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Ein Holocaust-Überlebender erzählt: Der Kampf des KZ-Gefangenen 5730

Leslie Schwartz war 14, als er in die Kinderbaracke von Auschwitz kam und Josef Mengele begegnete. Der Mut einfacher Menschen hat ihm das Leben gerettet. Am kommenden Mittwoch, 7. Mai, schildert der Holocaust-Überlebende seinen Leidensweg.
Der zynische Schriftzug am Eingang  des KZ Auschwitz war eine Umschreibung für den angeblichen Erziehungszweck des Lagers, das heute Gedenkstätte und internationales Holocaust-Forschungszentrum ist. Der zynische Schriftzug am Eingang des KZ Auschwitz war eine Umschreibung für den angeblichen Erziehungszweck des Lagers, das heute Gedenkstätte und internationales Holocaust-Forschungszentrum ist.
Hattersheim. 

Wenn Leslie Schwartz ältere Deutsche auf der Straße zu den Geschehnissen um das Jahr 1945 anspricht, stellt er immer wieder fest, dass es seine Gegenüber plötzlich furchtbar eilig haben. Schwartz verspürt dennoch ein starkes Bedürfnis sich mitzuteilen und auszutauschen: „Überlebende des Holocaust haben eines gemeinsam: Sie können nicht genug Liebe erfahren“, erklärt der Buch-Autor. Viel Interesse an seinen Erfahrungen erfährt er im Gespräch mit der jüngeren Generation. In dieser Woche trifft er sie unter anderem an der Heinrich-Böll-Schule.

 

Viel Zuneigung

 

Schwartz arbeitet seine Erlebnisse seit dem Jahr 2007 öffentlich auf. Damals erschien sein Buch „Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau. Ein Junge erkämpft sein Überleben“ erst auf Dänisch, dann auf Deutsch. Seither hält der mittlerweile 81-Jährige Vorträge und sucht das Gespräch mit jungen Leuten. Die Reaktionen überwältigen ihn: „Ich bekomme so viel Zuneigung, mehr als ich verlange, und das in Deutschland“, freut sich der Autor. Für den KZ-Überlebenden sind die Treffen mit Schülern eine Chance, Teile seiner verlorenen Jugend zurückzuholen. „Ich werde wieder 14 Jahre“, beschreibt Leslie Schwartz sein Gefühl beim Austausch in den Schulen.

Als Leslie Schwartz tatsächlich 14 Jahre alt ist, beginnt sein schreckliches Leid: Das Kind jüdischer Eltern wird im Jahr 1930 als László in der ungarischen Kleinstadt Baktaloranthaza geboren. Als die Wehrmacht Ungarn im Frühjahr 1944 besetzt, fängt für den 14-Jährigen ein dramatischer Kampf ums Überleben an, den wohl kaum einer seiner heutigen Zuhörer tatsächlich nachvollziehen kann. Zusammen mit einer halben Million ungarischer Juden wird er deportiert. Man bringt ihn ins Konzentrationslager Auschwitz, wo er „aus einem Gefühl heraus“ entscheidet, sich von seiner Mutter zu trennen. Fortan ist der junge Mann nur noch eine Nummer: In der „Kinderbaracke“ kennt man ihn als Gefangenen 5730. Seine Mutter, seine Schwester, die Stiefschwester und den Stiefvater sieht er nie mehr wieder.

Schwartz steht dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele gegenüber, schafft es mit Hilfe eines Freundes jedoch, ins Arbeitslager Birkenau verlegt zu werden. Von dort transportiert man ihn nach Dachau und später nach Mühldorf am Inn. Als die Alliierten näher rücken, zeichnet sich ein Lichtblick ab: Die Gefangenen werden auf Züge verladen und im bayerischen Poing ausgesetzt. „Ihr seid frei“, habe es geheißen, erinnert sich Leslie Schwartz. Er schafft es bis zu einem Bauernhof, wo man ihn aufnimmt und mit Brot und Milch versorgt. Die Hoffnung währt jedoch nur kurz: Bewaffnete Truppen der Hitlerjugend werden auf die Unterkunft aufmerksam und stürmen den Hof. Als Leslie zu fliehen versucht, schießt ihm einer der Männer ein Loch in den Hals. Erst in Tutzing am Starnberger See wird er schließlich, schwer verletzt, von den Amerikanern befreit.

 

Glaube an die Menschheit

 

Viele Zufälle mussten zusammenkommen, damit ein Jude während des Zweiten Weltkrieges überleben konnte. Vor allem musste es viele wohlgesinnte Menschen geben – dessen ist sich Leslie Schwartz sicher. Er hat das Verlangen diese Helfer beim Namen zu nennen: Es sind einfache Menschen wie Agnes Riesch, die ihm in Karlsfeld zu essen gab, oder die Bäuerin Barbara Huber aus Poing. Große Bedeutung für den Überlebenden hat auch sein jüdischer Freund Sandor Grosz, der ihn in den Lagern beschützte. Die Unterstützung dieser Menschen habe dafür gesorgt, dass ein Funke des Glaubens an die Menschheit in ihm überdauerte, berichtet Schwartz.

Im alliierten Auffanglager Feldafing erreicht Leslie Schwartz ein Brief seines Onkels aus den Vereinigten Staaten. „Komm!“ steht in dem Schreiben – ein Angebot, dem der Überlebende gerne folgt. Als Manager einer Druckerei schafft es Leslie Schwartz an der Ostküste zum erfolgreichen Geschäftsmann. Er ist befreundet mit New Yorks Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani, der verstorbene Hollywood-Star Tony Curtis ist sein Schwager. Seit dem Jahr 1984 kommt Schwartz wieder nach Deutschland. Jedes Jahr besucht er Münster – die westfälische Stadt, aus der seine zweite Ehefrau stammt.

Derzeit unternimmt Leslie Schwartz auf Einladung des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ eine Vortragsreise durch Südhessen. Auf dieser Tour besucht er am Mittwochvormittag die Hattersheimer Heinrich-Böll-Schule. Schüler der Leistungskurse Geschichte bekommen die Gelegenheit zum Gespräch mit dem Auschwitz-Überlebenden.

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