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Torsten Hartung: Im Gefängnis zu Gott gefunden

Torsten Hartung, ein Mörder, der seine Strafe abgesessen hat, erzählte beim „Go Special“ der Andreasgemeinde auf Sulzbacher Terrain von seiner Wandlung vom Saulus zum Paulus.
Edith Tilly vom Kirchenvorstand und Pfarrer Karsten Böhm mit Torsten Hartung (Mitte) beim Gespräch im Kinopolis in Sulzbach. 	Foto: Nietner Foto: Hans Nietner Edith Tilly vom Kirchenvorstand und Pfarrer Karsten Böhm mit Torsten Hartung (Mitte) beim Gespräch im Kinopolis in Sulzbach. Foto: Nietner
Niederhöchstadt/Sulzbach. 

Teure Autos, luxuriöse Villen, Prostituierte und Kontakte zu hohen Tieren der europäischen Verbrecherszene – das alles klingt nach dem Stoff, aus dem spannende Kino-Thriller gestrickt sind. Im Falle von Torsten Hartung ist es aber ein Teil seiner Lebensgeschichte. Von dieser erzählte er am Sonntag in Form einer außergewöhnlichen Predigt beim ungewöhnlichen „Go Special“.

Seit 1995 lädt die Andreasgemeinde Niederhöchstadt zu dieser modernen Form des Gottesdienstes Messe, um sich an „kirchendistanzierte und suchende Menschen des 21. Jahrhunderts“ (O-Ton der Kirchengemeinde) zu wenden. Torsten Hartungs Geschichte schien in diesen Kontext bestens zu passen, beinhaltet sie doch alle klassischen Themen der Bibel: fehlgeleiteter Zorn, das Gefühl, verloren zu sein, die Suche nach einem Sinn im Leben – und sogar einen Mord.

„Wenn du gewinnen willst, musst du mich totschlagen“, raunte Hartung schon als Teenager seinen Kontrahenten auf dem Schulhof zu. Dieser Zorn und die grimmige Entschlossenheit entwickelten sich bei ihm bereits in der Kindheit. „Mein Vater schlug damals meine Mutter. Diese konnte sich nicht wehren und ließ es an uns Kindern aus“, erzählt er. Da die Eltern unfähig waren, eigene Probleme aufzuarbeiten, instrumentalisierten sie ihre Kinder.

Eines Tages drohte seine Mutter ihrem jungen Sohn sogar mit Selbstmord. „Und du bist schuld“, waren ihre Worte. Auch vom Vater gab es stets nur negative Aufmerksamkeit, häufig in Form physischer Gewalt. „Von da an war ich stets Opfer, in der Schule wurde ich von den Größeren fast täglich gedemütigt. Doch mit Zehn habe ich mich dann gewehrt“, berichtet Hartung mit seiner ruhigen Stimme, „da habe ich zwei Jungs plattgemacht“. Plötzlich begegneten ihm die Mitschüler mit Respekt, der zwar nur auf Angst basierte, doch dies war ihm lieber, als selbst weiter das Opfer zu sein.

Mit 15 Jahren schlug ihn sein Vater zum letzten Mal. „Alter Mann, was ist denn los, ich dachte du willst mich totschlagen“, entgegnete ihm Hartung damals, „hast du keinen Saft in den Knochen?“

 

Depressiv und ziellos

 

In der Folge blieb Gewalt der rote Faden in Hartungs Leben. Mit 18 Jahren musste er zum ersten Mal für 9 Monate ins Gefängnis. „Aber nicht mein Verhalten, sondern nur das Strafmaß änderte sich“, gesteht er. Die erste ernsthafte Beziehung zerbricht nach sieben Jahren, Hartung bleibt depressiv und ohne Ziel zurück. Frei nach Goethes Faust war er bereit, seine Seele zu opfern, um wie ein König zu leben – sei es auch nur für ein Jahr. Die Chance dazu bot sich ihm kurz darauf, als er über einen Freund Igor, in der Unterwelt besser bekannt als „der Pate von Riga“, kennenlernte.

Für diesen klaute er fortan Autos und das im großen Stil. Über 100 Autos verschoben er und seine 54 Köpfe starke Bande. Unter ihnen befindet sich ein Mann namens Dieter, übrigens auch der Name seines Vaters, der ihm seine Rolle als Anführer streitig machen will. Angestachelt von seinen Bossen exekutiert Torsten Hartung den Rivalen am 20. Juni 1992. Der Tiefpunkt seines Lebens – und doch auch ein Wendepunkt.

 

Die Stimme in der Zelle

 

Wenig später wird Hartung von Interpol festgenommen. Es folgen fast fünf Jahre Isolationshaft und damit viel Zeit, um nachzudenken. Eines Tages, am 15. Mai 1998, vernahm er in seiner Zelle „die Stimme Gottes“, klar und deutlich, wie er beteuert. Bis dahin hielt er Christen für „Spinner“ und die einzigen Bezugspunkte waren die „Jesus-Filme“, die im Gefängnis gezeigt wurden. Doch an diesem Tag beginnt er sich dem christlichen Glauben zu nähern – und seinen Problemen zu stellen.

Heute sieht sich Torsten Hartung als geläutert an. Den Mord an seinem Komplizen gestand er, saß seine Zeit dafür ab, beschäftigte sich weiter mit dem Christentum und ließ sich sogar in der Gefängniskapelle taufen. Er begann die Schuld bei sich zu suchen, statt sein Verhalten auf das Versagen seiner Eltern zu schieben. „Ich bin in meinem Leben keinem bösartigeren Menschen begegnet als mir selbst“, zieht er am Ende ein deutliches Fazit.

Mittlerweile kümmert sich Hartung um straffällige Jugendliche und lebt mit einigen von ihnen zusammen mit seiner Frau unter einem Dach. Seine Geschichte vom „Saulus zum Paulus“ ist nicht ganz frei von religiösem Pathos. Doch auch für „kirchendistanzierte und suchende Menschen des 21. Jahrhunderts“ ist es eine moderne Geschichte von Schuld und Sühne.

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