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Die Kraft des Fußballs

Streiks, Staus, Demonstrationen, soziale Unruhen – sie überschatten den Beginn der Fußball-WM in Brasilien. Die Regierung des südamerikanischen Landes und der Weltfußballverband Fifa geben ein miserables Bild ab. Doch es gibt Projekte, die Anlass zu Hoffnung geben. Kreisblatt-Redakteur Andreas Schick interviewte am Telefon Henning Schick, der für die in Eschborn ansässige GIZ in Rio de Janeiro tätig ist.
Henning Schick Bild-Zoom
Henning Schick

Um das gleich für unsere Leser klarzustellen: So weit ich weiß, sind wir weder verwandt noch verschwägert.

HENNING SCHICK: Nicht, dass ich wüsste. Es ist jedenfalls mein erstes Interview mit einem Namensvetter.

Zu Ihrem Projekt: Als ich davon gehört habe, dass die GIZ Fachleute nach Brasilien schickt, um Fußballtrainer für den Nachwuchs auszubilden, dachte ich: Das ist ja, wie Eulen nach Athen zu tragen. Wir Deutschen sollen den technisch beschlagenen Brasilianern das Fußballspielen beibringen?

SCHICK (lacht) : Ja, so klingt es. Aber natürlich geht das Projekt, das wir im Auftrag des deutschen Entwicklungsministeriums umsetzen, weit über den sportlichen Bereich hinaus. Wir wollen den Fußball dazu nutzen, den Trainern, die wir ausbilden, und letztlich den Kindern und Jugendlichen soziale Kompetenzen zu vermitteln. Dazu haben wir ein spezielles Training entwickelt.

Das heißt?

SCHICK: Es ist darauf ausgerichtet, sie mit Teamgeist und Fairness vertraut zu machen, sie anzuspornen, Konflikte friedlich zu lösen, und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Wir bringen ihnen zum Beispiel auch bei, Rücksicht auf ihre Umwelt zu nehmen.

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Können Sie uns dafür bitte ein griffiges Beispiel nennen?

SCHICK: Während die Kinder und Jugendlichen anfangen, sich aufzuwärmen und zu spielen, machen sie zum Beispiel gleichzeitig den Platz sauber.

Dort, wo sie kicken, sieht es nicht so aufgeräumt aus wie auf den meisten Spielfeldern hierzulande?

SCHICK: Das ist richtig. Da fliegen beispielsweise viel Glas und viel Plastikmüll herum. Wir leiten den Nachwuchs an, die Abfälle aufzuheben, zu trennen und ihn einem Kreislauf von wiederverwertbarem Material zu zuführen. Dadurch lernen sie, dass das, was weggeworfen wird, irgendjemand aufheben muss. Wenn sie selbst Hand anlegen, ist der Lerneffekt höher und die Erfahrung einprägsamer.

Sie setzen sehr stark darauf, soziale Kompetenzen zu vermitteln, zum Beispiel Fairness. Müssten da nicht die Spieler und Trainer in der großen Fußballwelt noch bessere Vorbilder sein? Wenn der Dortmunder Trainer Jürgen Klopp sich fuchsteufelswild vorm Schiedsrichter oder vorm Vierten Mann aufbaut, ist das nicht schön.

SCHICK: Ich gebe Ihnen Recht. Deswegen kommt in unserem Projekt der Ausbildung der Trainer eine zentrale Bedeutung zu. Sie müssen sich so verhalten, dass die Kinder und Jugendlichen sie als Vorbilder wahrnehmen. Sie müssen soziale Kompetenz mitbringen, erwerben, vertiefen und dem Nachwuchs vorleben. Die Kinder und Jugendlichen imitieren uns Erwachsene. Daher müssen die Trainer als gute Vorbilder vorangehen.

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Die Trainer sind das A und O, und der Fußball das Vehikel, um positive Werte zu vermitteln?

SCHICK: Ja. Stellen Sie sich bitte vor, dass Kinder und Jugendliche in Brasilien häufig in einer beengten Umgebung und einem Umfeld von Gewalt aufwachsen. Der Fußball bietet uns die Möglichkeiten, an vielen kleinen Stellschrauben zu drehen und ihnen mit einfachen Mitteln soziale Kompetenzen zu vermitteln. Der Enthusiasmus über Fußball ist so groß, dass er sich gut eignet für vertrauensbildende Maßnahmen.

Wie wichtig ist der Fußball selbst?

SCHICK: Wir arbeiten im Training mit klassischen Fußballer-Übungen. Aber ebenso wichtig ist es, wie die Trainer auf die Kinder und Jugendlichen zugehen und eingehen. Sie sollen falsches Verhalten ansprechen und Alternativen dazu aufzeigen. Die Trainer haben einen fußballerischen und einen erzieherischen Auftrag.

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Das Projekt ist um die Fußball-WM gestrickt. Aber hilfreich ist es doch nur, wenn es nach der Weltmeisterschaft nicht abreißt.

SCHICK: Absolut. Wir bauen auf die Erfahrungen, die wir vor vier Jahren in Südafrika gesammelt haben. Dort wendeten wir das Konzept mit Erfolg an. Mit EU-Unterstützung haben bis heute 60 000 Jugendliche von den Trainings profitiert. Auch das Projekt in Brasilien ist langfristig angelegt. Wir werden es über die WM hinaus betreuen.

Wie?

SCHICK: Wir konzentrieren uns während der WM auf vier Orte, an denen wir die Trainingscamps anbieten. Aber unser Ziel ist es, dass die Trainer über den Juli 2014 hinaus das Trainingskonzept in ihren Gemeinden fortführen, fortentwickeln und weitergeben und es dort langfristig verankert wird. Deshalb arbeiten wir auch eng mit den Kommunalverwaltungen zusammen. Die Sporthochschule Köln begleitet uns wissenschaftlich. Sie untersucht, wie sich die Kinder und Jugendlichen mit Beginn des Projektes verhalten haben und wie sie sich im Laufe der Wochen und Monate verändert haben.

Wir wollen uns ersparen, stundenlang vorm Fernseher zu sitzen. Sagen Sie uns: Wer wird Weltmeister?

SCHICK (lacht ): Meine Kollegen und ich haben uns darauf verständigt, dass es zu einem Finale Brasilien gegen Deutschland kommt.

Zur Person: Er leidet mit Hannover 96

Henning Schick antwortet mit Humor. Auf die Kreisblatt-Frage, mit welchem Fußball-Bundesliga-Club er sympathisiere, entgegnet er schlagfertig: „Ich leide

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Extra: Die Trainingscamps

Die GIZ organisiert während der Fußball-WM Fußballcamps für Kinder und Jugendliche aus Armenvierteln des Landes, das zwar die sechstgrößte Volkswirtschaft besitzt, wo aber die Kluft zwischen Arm und Reich groß ist.

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