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Historisches Projekt im Stadtteil: „Heute stecken wir die Juddekerch an“

Von Das neue Schuljahr 2017 / 18 ist für die Leibnizschule ein Jubiläumsjahr: Seit 175 Jahren lernen Kinder in Höchst an dieser Schule beziehungsweise an Einrichtungen, die als Vorgängerschulen gelten. Die Leibnizschule begreift ihr Jubiläum auch als Aufforderung, sich intensiv mit der Geschichte zu befassen.
Die Schülerinnen Marcela (von links), Fenan, Lardora und Lale studieren mit der Historikerin Helga Krohn (Mitte) die Schautafeln zur Pogromnacht und notieren sich Fragen. Foto: Maik Reuß Die Schülerinnen Marcela (von links), Fenan, Lardora und Lale studieren mit der Historikerin Helga Krohn (Mitte) die Schautafeln zur Pogromnacht und notieren sich Fragen.
Höchst. 

„Gerechte Vergeltung“ titelt das Höchster Kreisblatt nach dem Judenpogrom vom 10. November 1938, zu dem auch die Höchster Synagoge in Flammen aufging. Von einem „spontanen Ausbruch der Volkswut gegen die Juden“ ist die Rede – gesteuerte Lügen der Nazi-Diktatur. Das seit 1849 bestehende Höchster Kreisblatt war nach der Machtergreifung der Nazis gleichgeschaltet worden, das heißt: Die Inhalte bestimmten Verantwortliche der Nazi-Partei.

Angebliche „Volkswut“

In Zeiten von „Fake News“, also gezielten Falschmeldungen zu doktrinären Zwecken, kann das ein Thema sein, wenn sich Neuntklässler der Leibnizschule jetzt mit der Pogromnacht und der Nazi-Diktatur beschäftigen. Gestern besichtigten Schüler im Innenhof des Höchster Gymnasiums die Schautafeln einer Ausstellung, die 2013 zum 75. Jahrestag des Gewaltausbruchs konzipiert worden war. Sie konnten nachlesen, wie die angeblich „spontane Volkswut“ von der Nazi-Partei inszeniert worden war und was sich im Einzelnen in Höchst abgespielt hat. Denn auf Anweisung aus Berlin klingelte am Morgen des 10. November 1938 der SA-Führer Karl Kreuz bei seiner Gefolgschaft und verkündete: „Heute stecken wir die Juddekerch an.“

Gemeint war die Synagoge am heutigen Ettinghausenplatz. Nachdem die SA die Synagoge verwüstet und darin Feuer gelegt hatte, zündelten nämlich gegen Mittag einige „zivile“ Bürger und die Hitlerjugend nach; die Feuerwehr beschränkte sich darauf, das Übergreifen der Flammen auf umstehende Gebäude zu verhindern.

Wer waren die Menschen, die das damals taten? Was veranlasste sie zu ihren Gräueltaten? Und wer waren die Menschen, die verfolgt und ermordet wurden? Damit wollen sich die Leibnizschüler nun unter anderem befassen. Der Kurs Gesellschaftswissenschaften will in Archiven – unter anderem im Frankfurter Stadtarchiv und im Hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden – nachforschen; der Kunstkurs will die Ergebnisse gestalterisch umsetzen.

„Wir möchten, dass sich die Kinder hineinversetzen in die Verfolgung und den Verrat an den Juden“, sagt Annegret Schirrmacher, Sprecherin der Leibnizschule. Dabei geht es auch um Fragen wie: Was packe ich in meinen Koffer, wenn ich fliehen muss? „Es ist der Schritt zu heute“, sagt Schirrmacher: „Derzeit sind 28 Millionen Kinder weltweit auf der Flucht. Auch wir haben hier am Leibniz Kinder, die geflohen sind, etwa aus Afghanistan. Es geht auch darum, wie wir damit umgehen.“

Gespräche mit Zeitzeugen

Drei von vier 9. Klassen der Leibnizschule waren gerade in Berlin, haben das Holocaust-Mahnmal besucht, aber auch Stätten der deutsch-deutschen Teilung. Kinder, die lange nach der Wiedervereinigung geboren wurden, stehen zum Teil bewegt, zum Teil auch staunend vor den Stätten der Geschichte. „Vor der Mauer fragte einer: Wie, die war nur so dünn?“, berichtet Schirrmacher.

Es geht auch darum, ehemaligen jüdischen Lehrern und Schülern an der Leibnizschule nachzuspüren. Unterstützung gibt es dabei von Helga Krohn und Waltraud Beck von der AG „Geschichte und Erinnerung“, die auch die Pogrom-Schautafeln konzipiert hat. Unterstützt wird das umfangreiche Jahresprojekt vom Programm für kulturelle Bildung „kunstvoll“ des Kulturfonds Rhein-Main, dem Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts, dem Jüdischen Museum und Leonore Poth als künstlerische Begleitung. Am 13. September begeben sich die Schüler auf Spurensuche im Stadtteil, Ende des Monats folgen Zeitzeugen-Gespräche mit der KZ-Überlebenden Eva Szepesi und Otto Schiff, einem Hinterbliebenen der jüdischen Familie, die in Höchst das Kaufhaus Schiff betrieben hat.

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