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Defekter Aufzug hält Gehbehinderten zu Hause fest: Gefangen in der eigenen Wohnung

Von Wenn im Mietshaus der Aufzug ausfällt, ist das für die meisten ärgerlich. Für Behinderte und Ältere kommt es einem Hausarrest gleich, wie ein Beispiel aus der Windthorststraße zeigt.
Die Nachbarin Elisabeth Hartmann (li.) saß schon hilflos im Aufzug fest und Henry Zeller (re.) benötigt derzeit die Hilfe seiner Tochter Celine (Mitte), um sich versorgen zu können: Der gehbehinderte 57-Jährige kann das Haus nicht verlassen, weil der Lift nicht funktioniert. Foto: Maik Reuß Die Nachbarin Elisabeth Hartmann (li.) saß schon hilflos im Aufzug fest und Henry Zeller (re.) benötigt derzeit die Hilfe seiner Tochter Celine (Mitte), um sich versorgen zu können: Der gehbehinderte 57-Jährige kann das Haus nicht verlassen, weil der Lift nicht funktioniert.
Frankfurt-Höchst. 

Als Henry Zeller (57) in das Haus an der Windthorststraße 102 gezogen ist, tat er es auch wegen des Aufzugs. Bis zu seinem Umzug lebte er etwa 100 Meter entfernt, im vierten Stock, ohne Aufzug. Die Wohnung im dritten Stock an der Windthorststraße wurde wegen seiner Krankheit attraktiv: Henry Zeller leidet an Morbus Sudeck, der Folge einer Operation am Zeh: Betroffene leiden nach Operationen oder Entzündungen unter Gewebeschwund in Abschnitten ihrer Gliedmaßen, dazu kommen Durchblutungsstörungen, Ödeme, Hautveränderungen, Schmerzen und Funktionseinschränkungen.

Den Hund weggegeben

Die Folge: Henry Zeller ist zu 100 Prozent gehbehindert, hat täglich große Schmerzen. Seine Knochen entkalken – „Knochenfraß“ sagen manche dazu. Er kann mit einer Gehhilfe humpeln, braucht aber eigentlich einen Rollstuhl. Derzeit sitzt er in seiner Wohnung fest. „Mein Rollstuhl mit Joystick steht unten, da komme ich nicht dran“, sagt der groß gewachsene Mann, der alleinerziehender Vater zweier Töchter – 17 und 11 Jahre alt – ist. Seine ältere Tochter geht manchmal einkaufen, hat aber auch nicht immer Zeit. Den Hund haben sie zu Freunden gebracht, denn er kann nicht mit ihm runtergehen. Die Stufen der drei Stockwerke vermag Zeller ohne Hilfe nicht zu überwinden. Der Aufzug ist seit dem 18. Mai kaputt – nicht durchgängig, aber fast immer.

Wenn der Lift nicht fährt, darf der Mieter seine ...

Klagen über defekte Aufzüge in Mietshäusern häufen sich: Meist ist überalterte Technik der Auslöser. Oft können Fristen nicht eingehalten werden, weil Ersatzteile schwer zu beschaffen sind: Von den

clearing

Das ganze Haus, immerhin 16 Parteien, ist in Aufruhr. Nachbarin Elisabeth Hartmann (76), Mieterin seit dem Erstbezug des Gebäudes im September 2001, hat die Faxen mit dem Aufzug satt, seit sie am ersten Juli-Wochenende zwischen Erdgeschoss und Keller mit dem Wäschekorb festsaß und es nach dem Drücken des Not-Knopfes nur knackte. „Ich habe geklopft wie eine Verrückte, aber es hat mich niemand gehört.“ Es war morgens um 8 Uhr; dann hörten Zeller und ein anderer Nachbar den Radau.

Von der Feuerwehr befreit

„Ich habe beim Aufzughersteller angerufen, und sie sagten, sie seien in 40 Minuten da“, erzählt Zeller ganz sachlich. Weil seine Nachbarin langsam panisch geworden sei, habe er der Aufzugsfirma entgegnet, dass er jetzt die Feuerwehr verständige. Die holte Elisabeth Hartmann nach wenigen Minuten aus ihrem Gefängnis; ein Nachbar konnte mit Axt und Brecheisen wieder abziehen. Am Nachmittag sei dann die Aufzugsfirma da gewesen, habe die Elektronik des Fahrstuhls resettet, doch ohne großen Erfolg: Der Lift steht ständig. „Der wird morgens repariert und ist nachmittags wieder kaputt“, sagt Zeller. Elisabeth Hartmann nickt: „Wenn ich einkaufen war und zurück will in den vierten Stock, muss ich mich im dritten Stock immer erst mal auf die Stufen setzen.“

Das Steuerungsmodul zeigt es klar an: Der Aufzug ist außer Betrieb. Bild-Zoom Foto: Maik Reuß
Das Steuerungsmodul zeigt es klar an: Der Aufzug ist außer Betrieb.

Schriftliche und telefonische Kontaktaufnahme zur Wohnungsgesellschaft GWH hätten zu keinem Erfolg geführt, sagt Zeller, der seit 15 Jahren in dem Haus wohnt: „Niemand fühlt sich verantwortlich, die legen manchmal sogar auf.“ Die Schwerbehinderten-Beauftragte der Stadt Frankfurt habe er eingeschaltet, das Wohnungsamt – ohne Erfolg.

GWH-Sprecher Marc Hohmann bedauert die Missstände. Der Fall sei bekannt; über die Ausfälle werde minutiös Buch geführt. „Das ist eine ärgerliche Geschichte. Wir stehen mit dem Hersteller in andauerndem Kontakt.“ Es würden Ersatzteile ausgetauscht, die nicht immer leicht zu beschaffen seien, aber: „Der Hersteller ist sehr bemüht.“ In einem Arbeitszeugnis bedeutet das eine glatte „Sechs“; der GWH-Sprecher drückt es moderater aus: Man plane nun den Einbau eines neuen Aufzugs. Den Mietern in der Windthorststraße 102, so Hohmann, habe man eine Mietminderung angeboten wie auch den Tragedienst des Deutschen Roten Kreuzes; die Kosten wolle die Wohnungsgesellschaft übernehmen.

Im Gegensatz zu einem 91 Jahre alten Nachbarn, der den Tragedienst schon in Anspruch genommen hat, kann Henry Zeller mit diesem Hilfsangebot wenig anfangen: „Ich bin kürzlich erst wieder operiert worden und habe einen neuen Schrittmacher eingesetzt bekommen. Ich habe eine Diode mit Kabeln in der Wirbelsäule. Das ist zu gefährlich.“ Deshalb ist Zeller auf die Hilfe seiner älteren Tochter angewiesen und verschiebt alle Termine, für die er selbst aus dem Haus müsste.

Dass der Aufzug mal ausfällt, sagt Zeller, das könne passieren. „Aber so was, das geht nicht.“

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