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Auge in Auge mit dem Mörder: Fernseh-Dokumentation rollt den Fischbacher Doppelmord auf

Nach einem Indizienprozess ist der Fall von Markus Mundo abgeschlossen. Das Gericht hat ihn wegen Mordes an seinem Vater und Bruder zu lebenslang verurteilt. Der NDR geht offenen Fragen nach. Und das Kreisblatt nennt nun ebenfalls den Namen des Mannes, der mit der Doku-Reihe jetzt öffentlich wird.
In dem Fischbacher Haus hat Mundo mit Vater und Bruder gelebt und sie vermutlich getötet. Bilder > Foto: Hans Nietner In dem Fischbacher Haus hat Mundo mit Vater und Bruder gelebt und sie vermutlich getötet.
Fischbach. 

„Neugierig geworden bin ich, weil es ein außergewöhnlicher Kriminalfall ist und der zu lebenslanger Haft verurteilte Täter die beiden Morde bis heute abstreitet. Das macht es so spannend.“ Das sagt Stephan Harbort über den „Fall Mundo“, geschehen im Jahr 2010 in Fischbach (das Kreisblatt berichtete ausführlich). Der Kriminalhauptkommissar im Polizeipräsidium Düsseldorf hat sich daher im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks (NDR) als „Profiler“ auf „Die Spur des Mörders“ begeben. So reist er zu den Leichenfundorten nach Südfrankreich, spielt Tatabläufe nach, bewertet Indizien neu und wägt verschiedene Theorien gegeneinander ab.

Zwar ist der Fall seit einem Indizienprozess 2013 juristisch abgeschlossen, doch es gibt offene Fragen. Objektive Beweise fehlen, wie auch die Staatsanwaltschaft einräumt: keine Tatwaffe, keine Fingerabdrücke, keine Zeugen, kein Geständnis – war also Markus Mundo wirklich der Täter, tötete er den eigenen Vater und den Bruder? Beide wurden Ende November 2010 an unterschiedlichen Orten in Südfrankreich gefunden: ermordet durch Kopfschüsse, eingerollt in Teppiche, verpackt in Mülltüten.

Er streitet die Tat im Gefängnis weiter ab

Französische und deutsche Ermittler sind unabhängig voneinander aktiv und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was den Zeitpunkt der Leichenablage betrifft. Im Herbst 2011 präsentieren die Deutschen aber dann den Täter: Mundo soll aus Habgier getötet haben.

Die NDR-Redaktion „Die Box“ versucht nun, Widersprüche aufzudecken und Antworten zu geben, zu sehen in drei, nicht chronologisch aufgebauten Teilen eines neuen „True Crime“-Formats (siehe Infobox), das Harbort bei seinen Ermittlungen begleitet. „Wir beschlossen Anfang des Jahres, eine dokumentarische Krimiserie zu entwickeln. Dafür haben wir gezielt nach einem wahren Kriminalfall gesucht, der noch nicht so öffentlichkeitswirksam durch die Medien gegangen ist und den ein ,Profiler‘ für uns noch einmal aufrollen kann“, berichtet Autorin Caroline Rollinger. „Auf den Fall Mundo, der für uns aus verschiedenen Gründen spannend ist, sind wir über den Verein ,Monte Christo‘ aufmerksam geworden, der sich für Menschen engagiert, die behaupten, unschuldig im Gefängnis zu sitzen.“ In der Serie äußern sich neben Harbort auch die Staatsanwaltschaft und die damaligen Ermittler – sowie sogar Mundo selbst.

Weinerlich klingt er, wie er seine Unschuld zu bekräftigen versucht und schlaflose Nächte in der Justizvollzugsanstalt Butzbach beklagt. Opfer eines Fehlurteils und Justizirrtums sei er, gar mit einer „besonderen Schwere der Schuld“, für eine Tat, die er nicht begangen hätte. „In dubio pro reo“, also im Zweifel für den Angeklagten, hätten die Richter auch nach Meinung seines Anwalts entscheiden müssen. Dieser bemängelt die vielen „könnte sein“-Formulierungen des Urteils, weiß aber auch, dass eine Wiederaufnahme des Verfahrens kaum Aussicht auf Erfolg hätte. Doch will er mit Nachdruck auf Widersprüche hinweisen und Zweifel säen.

Perfektes Verbrechen oder eklatantes Fehlurteil?

Dass es Fragezeichen gab und gibt, will Kriminaloberkommissar Jochen Adler nicht bestreiten, der im Rahmen seiner Ermittlungen letztlich nur eine Hypothese für den wahrscheinlichen Tathergang aufstellen konnte. Aber er beschreibt auch den Moment, als er Mundo – fast ein Jahr nach der Tat – die Todesnachricht überbrachte und dessen Reaktion für nicht echt hielt. Und bis zu diesem Tag waren den Ermittlern schon einige Widersprüche aufgefallen.

„Wir kamen ja erst im Frühjahr 2011 ins Spiel“, erklärt Adler. Denn als Dieter Mundo und sein blinder Sohn Heiko Mitte November 2010 aus dem Haus in Fischbach, in dem sie jeweils ein Stockwerk bewohnten, verschwanden, deutete noch nichts auf ein Verbrechen hin. Adler: „Es hieß, dass sie mit dem Wohnmobil in Richtung Süden unterwegs sind, was keinen Anlass zur Besorgnis gab, denn schließlich sind beide erwachsen und dürfen sich aufhalten, wo sie wollen.“ Erst die – ebenfalls blinde – Freundin von Heiko, Sandra Dittmar, brachte den Stein ins Rollen. Immer wieder hakte sie bei der Polizei nach, konnte sie sich doch nicht erklären, warum ihr Freund per Handy nicht zu erreichen war.

Bei einer Wohnungsbegehung fiel den Polizisten jedoch nur auf, dass die Betten abgezogen und die Bewohner anscheinend für längere Zeit weggefahren waren. „Hinterher ist man ja immer schlauer, aber ich hätte mir gewünscht, dass die Beamten bei dieser ersten Wohnungsbegehung etwas genauer hingeschaut und die behauptete Plausibilität der Abwesenheit der Opfer kritischer hinterfragt hätten“, kritisiert Neu-Ermittler Harbort.

„Im Mai dann wurden wir beim K 11 informiert, und ich fand es direkt seltsam, dass Vater und Sohn selbst jetzt in der wärmeren Jahreszeit noch nicht von ihrer Überwinterung zurückgekommen waren“, erinnert sich der Kriminalbeamte Adler. „Ich musste Markus Mundo geradezu drängen, eine Vermisstenanzeige zu erstatten, und lud ihn – routinemäßig – zur Vernehmung ein, die unauffällig verlief. Doch bei einer näheren Untersuchung der Wohnung fielen uns die EC- und Kreditkarten sowie der Führerschein des Vaters in die Hände. Seltsam für jemanden, der angeblich mit dem Wohnmobil im Süden unterwegs ist.“

Weitere Ungereimtheiten und Hinweise auf Verdunkelungsmaßnahmen von Mundo ergaben sich im Laufe der Ermittlungen. So wollte er die Wohnungen bereits weiter vermieten, obwohl seine Angehörigen offiziell ja nur auf Reisen gewesen sein sollten. Gegenstände des Bruders wurden in der Mülltonne entsorgt, das Auto des Vaters verkauft – und zwei Monate später von Mundo dann als vermisst gemeldet. Auf Gran Canaria mietete er sich mit dem Ausweis seines Bruders in einem Hotel ein, und zu Hause schloss er persönliche Sachen des Vaters weg, „damit dieser sich bei ihm melden muss, wenn er wiederkommt“, berichtet Adler. Und um das Blindengeld des Bruders weiterhin zu kassieren, fälschte er dessen Unterschrift.

Beweise, Indizien – und Zweifel

„Fakt ist, dass Dieter Mundo am 11. November 2010, einem Donnerstag, zuletzt lebend gesehen wurde und Heiko Mundo am Sonntag, dem 14. November, noch an einer Blindenwanderung teilnahm – und die Kleidung, die er dabei trug, auch an seiner Leiche gefunden wurde“, weiß Adler. „Dies lässt den Schluss zu, dass beide spätestens am 15. November getötet wurden.“ An dem Tag also, an dem Markus Mundo mit seinem zum Wohnmobil umgebauten Auto in Richtung Gran Canaria aufbrach. Entlang seiner Fahrstrecke durch Südfrankreich wurden zehn Tage später beide Leichname zufällig entdeckt – Dieter Mundo in Millas, Heiko in Corneilla.

Dass der Täter einen örtlichen Bezug zu den Fundorten gehabt und sich dort ausgekannt haben muss, stellt nicht zuletzt der Profiler Harbort fest. Immerhin sind in der Gegend viele Mountainbike-Strecken ausgewiesen – Mundo wiederum hat spezielle Fahrradreisen organisiert. „Die getrennte Leichenablage ist plausibel, weil der Täter den inneren Zusammenhang der Opfer verschleiern und dadurch die Ermittlungen erschweren wollte“, betont Harbort. „Richtig zu Ende gedacht hat er aber nicht, sonst hätte er die Leichen nicht nur dreieinhalb Kilometer voneinander entfernt abgelegt. Vielleicht stand er unter Zeitdruck. Das wäre eine weitere Erklärung.“ Jochen Adler hat eine klare Hypothese: „Wir denken, dass Mundo die beiden Leichen eigentlich erst auf Gran Canaria ,entsorgen‘ wollte, um vorzutäuschen, dass sie dort während ihrer angeblichen Reise einer Gewalttat zum Opfer gefallen waren. Dann ist er allerdings noch in Frankreich in eine Polizeikontrolle – und in Panik geraten, so dass er sich ihrer direkt vor Ort entledigte. Später fanden wir bei ihm im Keller eine Plane und ein Tarnnetz, das er im Auto verwendet hatte, und unsere Leichenspürhunde schlugen daran an.“ Auch konnten die Kriminalbeamten nachweisen, dass die Teppiche, in die beide Toten eingewickelt waren, zuvor in der Wohnung des Vaters gelegen haben mussten – und Jahre vorher in einem Baumarkt in Kelkheim gekauft worden waren.

Viele Beweise und Indizien also, die vom Gericht entsprechend bewertet wurden. „Da sich Mundo ja nicht dazu äußert, wie es gewesen ist oder gewesen sein könnte, sondern immer nur sagt ,Ich war es nicht‘, müssen wir also Annahmen treffen, und so gab es natürlich in dem Prozess zahlreiche ,Vielleichts‘“, bekräftigt Adler. „Wir haben allerdings nie die These aufgestellt, dass nur er alleine der Täter war, denn das kann auch anders gewesen sein. Aufgrund seiner ganzen Verdunkelungshandlungen hat er sich aber unglaubwürdig gemacht, und unsere Ermittlungen sowie alle Indizien haben ergeben, dass nur er es gewesen sein kann. Für uns ist er auf jeden Fall der Täter.“ Auch Profiler Harbort legt sich fest: „Ich präsentiere in der NDR-Dokumentation das Ergebnis unserer Fallanalyse. Das ist sehr eindeutig, taugt aber nicht als Beweis. Unter dem Strich bleiben bei diesem Verbrechen einige Leerstellen, die durchaus kontrovers diskutiert werden können. Trotzdem bin ich sehr davon überzeugt, den Namen des Mörders zu kennen.“

Pikantes Detail am Rande: Sandra Dittmar hat inzwischen die Seiten gewechselt. Denn ausgerechnet sie, die ja die Ermittlungen durch ihre Suche nach ihrem damaligen Freund Heiko erst so richtig in Gang setzte, hatte den Verein „Monte Christo“ kontaktiert und um Hilfe gebeten. Schon bei der Gerichtsverhandlung war sie Markus Mundo um den Hals gefallen und hatte ihn geküsst, wie sich Adler erinnert. Für Josef Seidl, Mitgründer und Vorsitzender des Vereins, ist sie jedenfalls eine „engagierte Bekannte“, die von der Unschuld Mundos überzeugt ist: „Das Urteil in diesem Fall beruht lediglich auf Indizien und hat entlastende Momente nicht berücksichtigt, daher schreit es nach Überprüfung. Generell wollen wir dort, wo die Justiz Fehler begeht, für Transparenz sorgen und den Justizgeschädigten helfen, Gehör zu finden. Wir streben daher die Wiederaufnahme des Verfahrens an.“

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