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Mittags um 12: Kein Mensch auf dem Eppsteiner Bahnsteig

Kein Zug, kein Bus, kein Mensch: Verlassener könnte der Eppsteiner Bahnhof mittags um 12 Uhr nicht sein. Langweilig wird’s trotzdem nicht.
Die Wiesbadenerin Anna Zwing pendelt zwischen ihrer Arbeit in Eppstein und der Uni Frankfurt. Foto: Knapp Die Wiesbadenerin Anna Zwing pendelt zwischen ihrer Arbeit in Eppstein und der Uni Frankfurt.
Eppstein. 

An den Bahnsteigen steht niemand. Vor dem Bahnhofsgebäude auch nicht. Normalzustand um kurz vor zwölf Uhr mittags am Eppsteiner Bahnhof. Das Bürgerbüro ist an diesem Mittwoch schon zu. Also, geht’s direkt ins Café und Restaurant „Wunderbar Weite Welt“. Stimmengewirr schwebt einem entgegen. Oben im ersten Stock sitzen Sigrid Heimann und ihre Freundinnen an einem großen dunkelbraunen Holztisch, mit Blick auf die Burg. Seit sieben Jahren treffen sich die älteren Damen hier alle drei Monate zum Frühstück. „Weil’s uns so gut gefällt“, sagt Annelie Bondschus. Und weil die Auswahl an Speisen so üppig sei. Heimann, Bondschus und die anderen Frauen kennen sich über eine ehemalige TSG-Laufgruppe. Früher sind sie gemeinsam Marathon gelaufen, haben zwei bis sechs Mal die Woche trainiert. „Wir sind auch an Volksläufen in der gesamten Region gestartet“, erzählt Heimann.

Wenn sie sich heute treffen, dann „sprechen wir immer gern von den alten Zeiten“, sagt Bondschus. Zum Abschluss gibt’s traditionell ein Glas Prosecco. „Leider nicht aufs Haus“, lacht sie.

Warten, bis der Bus kommt: Beate Weber aus Bremthal. Bild-Zoom Foto: Knapp
Warten, bis der Bus kommt: Beate Weber aus Bremthal.

Den umgestalteten Bahnhof finden die Frauen „sehr gelungen“. „Wenn jetzt noch der Regionalzug hier halten würde, wär’s perfekt“, sagt Helga Peters. Dann könne sie nämlich auch von Eppstein aus nach Limburg starten.

Wenige Tische weiter sitzen Beate Kaus und Irmtraud Hein. Von Langenhain sind die beiden Freundinnen gerade nach Eppstein gewandert. Mit strammen Schritten. „Jetzt wollen wir schön essen und uns verwöhnen lassen“, sagt Hein. Das Mittagsmenü sei hier immer so schön exotisch, schwärmt Kaus. Sie sei immer experimentierfreudig und probiere gern Unbekanntes aus.

Miserable Anbindung

Unten im Bahnhofsgebäude sitzt jetzt Beate Weber, die graue Bommelmütze auf dem Kopf, den weißen Schal um den Hals. Weber ist gerade mit der Bahn aus Bremthal angekommen und wartet heute im Warmen, bis sie der nächste Bus zum neuen Edeka fährt. 20 Minuten sind das, um genau zu sein. „Der Bus fährt nur alle Stund’. Die Anbindung ist echt miserabel. Vielleicht könnt’ man die Busse öfter bis zum Edeka fahren lassen oder kleine Busse einsetzen“, sagt die 64-Jährige. Blöd findet sie auch, dass sie sich beim Einkaufen beeilen muss. Denn ist sie nicht rechtzeitig vor 14 Uhr wieder in Bremthal zurück, kommt die 64-Jährige vom Bahnhof nicht mehr in die Waldallee. „Zwischen 14 und 15 Uhr fahren die nicht“, erklärt Weber.

Heute wird sie beim Einkaufen ihr Sohn unterstützen. Er kommt dafür extra aus Kelkheim. „Ich gehe am Stock und kann den beladenen Wagen nicht mehr allein ziehen“, sagt sie. Der rundumerneuerte Bahnhof gefällt ihr gut. Nur ein Kiosk fehlt ihr noch. „Dann fiele das Warten leichter“, sagt die 64-Jährige.

Treffpunkt „Wunderbar“: Alle Viertel Jahr treffen sich diese Frauen, „weil es hier so gemütlich ist“. Kellnerin Svenja Kugler bringt die Rechnung. Bild-Zoom Foto: Knapp
Treffpunkt „Wunderbar“: Alle Viertel Jahr treffen sich diese Frauen, „weil es hier so gemütlich ist“. Kellnerin Svenja Kugler bringt die Rechnung.

Mit strammen Schritten marschiert Anna Zwing Richtung Gleise. Die Laptoptasche hält sie in der einen, den quietschblauen Regenschirm in der anderen Hand. Ein flüchtiger Blick auf die Armbanduhr, die fünf nach halb eins zeigt. In sechs Minuten kommt die Bahn, die sie nach Frankfurt bringen soll. Wenn sie denn pünktlich ist. Das sei in diesem Winter gar nicht so selbstverständlich, sagt die junge Frau mit den langen dunkelbraunen Haaren.

In die Uni pendeln

Erst kürzlich sei mal wieder der Zug nach Frankfurt ausgefallen, da habe sie mehr als zwei Stunden nach Wiesbaden gebraucht, erzählt sie. Heute dürfe es gern anders sein, denn: „Ich muss in die Uni. Ich schreibe noch eine Soziologieklausur.“ Darin wird es um Systemvertrauen gehen, also Vertrauen in die Wirtschaft oder den Rechtsstaat. Absolut machbar, sagt Anna Zwing, die seit Oktober für die Stadt Eppstein im Bereich Asyl arbeitet. Zwei Mal die Woche ist sie vor Ort. In die charmante Burgstadt zu ziehen, käme für die Wiesbadenerin trotzdem nicht in Frage. „Die Straßen sind mir entschieden zu steil. Selbst mit dem Auto wär’s nichts für mich“, sagt sie. Dann kommt die Bahn und verschluckt Zwing und die Handvoll weiterer wartenden Zugreisender. Und wieder ist es leer, menschenleer. Auf den Bahnsteigen, vor dem Gebäude und innen drin.

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