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Junge Kelkheimerin seit 18 Jahren verschwunden: Fall Annika Seidel lässt die Ermittler nicht los

Heute ist der Tag der vermissten Kinder: Annika Seidel aus Kelkheim ist einer von vier Langzeitfällen in Hessen. Ihr Verschwinden war tragisch und mysteriös zugleich.
Dieses Bild von Annika Seidel hat die Polizei damals veröffentlicht. Dieses Bild von Annika Seidel hat die Polizei damals veröffentlicht.
Kelkheim. 

„Alle Minderjährigen werden als vermisst betrachtet, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthalt (dem Sorgeberechtigten) unbekannt ist.“ So nüchtern leitet das Bundeskriminalamt (BKA) in seinem Papier zur Bearbeitung von Vermisstenfällen den Teil ein, in dem es um die Kinder geht. Welche dramatischen Geschichten dahinter stecken, welche Qualen die Familien durchleben – das wird in diesen Zeilen nicht deutlich. Und genau ein solcher Fall aus Kelkheim liegt seit fast 18 Jahren in den Akten. So lange schon wird die damals elf Jahre alte Annika Seidel vermisst.

Info: Tag der vermissten Kinder

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Neue Erkenntnisse in dem Fall gibt es nicht, wie Andreas Nickel, Leiter des zuständigen K 10 für Kapitaldelikte in Hofheim, dem Kreisblatt berichtet. Doch abgeschlossen sei der Fall damit keinesfalls. „Wir sind nicht fertig. Es ist nicht normiert, wann man sich die Akte aus dem Keller holt und wieder vornimmt.“ Für den Fall Annika Seidel kündigt Nickel jetzt an, sie „auf den Prüfstand zu stellen“. Vermutlich werde dann ein anderer Kollegen mit einem anderen Blick darüber schauen. Das gilt ebenso für die anderen drei Langzeitvermissten im Main-Taunus-Kreis:

- Rolf Hannappel (damals 46) aus Kelsterbach, der am 27. August 1996 beim Joggen an der Hofheimer Viehweide verschwand.

- Karl-Heinz Trapp (63) aus Kriftel, der am 6. April 2009 verschwand. Zuvor hatte er angekündigt, dass er ein Seegrab aufsuchen wolle. Die Beamten suchten den Main um Kelsterbach sogar mit einem Sonarboot ab – vergeblich.

- Frank Hof (36) aus Hofheim, der am 29. Januar 2004 verschwand. Die letzte Spur war sein Auto, das im März darauf in der Eifel gefunden wurde.
 

Verein engagiert sich

Es gibt nicht nur den Tag der vermissten Kinder, sondern auch einen Verein „Vermisste Kinder“. Mit dem Initiator Lars Bruhns sprach Redakteur Frank

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Natürlich sei man „igendwo frustriert“, wenn solche Fälle nicht geklärt werden können, sagt der Vermissten-Sachbearbeiter im K 10, Jochen Adam. Doch dann gebe es wieder erfolgreiche Momente wie vorgestern, als nach einer groß angelegten Suche (mit 130 Kräften, Hunden, Pferden und der Feuerwehr) ein 74 Jahre alter, dementer Mann in einem Gestrüpp am Sodener Krankenhaus lebend gefunden wurde. Er habe dort zwei Nächte verbracht, berichtet Nickel. „Das ist schon ein gutes Gefühl, man hat ja irgendwo ein Leben gerettet“, ergänzt Adam.

Im Fall Annika Seidel blieb das Glücksgefühl der Ermittler bisher aus. Ihr Verschwinden war tragisch und mysteriös zugleich. Es war ein Dienstag, 10. September 1996. Für die Mutter Hannelore Seidel hatte er vielversprechend begonnen, sie löste einen Lottogewinn ein. Nachmittags ging sie zur Schülerhilfe, um ihre Tochter dort abzuholen. Auf dem Rückweg gegen 18 Uhr verabschiedete sie sich am Kelkheimer Bahnhof von dem Mädchen. Fünf Tage zuvor hatte es seinen 11. Geburtstag gefeiert und einen kleinen Hund namens „Tabs“ geschenkt bekommen. Für den wollte Annika nur noch rasch ein Flohmittel aus der Zoohandlung in der Nähe der Wohnung holen. Von diesem Weg kehrte sie nie mehr zurück.

Eine Zeugin sagte später aus, sie habe Annika vor einem Auto mit osteuropäischem Kennzeichen gesehen, in dem unbekannte Männer saßen. Später meldete sich ein weiterer Hinweisgeber und gab zu Protokoll, er habe Annika in der Nähe des Gimbacher Hofs entdeckt. Insgesamt gingen einige Dutzend Hinweise ein. Die Polizei suchte mit einem Großaufgebot, gleich nach der Vermisstenmeldung am nächsten Morgen mit rund 60 Kräften in der ganzen Feldgemarkung. Mehrmals kam auch ein Hubschrauber zum Einsatz – unter anderem über dem Gimbacher Hof sowie bei Oberjosbach, wo ein weiterer Zeuge sie drei Tage später gesehen haben wollte. Es wurden Flugblätter mit ihrem Foto in Kelkheim, dem Kreis und Frankfurt verteilt.

Alle Anstrengungen blieben erfolglos – und so rückte der Fall immer mehr in die Öffentlichkeit. Die Mutter einer Freundin sorgte dafür, dass die Sache Thema in gleich drei Fernsehsendungen wurde, darunter Jörg Wontorras „Bitte melde dich“ und „Schreinemakers TV“. Als RTL über das vermisste Mädchen berichtete, gingen Hinweise aus Nordrhein-Westfalen ein. Zeugen wollten Annika am Düsseldorfer Hauptbahnhof gesehen haben, sie habe sich nach einem Zug nach Duisburg erkundigt, hieß es. Eine heiße Spur ergab sich nicht. Eine ganz neue Blüte trieb der Fall, als ein privater Fernsehsender im September 1997 eine Hellseherin aus den USA einflog, die dort auch für das FBI tätig war. Stundenlang lief die Frau mit Annikas Bild durch Kelkheim und spürte Schwingungen auf. Schließlich legte sie sich auf einen osteuropäischen Triebtäter fest und zeichnete auf einer Karte ein, wo die Leiche liegen sollte. Die Polizei ging dem Hinweis mit Suchhunden im unwegsamen Gelände nach und fand nichts. „Selbst wenn man nicht daran glaubt, guckt man noch mal nach“, sagt K 10-Chef Nickel heute zu dieser Aktion. Insgesamt bewertet er die Unterstützung der Medien positiv. Die Öffentlichkeit herzustellen, sei ein „gutes Instrument und eine Chancenmehrung“.

So auch fünf Jahre nach Annikas Verschwinden: Anja Wiesemann, eine Freundin der Familie, organisierte ein Treffen zum 5. Jahrestag an der Stelle unweit des Gimbacher Hofes, wo Annika wohl das letzte Mal lebend gesehen wurde. Dort war einmal eine kleine Gedenktafel aufgestellt. „Es ist notwendig, auch nach Jahren weiter zu suchen und die Erinnerung wach zu halten“, sagte Wiesemann damals. Sie hatte den Verein „Pro Kind“ gegründet. Die Polizei beteiligte sich mit Aktionen, „in der Hoffnung, dass wir Hinweise erlangen“, weiß Nickel. Wieder vergeblich. Die Akten – es sind gut 20 Ordner – wurden erneut durchforstet, auch nach den aktuellen Erkenntnissen der Kriminaltechnik. Erstmals habe die Hofheimer Kripo damals eine Internet-Recherche initiiert mit Fotoabgleich. Alles ohne Resultat, weshalb Nickel heute sagt: „Wir müssen leider Gottes davon ausgehen, dass wir ein Tötungsdelikt zu beklagen haben.“ Gerade bei Kindern gebe es solche Verbrechen in den ersten Tagen nach Verschwinden.

Wenn irgendwo in der Region eine Mädchenleiche auftauchte, war der Schreck groß, es könne sich um Annika handeln. Sämtliche Abgleiche endeten im Nichts. Selbst wenn es nach fast zwei Jahrzehnten Gewissheit über das Schicksal von Annika geben sollte – ihre Eltern werden es nicht mehr mitbekommen. Der Vater war drei Jahre vor ihrem Verschwinden gestorben, die Mutter ist inzwischen ebenfalls tot. Womöglich wird die traurige Geschichte der jungen Kelkheimerin also für immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben . . .

Hinweise nimmt die Kripo in Hofheim unter (0 61 92) 2079-0 entgegen.

Extra: 97 Prozent Aufklärungsquote

Ein Blick in den Computer reicht der Pressestelle des Landeskriminalamtes, um Zahlen für Hessen zu liefern: „Von den 2013 angezeigten 4678 Vermisstenfällen waren in 767 Fällen Kinder betroffen“,

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