E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Hofheim am Taunus 15°C

Dr. Isserlin: Erst geschätzter Bürger, dann verfolgt

Bei ihrem letzten Besuch in Bad Soden besuchte Ruth Baum, geborene Isserlin, auch Familie vom Bruch. Bei ihrem letzten Besuch in Bad Soden besuchte Ruth Baum, geborene Isserlin, auch Familie vom Bruch.

Als Badearzt kam Dr. Max Isserlin im Jahr 1900 nach Soden. Er leitete nicht nur 40 Jahre lang die Kuranstalt für arme Israeliten in der Talstraße, er war auch ein geschätzter Bürger der Kurstadt. Mehrmals stand er an der Spitze des Ärztevereins, investierte in den Bau des Inhalatoriums (1912), engagierte sich in der Kommunalpolitik und war von 1907 bis 1938 Vorsteher der Synagoge. „Arme Sodener Bürger behandelte er umsonst“, berichtete die Ärztin Dietmut Thilenius anlässlich der „Ausstellung über vergangenes jüdisches Leben in Soden“ im September 2008.

Wie eine Horde Sodener Nationalsozialisten am Mittag des 10.  November 1938, einen Tag nach der Reichskristallnacht, in der israelitischen Kuranstalt wütete, Kreiskassenleiter Willi S. allen voran mit einer Spitzhacke die heruntergelassenen Rollläden zertrümmerte, wie die Lungenkranken in Schlafanzügen und Pantoffeln auf die Straße getrieben wurden und die Anstalt in Brand gesteckt wurde, hat Joachim Kromer 1988 im Heft 4 der Materialien zur Bad Sodener Geschichte festgehalten.

Von der Kuranstalt war der braune Pöbel weiter zum Wohnhaus der Familie Isserlin an der Dachbergstraße gezogen. Möbel und Kleidungsstücke wurden dort aus dem Fenster geworfen, Waschbecken zerschlagen, die Räume unter Wasser gesetzt.

16 der Bad Sodener Täter wurden 1949 namentlich in einem Strafgerichtsprozess in Frankfurt genannt. 1988 hat Brigitte Dörrlamm mit Schülern eine Dokumentation zu den damaligen Geschehnissen erarbeitet.

Dr. Isserlin und seine Frau Regine waren, nachdem sie ihr repräsentatives Wohnhaus in der damaligen Hauptstraße 6 (heute: Zum Quellenpark) unter Druck verkaufen mussten, erst kurz vor 1938 in die Kuranstalt - das Haus „Philosophenruhe“ - gezogen. Sogar die Bilder der beiden Isserlin-Kinder, Bruno und Ruth, rissen die NS-Schergen von den Wänden und zertrampelten sie.

Als sich die Vernichtung der Juden in Deutschland ankündigte, hatten die Isserlins ihren Sohn bereits 1933, die Tochter 1936 zum Studium nach England geschickt. Mit viel Glück und der Hilfe von Freunden, wie Tochter Ruth der Ärztin Thilenius später erzählte, konnten Max und Ruth Isserlin aus Deutschland fliehen.

Doch zunächst wurden die beiden Isserlins in Soden zur Volksbank geführt, wo sie gezwungen wurden, ein Papier zu unterschreiben und auf ihr Vermögen zu verzichten.

Zudem wurden ihnen die Pässe abgenommen. Das kam einem Todesurteil gleich. Unerschrocken fuhr die 54 Jahre alte Regina Isserlin nach Frankfurt in die NSDAP-Zentrale und forderte die Pässe zurück. Mit Erfolg. Die Isserlins reisten nach San Remo, wo der Arzt des öfteren praktiziert hatte, dann nach England. Isserlin verdiente sich als Vertreter in einem Lungensanatorium, später als Assistent in einer Klinik in Yorkshire seinen Lebensunterhalt. Mit 82 Jahren trat er in den Ruhestand. Er starb 1965 im Alter von 90  Jahren in Manchester.

(Brigitte Kramer)
Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen