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Gedenken an verfolgte Hexen

Von An der Altmünstermühle soll eine Gedenktafel mit den Namen der in Hattersheim im 16. und 17. Jahrhundert verfolgten Hexen angebracht werden.
Hattersheim. 

Zu wenig durchdacht schien anderen Parteien im vergangenen Jahr ein Antrag der Grünen zur Rehabilitierung von Hattersheimer Frauen, die unter dem Vorwurf der Hexerei verfolgt, gefoltert und hingerichtet worden waren. Unter anderem wollten die Kritiker einem solchen Beschluss auch konkrete Aktivitäten folgen lassen. Unglücklich schien damals auch das Thema mit anderen Fragen, etwa mit dem Schicksal von heute aus Kriegsgebieten fliehenden Frauen, zu verbinden.

Ohne Diskussionen

Mehrheitsbeschlüsse zu solchen Themen verbieten sich eigentlich, das sahen damals auch die Antragsteller ein. Daher wurde das Thema vertagt und jetzt ein neuer Vorschlag auf den Tisch gelegt, den die Arbeitsgruppe Opfergedenken, die sich sonst vor allem mit der Zeit des Nationalsozialismus befasst, ausgearbeitet hat. Dieser Antrag wurde in der letzten Stadtverordnetenversammlung ohne große Diskussion einstimmig beschlossen.

Zwei Resultate fallen mit Blick auf die Debatte des Vorjahres auf: Der Beschluss konzentriert sich auf die Hexenverfolgung und gibt diesem Thema damit auch mehr Gewicht. Und zweitens soll eine Gedenktafel mit den Namen der betroffenen Frauen – soweit sie bislang bekannt geworden sind – an der Altmünstermühle angebracht worden. In dem Gebäude soll eine der Frauen gewohnt haben. Damit wird diesem Gebäude der Vorzug gegeben vor dem sogenannten Jost-Haus in der Hauptstraße, in dem eine Frau lebenslangen Hausarrest verbringen sollte.

Lebenslanger Hausarrest

Es handelt sich dabei um die Frau des Johann Höngels, in den Quellen als Elß, Elisabeth oder Lies bezeichnet, die fünfmal verhaftet wurde, wiederholt Verhör und Folter über sich ergehen lassen musste, dabei mehrfach Geständnisse ablegte und widerrief. Schließlich wurde sie zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, wobei eine Bürgschaft von 2000 Talern hinterlegt werden musste. Vermutlich im Jahre 1601 wurde sie aus der Haft entlassen.

Soweit aus dem Beschluss hervorgeht, ist Elß Höngels diejenige unter den Opfern, deren Geschichte am besten erforscht ist. Die AG Opfergedenken hat sich dabei noch einmal in die Quellen und Archive vertieft und auch das Hofheimer Stadtarchiv kontaktiert. In der Kreisstadt wurde ein Beschluss zur Rehabilitierung der als Hexen verfolgten Frauen schon vor einigen Jahren gefasst.

In Hofheim als Gerichtsort fanden auch die Prozesse gegen die Frauen aus Hattersheim statt. Zu diesen gehörte auch die Thöngessen Krein, Köchin aus Hattersheim, die gefoltert und vermutlich 1597 verbrannt wurde. Dass sie eine andere Frau als Hexe denunziert hatte, nutzte ihr dabei nichts. Hingerichtet wurde auch Hans Hahns Ehefrau Elß, vermutlich im Jahre 1602. Das früheste namentlich bekannte Opfer aus Hattersheim war die Wohnsteter Elß, hingerichtet vermutlich 1596 oder 1597.

Die Heller Crain wurde vermutlich 1601 oder 1602 verbrannt – ganz offensichtlich hatte die Hexenverfolgung in der Region in den Jahren vor und nach der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert einen Höhepunkt erreicht. Ungeklärt ist das Schicksal von Hans Rodens Ehefrau Crein, die 1597 gefoltert wurde, während man weiß, dass die Jeckel Elß im Jahre 1601 flüchten konnte. Bemerkenswert und ein Hinweis auf die Stellung der Frauen zu dieser Zeit ist, dass sie in den Akten durchweg mit dem Vornamen gekennzeichnet und als Ehefrau eines namentlich genannten Einwohners erwähnt werden.

Stolz auf das Ergebnis

Im Beschlusstext der Stadtverordnetenversammlung wird erwähnt, dass die Hexenverfolgungen nicht von ungefähr kamen – es verband sich ein Herrschaftssystem, das durch Terror Angst verbreitete und dadurch Herrschaft ausübte, mit dem Vorgehen einzelner, die „aus Angst, ideologischer Willfährigkeit und aus persönlichen Interessen einen Denunzierungswahn anfeuerten und am Laufen hielten.“

„Wir können auf das Ergebnis alle stolz sein“, kommentierte der Grünen-Stadtverordnete Reinhard Odey den Beschluss. Dabei wies er noch darauf hin, das es in Deutschland wiederholt nicht richtig gelungen sei, den Opfern von Gewaltherrschaft ihre Würde zurück zu geben. Konkret nannte Odey den Widerstand gegen das NS-Regime, der im Nachkriegsdeutschland nicht entsprechend gewürdigt worden sei. Und auch im Beschlusstext werden Folgerungen über das eigentliche Hexenthema hinaus gezogen: „Das Gedenken an die Opfer mahnt zugleich dazu, entschieden wachsam zu sein, um Unrecht, Stigmatisierung und Diskriminierung von einzelnen Menschen und Gruppen sowie Unmenschlichkeit und Verfolgung auch im Alltag zu erkennen und abzuwehren.“

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