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Krankenhäuser im Rhein-Main-Gebiet: Eine Groß-Klinik zu viel?

Von Im Rhein-Main-Gebiet gibt es nach Ansicht von Professor Thomas Busse Überkapazitäten. Wenigstens ein Big-Player müsse vom Markt.
Ist das Rhein-Main-Gebiet hinsichtlich Krankenbetten überversorgt? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Tagung. Foto: J. Büttner/Archiv Ist das Rhein-Main-Gebiet hinsichtlich Krankenbetten überversorgt? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Tagung.
Main-Taunus. 

Die Zukunft der Kliniken im Rhein-Main-Gebiet war Thema einer Fachtagung im Bad Sodener Krankenhaus. Eingeladen hatte der Verein „Gesundheitswirtschaft Rhein-Main“ unter dem leicht provozierenden Motto: „Zuviel des Guten? Wie viel ,Krankenhaus’ verträgt die Region?“ Dass es tatsächlich um Gutes geht und die Qualität der Versorgung im Rhein-Main-Gebiet wie auch die Bandbreite groß sind – darüber herrschte unter den Experten Konsens.

 

Vorbild Offenbach

 

Doch es ist seit der Einführung der sogenannten „DRGs“, der Bezahlung per Fallpauschalen, für die Kliniken sehr viel schwerer geworden, finanziell über die Runden zu kommen. Wirtschaftlichkeit und Effizienz aber auch ein Bemühen um das beste medizinische Angebot zur Steigerung der Patientenzahlen sind Trumpf. Sana, der private Betreiber des früher städtischen Klinikums Offenbach, habe da vieles richtig gemacht, stellte Landrat und Kliniken-Aufsichtsratsvorsitzender Michael Cyriax als Gastgeber in seiner Begrüßung fest. Wie berichtet, ist das Groß-Krankenhaus mittlerweile nicht mehr defizitär. Er sei dagegen, die Privaten zu verteufeln, hob Cyriax hervor. Er habe aber einen klaren Auftrag seines Kreistags, eine Lösung für die eigenen Kliniken zu finden, die eine Wirtschaftlichkeit auch in kommunaler Trägerschaft ermögliche.

 

Bereichernde Vielfalt

 

Professor Dr. Thomas Busse unterrichtet an der Hochschule Frankfurt unter anderem Management in Gesundheitseinrichtungen. Bild-Zoom Foto: Hans Nietner
Professor Dr. Thomas Busse unterrichtet an der Hochschule Frankfurt unter anderem Management in Gesundheitseinrichtungen.

Dass sowohl die Privaten als auch die kirchlichen und andere freie Träger das System bereichern und gerade die Vielfalt und der daraus resultierende Wettbewerb für Innovation sorgen und Motoren der Entwicklung sind, wie Junior-Professor Rudolf Blankart (Hamburg) festhielt, zog ernsthaft bei dieser Tagung niemand in Zweifel. Ob die Kliniken im Rhein-Main-Gebiet, wo die Zahl und Vielfalt der Anbieter besonders hoch sind, aber nicht besser lebten, wenn mindestens eine von ihnen geschlossen wird – und zwar eine große – an dieser Überlegung scheiden sich die Geister. Professor Thomas Busse von der Hochschule Frankfurt bezog klare Position: Es sei „nicht die Frage, dass wir Kliniken schließen müssen, die Frage ist, wie geschieht es?“ Busses – theoretische – Überlegungen von der Warte des Wissenschaftlers aus führen ihn zu dem Schluss, dass es allen bessergehen würde, wenn man „ein bis zwei Big-Player“, also große Unternehmen, vom Markt nehmen würde. Dagegen fürchtet er, dass der ruinöse Wettbewerb, der politisch gewollt sei, die Krankenhäuser insgesamt so krank macht, dass es am Ende zu einer unkontrollierbar werdenden Kette von Schließungen kommen könnte. Weil es sich aber bei Krankenhäusern um „systemrelevante Unternehmen“ handle (ähnlich wie bei den Banken), sieht Busse die Politik gefordert, in die Überversorgung in den Ballungsgebieten steuernd einzugreifen. Der Hochschullehrer, der seinen Berufsweg als OP-Pfleger begonnen hat, stimmt allerdings der Erkenntnis der Politik zu, wonach nichts schwieriger (zu vermitteln) ist, als ein Krankenhaus zu schließen. Dagegen setzt er seinen Standpunkt, „dass wir eine Regulierungsverantwortung haben.“

Dass Defizit-Schließungen die Krankenhauslandschaft zugunsten privater Unternehmen verändern, wie Busse festhielt, dafür ist Offenbach derzeit nur ein Beispiel. Thomas Lemke, Vorstandsmitglied der Sana AG, drittgrößter privater Klinikbetreiber in Deutschland, fand es überraschend, dass ein Landrat so offen für private Träger sei wie Cyriax. Eine staatlich organisierte Planwirtschaft halte er für einen Irrweg, hielt er Busse entgegen. Dass Krankenhäuser so stark defizitär arbeiteten, wie es in Offenbach der Fall war, „das hat schon Ursachen und ist nicht alles gottgegeben, nicht alles systembedingt“. Lemke erkennt im bestehenden System durchaus Chancen, schwarze Zahlen zu schreiben. Als Problem vieler kommunaler Kliniken sieht der Sana-Manager, dass hier zu viele aufgrund eigener Interessenlagen versuchten, Geschäftsführungen auszuhebeln, indem etwa im Lions-Club auf den Freund aus dem Aufsichtsrat Einfluss genommen werde. Das führe zu Entscheidungen, die wirtschaftlich nicht vertretbar seien. Eine „adäquate Governance-Struktur“ sei unverzichtbar, ist Lemke überzeugt, der deshalb auch in dieser Hinsicht das von MTK-Kliniken-Geschäftsführer Dr. Tobias Kaltenbach vorgestellte Modell für die Zusammenlegung mit dem Klinikum Frankfurt-Höchst ausdrücklich lobte. Experten seien für die geforderten Entscheidungen gefragt, die durchaus schmerzhaft sein könnten. Er habe großen Respekt vor der Kommunalpolitik, so Lemke, „aber wir überfordern sie mit der Komplexität der Themen.“

 

Neue Herausforderungen

 

Dass diese künftig eher noch komplexer zu werden drohen und weitere Herausforderungen für die Kliniken schon absehbar sind, sprachen Lemke und Dr. Barbara Voß von der Techniker Krankenkasse an. Mit den von Berlin bereits auf den Weg gebrachten zusätzlichen Auflagen in Sachen Qualität und Hygiene, sei der Bundesregierung ein Coup gelungen, denn so etwas werde natürlich von allen Bürgern einhellig begrüßt, attestierte Lemke Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe viel Geschick.

Die Probleme für das Gesundheitswesen aber sehen die Experten in der Umsetzung. So prophezeite Lemke ein Rangeln um das erforderliche (Fach-) Personal – eines der ganz großen Zukunftsprobleme, das noch viel zu wenig erkannt sei. Sein Vorschlag: Statt die Privaten immer wieder in der Öffentlichkeit niederzumachen, solle man lieber „gemeinsam gegen einzelne Strukturthemen angehen“. Dafür gab’s großen Applaus.

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