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Bahnhof Eddersheim: Die Bahn lenkt ein

Von Jetzt wird eine „vorübergehende Weiternutzung“ des Tunnels geprüft. Parallel soll nach einer zukunftsweisenden Lösung der Gesamtsituation gesucht werden.
Nach Ende der Osterferien werden solche Szenen täglich zu beobachten sein: Schulkinder müssen einen schmalen Weg neben der Straße gehen, um die Bahngleise zu überqueren. Ein sicherer Schulweg sieht anders aus. Bilder > Foto: Hans Nietner Nach Ende der Osterferien werden solche Szenen täglich zu beobachten sein: Schulkinder müssen einen schmalen Weg neben der Straße gehen, um die Bahngleise zu überqueren. Ein sicherer Schulweg sieht anders aus.
Eddersheim. 

Mahnwachen, Unterschriftensammlungen und Protestaktionen hat es gegeben, Ortspolitiker und Initiativen haben Landes- und Bundespolitiker eingeschaltet. Wie groß die einzelnen Akteure die Erfolgsaussichten einschätzten, wissen sie nur selbst – aber mancher ließ den Verdacht durchblitzen, die Bahn werde den Proteststurm wohl einfach aussitzen. Immerhin hat das Verkehrsunternehmen die wichtige Unterführung am Bahnübergang auch gesperrt, ohne in Hattersheim ein Sterbenswörtchen darüber verloren zu haben.

Gestern aber räumte die Bahn nicht nur ein, die Öffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen nicht ausreichend informiert zu haben. Gegenüber dem Kreisblatt kündigte die Pressestelle des Unternehmens am Abend auch an, zu prüfen, ob die Unterführung vorübergehend geöffnet werden könnte. Damit reagiert die Bahn ganz offensichtlich auf die zahlreichen Proteste aus Hattersheim und Flörsheim.

Wie die Pressestelle dem Kreisblatt mitgeteilt hat, wurde nun ein vom Eisenbahnbundesamt zugelassenes Sachverständigenbüro beauftragt zu untersuchen, ob die Unterführung durch geeignete Abstützungen wieder benutzbar gemacht werden kann. Die dadurch gewonnene Zeit soll dann genutzt werden, „gemeinsam mit allen Beteiligten eine zukunftsweisende Lösung für die Gesamtsituation an dieser Eisenbahnkreuzung“ zu suchen und umzusetzen. „Wir nehmen die Hinweise und Befürchtungen der Bürger bezüglich der Sicherheit des Schulwegs über den angrenzenden Bahnübergang sehr ernst“, so Pressesprecherin Regina Marusczyk.

Gestern am frühen Morgen, bei einer Demonstration am Bahnübergang, hatte mit einer solchen Wendung der Dinge noch niemand gerechnet. „Warum kann die Stadt nicht einen Schulbus einsetzen, der die Kinder sicher bringt“, fragte eine Mutter in die Runde der Ortspolitiker, und sie spricht Hattersheim und Flörsheim an. Aus Eddersheim und aus Weilbach nämlich gibt es Kinder, die dort in die Bahn steigen, um in anderen Städten Schulen zu besuchen. In anderen Orten seien auch Schulbusse unterwegs, hieß es.

Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink ging der Diskussion nicht aus dem Wege: „Warum soll die Stadt Dinge bezahlen, für die Bahn zuständig ist“, so der Rathauschef. Aus Sicht der Eltern wäre dies durchaus gerechtfertigt, geht es doch immerhin um Leben und Gesundheit ihrer Kinder. Ob die Bürger bereit seien, dafür eine erneute Erhöhung der Grundsteuer hinzunehmen, fragt sich Antenbrink. Gerade die Hattersheimer haben in dem Punkt in den letzten Jahren schon heftig einstecken müssen.

Man dürfe sich in der Sache nicht auseinanderdividieren lassen, mahnt Bürgermeisterin Antje Köster angesichts solcher Debatten. Wichtig sei, dass alle an einem Strang ziehen. Ob ein Schulbus die von der Bahn nun angestrebte Dauerlösung oder wenigstens ein Provisorium ein Schulbus sein könnte, hängt wohl tatsächlich von der Finanzierung ab. In Eppstein hatte es über viele Jahre einen von der Stadt mitfinanzierten Schulbus zwischen Bremthal und Niederjosbach gegeben, um den Schülern den gefährlichen Bahnübergang zwischen beiden Stadtteilen zu ersparen.

Bei der Demonstration, zu der Frank Wolf von der Bürgerinitiative für Umweltschutz und der Eddersheimer Rechtsanwalt Hermann-Josef Lenerz aufgerufen hatten, konnte man gut das Gefährdungspotenzial beobachten, das die neue Situation heraufbeschwört. Natürlich traut sich keiner, bei Rot vor einer sich schließenden Schranke nur über die Gleise zu rennen, wenn 100 Zuschauer daneben stehen, darunter mehr als ein halbes Dutzend Polizeibeamte.

 

Gefährliche Situationen

 

Aber wenn die Schranke aufgeht, fahren die Autos los, und die Fußgänger setzen sich in Bewegung. Bürgersteige gibt es nicht, die Asphaltstreifen an beiden Seiten sind nur einen halben Meter breit. Überholt ein Auto einen Fußgänger, weicht es ein Stück auf die Gegenfahrbahn aus. Ist dort auch Verkehr, geht das nicht, auf beiden Seiten ist zwischen Fußgängern und Autos kaum ein Abstand. Da kann die kleinste Unachtsamkeit den Fußgänger ins Krankenhaus bringen.

„Ich gehe jetzt jeden Tag mit meinem Enkel bis auf den Bahnsteig“, schildert eine Eddersheimer Großmutter ihre Reaktion auf die neue Situation. Eine Mutter ist täglich eine halbe Stunde vom anderen Ende des Ortes unterwegs. Als Problem wird auch angesehen, dass man nicht weiß, wie lange die Schranken geschlossen sind. Das führt dazu, dass viele das Haus mindestens eine Viertelstunde vorher verlassen müssen. Es sei eben notwendig, sich auf die neue Situation einzustellen, hat die Bahn in der vergangenen Woche verlauten lassen. Aber deutlich früher aufzustehen, das ist für viele in früher Morgenstunde nicht zumutbar.

Und an der beengten Situation auf dem Bahnübergang können auch die beiden Bahn-Mitarbeiter nichts ändern, die gestern morgen in Eddersheim auftauchten, das Geschehen beobachteten, viel Anlass zum Eingreifen aber nicht hatten. Zur Position der Bahn wollten, konnten oder durften sie nichts sagen. Offensichtlich hatten sie auch gar nicht damit gerechnet, dass es an diesem Morgen eine Demonstration in Eddersheim geben würde. Sie sollen aber auch künftig am Bahnübergang für mehr Sicherheit sorgen, zumal die Ergebnisse des Sachverständigenbüros eine Weile auf sich warten lassen werden. Einen Zeitplan hat die Bahn noch nicht genannt.

Zwei Mitarbeiter, die auf die Dauer auch viel zu teuer sind, haben dort ohnehin nicht alles im Griff. Manche überqueren die Gleise schon mehrere hundert Meter ortseinwärts, wusste eine Anwohnerin zu berichten. Das sei früher schon so gewesen, aber seit Schließung der Unterführung in verstärktem Umfang. Gegen solche Unvernunft ist natürlich kein Kraut gewachsen. Aber mit dem Hinweis der Bahn, es müssten sich eben alle an die Verkehrsregeln halten, ist es nach Übereinstimmung aller auch nicht getan.

Nach heftigem E-Mail-Verkehr in der vergangenen Woche ging es seit dem Wochenende auf die Straße. Die Freien Wähler hatten sich zur Mahnwache getroffen und seit Samstag Unterschriften gesammelt, die FDP verteilte Protestpostkarten an Passanten und Autofahrer. Gestern gab es die Demonstration, bei der es sich zu früher Stunde gegen 7 Uhr Vertreter aller Fraktionen nicht nehmen ließen, Flagge zu zeigen. Auch das Medieninteresse war groß. Am heutigen Vormittag sammelt auch die SPD Unterschriften, mit denen sie der Forderung nach Sanierung der Unterführung Nachdruck verleihen wollen.

 

Rechtliche Schritte

 

Außerdem wird zurzeit auch über rechtliche Schritte gesprochen. In dieser Woche soll es nach Aussage von Hattersheims Erster Stadträtin Karin Schnick Gespräche mit einem Rechtsanwalt und der Stadt Flörsheim geben, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Rechtsanwalt Hermann-Josef Lenerz ist seinerseits als Privatmann bereit, rechtliche Schritte einzuleiten. Er hatte zur Eile gemahnt, da er fürchtete, dass die Bahn die Unterführung bald verfüllen werde. Zumindest diese Gefahr scheint vorläufig gebannt – so offensichtlich wortbrüchig wird die Bahn nicht werden wollen.

Karin Schnick hatte bei der Demonstration den Vorwurf zurückgewiesen, die Stadt hätte sich früher um die Sanierung kümmern müssen. Sie erinnert daran, dass der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) 2013 eine Information der Bahn weiter gegeben habe, die Sanierung sei für das Jahr 2015 geplant, und zwar ohne Kostenbeteiligung der Stadt. Noch beim Beginn der Bauarbeiten sei sie davon ausgegangen, dass nun der Startschuss für die Sanierung gefallen sei – was bekanntlich ein Irrtum war. Die nächsten Bauarbeiter, die dort auftauchen, sollen nicht wieder Fakten schaffen – geplant ist die Aufstellung weiterer Hinweisschilder und eines zusätzlichen Absperrgitters.

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