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Das Schicksal junger Flüchtlinge

Von Viele sprechen gut deutsch, sind in der Schule engagiert – und wissen nicht, wie ihr Leben weitergeht.
Junge Flüchtlinge berichteten im Bürgerhaus von ihren Schicksalen und beantworteten Fragen der Einstein-Schüler. Foto: Knapp Junge Flüchtlinge berichteten im Bürgerhaus von ihren Schicksalen und beantworteten Fragen der Einstein-Schüler. Foto: Knapp
Schwalbach. 

Von Schleppern über die Grenzen gebracht, hungrig im Auto eingepfercht. Horrorszenarien wie diese hat auch Qais auf seiner langen Flucht aus Afghanistan erlebt. Mit einem Flugzeug war er in Russland gelandet, danach war die „Reise“ im Auto und oftmals zu Fuß weitergegangen. Sechs Monate lang.

Vor zweieinhalb Jahren kam er – gerade mal 15 Jahre jung – in Deutschland an. Jetzt wohnt er in der Eppsteiner „Villa Anna“, in der seit zwei Jahren 28 minderjährige Flüchtlinge stationär betreut werden. Gestern war er mit Freunden und Betreuern beim Projekttag „Flucht. Anna trifft Einstein“ der Albert-Einstein-Schule im Schwalbacher Bürgerhaus zu Gast, um aus seinem Leben zu berichten.

Warum er sich Deutschland ausgesucht habe, fragt Moderator Sebastian Leierseder vom Bildungskollektiv „Bleiberecht“. „Mein Onkel wohnt in Wiesbaden“, erzählt der 18-Jährige. Bei ihm wolle er auch, wenn er seinen Schulabschluss gemacht habe, eine Ausbildung zum Restaurantfachmann beginnen. Er hat sehr gut Deutsch gelernt, spricht außerdem indisch, pakistanisch, zwei afghanische Dialekte und persisch.

Auch die anderen beherrschen mehrere Sprachen, oft auf der Flucht erlernt. Fähigkeiten, die sie ihren deutschen Mitschülern voraushaben. Dafür fehle oft die Möglichkeit zum Schulbesuch in der Heimat, erklärt Leierseder. „Ich konnte nicht lesen und schreiben, als ich vor drei Jahren in Gießen ankam“, sagt Sajjad. Auch er kommt aus Afghanistan, war zwei Jahre lang auf der Flucht. Wie Qais besucht der 18-Jährige die Brühlwiesenschule.

 

Getrennt von der Mutter

 

Großes Bedauern weckt das Schicksal der 17-jährigen Zeinapp, die in Offenbach betreut wird. Mit Mutter und Bruder war sie aus dem Iran über die Türkei nach Griechenland geflohen. Nur sie habe vor zwei Jahren nach Deutschland weiterreisen können. Sie hoffe so sehr, dass Mutter und Bruder bald nachkommen könnten. Sie sei leider kein Einzelfall, erklärt der Moderator. „Oft reicht das Geld nicht für alle, oder ein Teil der Familie wird festgehalten.“

Okamichael ist vor neun Monaten angekommen. In Bayern hatten sie das angegebene Alter des 17-Jährigen aus Eritrea angezweifelt, den jungen Mann älter geschätzt. Als Erwachsener hätten ihn erschwerte Bedingungen erwartet, er wäre in einem „Sammellager“ untergebracht worden. In Gießen habe man die Entscheidung rückgängig gemacht, erfahren die Schüler. Glück für ihn, denn jetzt ist er der Jugendhilfe unterstellt, bekommt Sprachunterricht und Hilfe von „Bezugsbetreuern“ wie Thorsten Schaaf.

Natürlich gebe es auch dabei Konflikte, so der Sozialpädagoge. „Die Flüchtlinge sind ja Jugendliche wie ihr und da müssen wir schon mal über Ordnung oder das Nachhausekommen zu festen Zeiten reden.“ Im Großen und Ganzen laufe das Zusammenleben aber sehr gut. Die jungen Leute seien sehr interessiert an der Schule. Auch weil das Aufenthaltsrecht mit einer Integrationsprognose verknüpft sei. „Da wird schon mal bei den Lehrern nachgefragt . . .“, so Schaaf. Nach eineinhalb Jahren gebe es eine Anhörung, das Ergebnis folge frühestens ein halbes Jahr später. „Das ist eine ganz große Unsicherheit für viele.“

 

Kontakte wären gut

 

Auch die Schüler dürfen Fragen stellen. „Was macht ihr in der Freizeit?“, wollen sie wissen. Mit Freunden treffen und Fußballspielen, so die Antwort. Ob es auch in Schwalbach oder Bad Soden Unterkünfte für minderjährige Flüchtlinge gebe, fragt jemand. Irmela Wiesinger vom Main-Taunus-Kreis, die die Veranstaltung gemeinsam mit Irene Krell von der AES und Jugendbildungsreferent Achim Lürtzener organisiert hat, weiß es genau. „In den beiden Orten nicht“, sagt sie, aber da der Kreis bald 40 Neuankömmlinge erwarte, sei in Kelkheim eine weitere Unterbringung geplant. „Die ist ja gut zu erreichen“, findet sie.

„Es wäre wirklich schön, wenn unsere jungen Leute auch in ihrer Freizeit mehr Kontakt zu deutschsprachigen Jugendlichen hätten“, so Schaaf. Das fördere ihre Sprachkenntnisse. „In der Villa unterhalten sie sich oft in ihrer Muttersprache miteinander.“

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