer Familie gewesen seien und in denen sie mit Eltern und Bruder gelebt habe.

Lange habe sie versucht, den Kontakt nach Bad Soden zu halten, berichtete Ruth Baum. Bei ihrem letzten Besuch sei sie bei der Familie vom Bruch gewesen. Die Namen der Bad Sodener Bürger, die an jenem 10. November die unvorstellbaren Gräueltaten gegen ihre jüdischen Mitbürger verübt haben, wollte Ruth Baum nicht nennen. Sie habe abgeschlossen mit dem Thema, betonte die alte Dame - trotz des Bewusstseins, dass es in der Kurstadt genug Menschen gebe, die heute noch über die Teppiche der Isserlins liefen, deren Silberbestecke und das gute Porzellan in den Schränken stehen hätten.

 

„Grandiose Idee“

 

Ihre Gesundheit erlaube es ihr nicht, zur Verlegung der Stolpersteine nach Bad Soden zu reisen, hat Ruth Baum Harald Fischer wissen lassen. Tochter Ora jedoch will unbedingt an der Gedenkfeier teilnehmen und sie werde versuchen, so viele Verwandte wie möglich mitzubringen. Alle drei fanden die Stolperstein-Aktion eine grandiose Idee, berichtete Fischer. Obwohl sie zu Beginn seines Besuches sehr misstrauisch gewesen seien.

Niemals zuvor hatten sie, die alle in Tel Aviv leben, von dieser Art des Gedenkens an die Verfolgten des Naziregimes gehört. Beim Abschied habe Ruth Baum ihm mit auf den Weg gegeben, dass sie sich für alle, die damals in ihrer Geburtsstadt unter den Nazis gelitten hätten, einen Stolperstein wünsche.

(Brigitte Kramer)
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