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Die Brandbomben-Lüge

Von Immer weniger Zeitzeugen gibt es, die genaue Aussagen über die Zeit der Nazi-Diktatur machen können. Umso wichtiger ist es, gesicherte Erkenntnisse für die Nachwelt festzuhalten.
Werner Schiele (re.), Autor des Buches „Juden in Flörsheim am Main“, informierte die Teilnehmer eines Rundgangs durch die Altstadt. 	Foto: Maik Reuß Foto: Maik Reuß Werner Schiele (re.), Autor des Buches „Juden in Flörsheim am Main“, informierte die Teilnehmer eines Rundgangs durch die Altstadt. Foto: Maik Reuß
Flörsheim. 

Mit ernsten Mienen folgten die rund 80 Zuhörer den Ausführungen von Werner Schiele. Der Autor des Buchs „Juden in Flörsheim am Main“ lieferte auf seinem Rundgang durch die Altstadt lebhafte Beschreibungen der Entwicklung und des Niedergangs der jüdischen Gemeinde. Die Tour in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte begann am Standort des ersten jüdischen Gemeindesaales: Die Flörsheimer Juden bezogen ihren Betraum im Jahr 1656 an der Stelle der heutigen Gaststätte „Kartoffelstube“ vor der Galluskirche.

Der erste Treffpunkt der jüdischen Gemeinde blieb nicht lange unversehrt: Im Jahr 1672 wurde der Betsaal von brandenburgischen Truppen auf dem Durchmarsch durch Flörsheim niedergebrannt. Nachdem die Juden zwischenzeitlich in einer anderen Betstube unterkamen, ergab sich im Jahr 1710 die Chance auf ein eigenes Gotteshaus. Das Mainzer Domkapitel stellte der Gemeinde ein rund 56 Quadratmeter großes Grundstück an der heutigen Synagogengasse zur Verfügung.

Werner Schiele führte die Teilnehmer des Rundgangs vor die Mauer des Anwesens, hinter der heute nur noch ein großes Loch in der Bebauung klafft. Im Jahr 1718 sei hier die Flörsheimer Synagoge mit einer Innenraumfläche von rund 39 Quadratmetern eingeweiht worden, berichtete der Heimatforscher. Der Betsaal beherbergte 35 Sitzplätze für Männer und eine separate Empore, auf der 16 Frauen Platz fanden. Die jüdische Gemeinde habe aus bis zu 150 Personen bestanden, führte Schiele weiter aus. Dies sollte sich rund zwei Jahrhunderte später ändern: Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 lebten nur noch 55 Juden in Flörsheim.

SA wütete im Ort

Am 10. November 1938 – einen Tag später als in vielen Großstädten – erreichten die Novemberpogrome Flörsheim. Die Verwüstungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen nahmen ihren Anfang in der Hauptstraße 57. Gegen 11.30 Uhr habe der nationalsozialistische Mob die Synagogengasse erreicht, erzählte Schiele den Zuhörern. Die aggressive Truppe habe größtenteils aus Mitgliedern der Rüsselsheimer SA bestanden, die von einem Flörsheimer angeführt wurden. „Viele Orte bedienten sich auswärtiger SA-Kräfte, weil diese weniger Hemmungen hatten“, sagte Schiele.

Einer der SA-Leute sei aufs Dach der Synagoge geklettert und habe den Davidstern entfernt. Die Angreifer wüteten auch im Gebetssaal, wo sie die Tora-Schriftrollen aus ihren Verankerungen rissen. Die Zerstörung setzte sich am Nachmittag fort, als ein SA-Mann eine Schulklasse der Riedschule zur Synagoge führte. Die Verwüstung durch die Schüler sei sogar schlimmer gewesen als der Übergriff am Vormittag, erzählte Werner Schiele.

Infotafel ist überholt

Die Synagoge wurde im Jahr 1939 verkauft und kurz darauf niedergerissen. Nur die Südwand ist bis heute stehengeblieben, weil sie mit dem angrenzenden Gemeindehaus verbunden war. Im Jahr 1947 teilte der damalige Flörsheimer Bürgermeister mit, dass die Synagoge durch Brandbomben während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden sei. Dies lasse sich aber durch Fotoaufnahmen als Lüge aufdecken, erklärte Schiele.

Heute erinnern Gedenktafeln auf der Mauer an den Standort des jüdischen Gotteshauses. Schiele wies jedoch darauf hin, dass es sich bei den Tafeln um den Kenntnisstand des Jahres 2008 handele. Er rief die Stadt auf, die Informationen zu den Todesopfern und ihren Schicksalen in Zeiten einer besseren Haushaltslage zu aktualisieren. „Erinnerungsarbeit ist ein Prozess, der niemals endet“, betonte der Heimatforscher. Insgesamt seien 32 Flörsheimer Juden während des Holocaust ums Leben gekommen.

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