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Ausstellung: Die Täter sind auch Opfer

Von Mit zwei Porträtausstellungen über die Roten Khmer und verlorene Kinder zwischen Krieg und Konzentrationslager thematisiert das Friedrich-Dessauer-Gymnasium den weltweiten Völkermord.
Konfliktforscher Timothy Williams und Fotograf Daniel Welschenbach (r.) stellen derzeit im Bikuz aus.. Foto: Maik Reuß Konfliktforscher Timothy Williams und Fotograf Daniel Welschenbach (r.) stellen derzeit im Bikuz aus..
Höchst. 

Wie ein Mörder sieht „KR09“ nicht aus. Im Gegenteil, der gebrechliche hochbetagte Kader der kambodschanischen „Khmers Rouges“ (Roten Khmer) sieht sich als Held, der für die Revolution kämpfte, viele Menschen warnte und von den Todeslisten strich, die er selbst erstellte und unterschrieb. Gegenüber der Galerie seiner Gefolgsleute, die nicht umsonst „Tiger Zone“ heißt, erstreckt sich im Lichthof des Bikuz an der Michael-Stumpf-Straße wie ein Ehrenhof eine bläulich eingefärbte Fotosammlung kleiner Kinder und Familien-, Kriegs- und Lageropfer aus der Zeit zwischen 1919 und 1940.

Nein, so einfach macht es die Ausstellung „Völkermord. Opfer-Täter, Hoffnungen?“ den Besuchern nicht. „Der Rundgang ist wie ein Dialog angelegt. Zunächst erscheinen die Roten Khmer, die der wissenschaftliche Mitarbeiter Timothy Williams und Fotograf Daniel Welschenbach vom Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg stellvertretend für viele weltweiten Genozide porträtiert habe, als Täter. Die Kindergesichter der Installation des Künstlers Alexander Winn passen hingegen in die Opferrolle“, erklärt Iris Gniosdorsch, Religionsphilosophin und Ethik-Philosophielehrerin am Friedrich-Dessauer-Gymnasium. Und doch wisse kaum jemand, auf welcher Seite diese Opfer die beiden Weltkriege erlebten und warum sich die Roten Khmer ebenfalls als Opfer eines brutalen Bürgerkrieges verstehen.

Jahrhundert der Genozide

Die Völkermorde (Genozide) des 20. Jahrhunderts begannen bereits während des Ersten Weltkrieges in Armenien, setzten sich im Holocaust unter den Nazis fort und erreichten im kambodschanischen Bürgerkrieg und den Massakern zwischen den Hutu und den Tutsi in Ruanda weitere grausame Höhepunkte.

Alexander Wimm erinnert mit seinen Fotos, die er in den 1980er Jahren auf Berliner Flohmärkten erwarb, an diese Anfänge und gibt den unzähligen anonymen Menschen einen würdigen Raum. Einige von ihnen sind klar vor dem Hintergrund eines Konzentrationslagers oder Ghettos erkennbar, andere sind mit Familie oder wie auf Reisen abgebildet – passend zur „Aussiedlung“, wie die Nazis die Deportationen zynisch nannten.

„Ich habe deshalb die Porträts mit Ösen wie Passbilder angeordnet und Blau als die Farbe des Gedenkens gewählt“, sagt Winn. Welschenbach musste hingegen seine Protagonisten der Roten Khmer selbst fotografieren. „Ich wollte neutral und unbefangen bleiben und habe deshalb zunächst nicht gefragt, was sie Schlimmes gemacht haben“, erklärt er. Tiefer in die Abgründe tauchte Williams ein, der auch den Friedrich-Dessauer-Schülern eine Einführung gab: „Gezeichnet von den Hierarchien der eigenen bäuerlichen Gesellschaft und dem benachbarten Vietnamkrieg bedeutete der Kampf der Roten Khmer für viele Kambodschaner sozialen Aufstieg und eine Mischung aus Spannung und Ehre, Waffen tragen zu dürfen“, betont er.

Ein Teufelskreis

Stück für Stück habe die Revolution ihre Helfershelfer entmündigt und allmählich an die Schreckensherrschaft aus Hunger, Folter und Massenmorden auf den berüchtigten „Killing Fields“ herangeführt. „Einige von ihnen zeigen heute Mitleid oder Mitgefühl, aber keine Verantwortung oder Reue, da sie selbst zwanghaft auf Befehl handelten und damit nur knapp dem tödlichen Teufelskreis entgehen konnten.“

„Wir wollen mit unserer Ausstellung vielen Schulklassen und Höchster Passanten tiefere Einblicke in die komplizierten sozialen Hintergründe von Völkermorden geben“, betont Gniosdorsch. Die Ausstellung ist öffentlich zugänglich – immer zu den Öffnungszeiten des Bikuz.

 

Bis 22. Januar montags bis freitags von 7 bis 22 Uhr im Bikuz.

 

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