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Zeitzeugengespräch der Interkulturellen Woche: Flucht vor Nazis: Zweite Heimat Istanbul

Von Im Zeitzeugengespräch der Interkulturellen Woche berichtete Ingrid Oppermann von der Vertreibung ihres Vaters, des Astrophysikers Wolfgang Gleissberg, durch die Nazis und ihrer Kindheit in Istanbul. Und sie gab zugleich spannende Einblicke in die Geschichte der deutsch-türkischen Beziehungen.
Ingrid Oppermann zeigt ein Bild ihres Vaters, der Physiker und Astronom war. Die Familie musste vor den Nazis fliehen. Foto: Leonhard Hamerski Ingrid Oppermann zeigt ein Bild ihres Vaters, der Physiker und Astronom war. Die Familie musste vor den Nazis fliehen.
Höchst. 

Mit großer Befremdung und Sorge sieht Ingrid Oppermann die derzeitige politische Situation in der Türkei mit den tausenden von Präsident Erdogan angeordneten Verhaftungen: „Heute werden eigene missliebige Wissenschaftler weggesperrt, früher holte man dorthin sogar Wissenschaftler aus Deutschland“, sagte sie beim Zeitzeugengespräch in der Friedrich-Dessauer-Schule. Selbst einige in Istanbul lebende Armenier seien dort in angesehener Stellung verblieben, Jahre nach den Gräueltaten an ihren Landsleuten in der Osttürkei.

„Ich bin in Istanbul sehr kosmopolitisch aufgewachsen und kann mit Menschen aus aller Welt ohne Berührungsängste umgehen“, erklärte sie.

Im Alter von fünf Jahren hatte Ingrid Oppermann erstmals gespürt, dass das Istanbul der 1930er Jahre eine kosmopolitische Stadt war: „Dort wurde ich von einem anglikanischen Pfarrer mit einer türkischen Bibelübersetzung getauft“, Sie sei im Umfeld von Türken, Deutschen, Juden, Griechen und sogar Armeniern aufgewachsen und habe als einzige Deutsche in ihrer türkischen Klasse am Nationalfeiertag sogar einen Kranz am Denkmal des ehemaligen türkischen Staaspräsidenten Kemal Atatürk (1881 – 1938) in Istanbul ablegen dürfen.

Tatsächlich verdankt sie Atatürk auch das relativ gute Leben ihrer Familie in der türkischen Metropole. Wenn auch vor dem Hintergrund des menschenverachtenden Naziregimes, wie sie den 35 Schülern eines Grund- und eines Leistungskurses der Jahrgangstufe 12 erklärte.

Der Kontakt zum Friedrich-Dessauer-Gymnasium und anderen Schulen in und um Frankfurt kam über das „Projekt jüdisches Leben in Frankfurt“ zustande, Oppermann nimmt in diesen Tagen weitere Einladungen an der Ernst-Reuter-Schule und in Oberursel wahr.

Fristlos gekündigt

„Da mein Vater einen jüdischen Großvater hatte, wurde ihm 1933 an der Universität Breslau als Angehöriger einer minderwertigen Rasse fristlos gekündigt“, berichtete sie. Wolfgang Gleissberg klagte auf eine fristgerechte Kündigung, um drei Monate Zeit zu gewinnen – und hatte das große Glück, dass Atatürk deutschsprachige Wissenschaftler zum Ausbau seiner neuen Universität suchte.

Hilfe fanden Gleissberg und seine Familie über die „Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler“, die auch den späteren Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter und den Physiker Friedrich Dessauer in die Türkei vermittelte: So stammten im Herbst 1933 an der neu gegründeten Universität 30 von 87 Professoren aus Deutschland, darunter acht aus Frankfurt. „Mein Vater musste allerdings sehr schnell Türkisch lernen, um seine Vorlesungen ohne Dolmetscher zu halten und Fachbücher publizieren zu können“, berichtete Oppermann. 1948 wurde er zum Leiter der Sternwarte ernannt, bevor er 1958 wegen seiner Altersvorsorge und in der Hoffnung auf eine neue Generation nach Deutschland zurückkehrte.

Doch der lange Arm der Nazis reichte bis in die Türkei: So verweigerte ein deutschnationaler Pfarrer den Gleissbergs und dem 1938 geborenen Töchterchen Ingrid die Trauung und die Taufe, da sie keinen Ariernachweis vorlegen konnten. Das deutsche Konsulat wollte den Wissenschaftler und andere Kollegen jüdischer Herkunft dann doch zum Krieg einziehen, was Gleissberg mit geschicktem Verweis auf die „minderwertige Rasse“ abschmettern konnte. Als die Türkei 1944 formal Deutschland den Krieg erklärte, blieben die Gleissbergs von den Evakuierungsmaßnahmen in Istanbul lebender Deutscher ins Hinterland verschont: „Diese Strapazen wollte die Regierung Deutschen jüdischer Herkunft ersparen“, schildert Ingrid Oppermann.

Unbeschwerte Kindheit

Wie sehr sich Oppermann, die zum Studium nach Hamburg kam, als Musiklehrerin arbeitete und heute in Bad Liebenzell im Schwarzwald lebt, noch der Türkei verbunden fühlt, wollten die Schüler wissen. „Ich spreche Türkisch wie Deutsch, wenn ich in Istanbul aus dem Flugzeug steige und die Autos hupen höre, fühle ich mich sofort zu Hause.“ Dass sie dort als Kind Freunde jeglicher Herkunft hatte und die Eltern die Familiensorgen von ihr fernhielten, habe ihr eine recht frohe Kindheit beschwert. Später freilich habe sie natürlich die ganze Wahrheit erfahren.

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