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Evangelische Andreasgemeinde Niederhöchstadt.: Grausame Welt ohne Lobby

IJM, eine internationale tätige Menschenrechtsorganisation schätzt, dass weltweit 35 Millionen Frauen, Männer und Kinder versklavt sind. Daran erinnerte gestern die evangelische Andreasgemeinde Niederhöchstadt.
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Niederhöchstadt. 

In einem dunklen Hinterzimmer eingeschlossen hockt Mila und bietet sexuelle Dienste an. Mit acht Jahren hatten Menschenhändler die philippinische Waise von der Straße mitgenommen und an das Bordell in Manila verkauft. Joshua stammt aus einem kleinen Dorf in Ghana. Eine bessere Schulbildung hatten die fremden Männer der verarmten Familie versprochen, den Achtjährigen dann aber an die Fischereiindustrie am Voltasee verkauft, dem weltweit größten Stausee, auf dem Zehntausende von Kindern zur Arbeit gezwungen werden. Auf wackeligen, kleinen Booten aus sorgen sie dafür, dass sich die Netze im Wasser nicht verfilzen. Der Inder Raman ist bereits in Sklaverei geboren. Mehr als 30 Jahre hat er zwölf bis 14 Stunden täglich in einer Reismühle gearbeitet.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Hans Nietner

Befreien und betreuen

Alle drei verbindet, dass sie irgendwann von Teams der International Justice Mission (IJM) entdeckt und befreit wurden. Deren Präsident, US-Amerikaner Gary Haugen, hat sie alle getroffen und sich davon überzeugt, dass sie inzwischen wieder ein normales Leben führen: Mila besucht eine Schule, Joshua ist wieder in sein Dorf zurückgekehrt, Raman sogar Dorfvorsteher geworden. Lange Jahre allerdings habe man um ihre Freilassung kämpfen müssen und dabei mit lokalen Behörden zusammengearbeitet, um die kriminellen Menschenhändler vor Gericht zu stellen. „Anfangs haben wir sie freigekauft, aber die Händler haben nur das Geld genommen und sie durch andere ersetzt“, erzählt der studierte Jurist. Die Arbeit zeigt Erfolge: Um 80 Prozent sei die Sklaverei in einer philippinischen Stadt zurückgegangen, in der man eine nicht korrupte Polizeieinheit aufgebaut habe. 95 Prozent der Befreiten seien dauerhaft der Sklaverei entkommen. Dabei bedürfe es oft langer Nachsorge zur Verarbeitung der Traumata.

Info: Noch dreimal „Lust auf Zukunft“

Es nennt sich Oktoberfest. Doch es gibt weder ein großes Bierzelt noch torkelnde Gäste, die zu tief ins Glas geschaut haben. Die evangelische Andreasgemeinde Niederhöchstadt nennt ihre gestern eröffnete

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„Man kann etwas tun, jeder kann etwas tun, um die untragbaren Zustände zu ändern“, so die eindringliche Botschaft von Gary Haugen, der gestern beim Go-Special-Gottesdienst im Bürgerzentrum Niederhöchstadt zu Gast war (siehe auch „Info“ mit Terminen unten). Zum ersten Mal sei dieser in Deutschland, so Karsten Böhm, Pfarrer der Andreasgemeinde, die mit der Gottesdienst-Reihe auch Kirchenferne ansprechen möchte. Der Gast aus den USA möchte vor allem Mitstreiter für den Kampf gegen Sklaverei und Gewalt gewinnen. Man gehe von 35 Millionen Menschen aus, die weltweit versklavt seien und unter schlimmsten Bedingungen arbeiten müssten, mehr als 50 Prozent davon in Indien, sagt er. „Dass es einen guten Gott gibt, können diese Menschen nur ganz schwer glauben.“ In der biblischen Botschaft aber stehe ganz klar der Auftrag, sich für die Rechtlosen einzusetzen.

Geburtsstunde der IJM sei der Völkermord in Ruanda gewesen. Als UN-Chefermittler habe er damals den Genozid aufklären sollen. Haugen: „Mit einer Liste in der Hand wurde ich zu den Massengräbern geführt.“ Das war die Folge entsetzlicher Taten, die oft die Allerärmsten getroffen hatten, zu Hunderttausenden niedergemacht mit Macheten. „Dabei wurde mir klar, dass wir für Nahrung, Medizin und Lehrer sorgen konnten, aber nicht für eine Hand, um die Macheten der Angreifer anzuhalten“ – und dass Gewalt eine ganz eigene Kategorie sei neben Hunger und Krankheit.

Das Schweigen brechen

So habe er 1997 die IJM gegründet und kämpft seitdem mit Teams in aller Welt gegen Gewalt und Menschenhandel. Dabei könne jeder mitmachen, betonte der Referent gestern – die einen finanziell, die anderen, indem sie die Anliegen teilen, das fatale Schweigen brechen und diejenigen Lügen strafen, die zu den Opfern sagen: „Du bist nichts wert, für dich interessiert sich sowieso niemand.“ Da reiche es manchmal schon, Anliegen auf Facebook zu teilen oder eine Petition zu unterschreiben. In seinem neuesten Werk „Gewalt – die Fessel der Armen“ gibt Haugen einen erschütternden Einblick in die grausame Welt von Menschen ohne Lobby.

(juwi)
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