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Prozess: Langsame Fußgruppe bringt Autofahrer in Rage

Von Da niemand aus der Fußgängergruppe die Geste mitbekommen hatte, wurde das Verfahren gegen den Autofahrer eingestellt. Der Eschborner muss jedoch 1800 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen.
Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand. Foto: David-Wolfgang Ebener/Archiv Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand.
Eschborn. 

An der Hessenallee ist manchmal richtig was los. Gerade zu Stoßzeiten ist sie vielbefahren. Schließlich geht’s zur Landesstraße 3005, die Richtung Kronberg und Eschborn-Süd führt. Wer aus Niederhöchstadt raus will, könnte höchstens noch die Kronberger Straße nehmen, um zur L 3005 zu gelangen.

Ein 46 Jahre alter Mann hatte selbst an einem Sonntagabend im April 2017 seine liebe Mühe, abzubiegen und sich in den Verkehr auf der Hessenallee einzufädeln. Mit seinem Auto stand er an der Rudolf-Diesel-Straße. Als dann noch eine große Fußgruppe mit Menschen ausländischer Herkunft gemütlich vor ihm die Straße überquerte, platzte dem Eschborner angeblich der Kragen. Nach wütenden Kommentaren sei er aus seinem Auto ausgestiegen und habe den Hitlergruß gezeigt.

Zivilcourage zeigen

Das zumindest will ein Ehepaar beobachtet haben, das an jenem Sonntagabend auf dem Weg ins heimische Oberursel war. „Hier mussten wir Zivilcourage zeigen“, sagte die Lehrerin jetzt bei der Verhandlung vor dem Höchster Amtsgericht.

Daher seien sie und ihr Mann zur Polizei gegangen. Die Frau sagte, sie könne zwar nachvollziehen, dass der Autofahrer sich geärgert habe, zumal dort überhaupt kein Fußweg sei: „Das hätte ich auch, das ist eine ätzende Stelle.“ Aber die Reaktion des Angeklagten habe sie schockiert. Dass er im Auto laut geschimpft und ausgestiegen sei, gab der 46-Jährige vor Gericht zu. Es gebe auf dieser Straßenseite weder einen Bürgersteig noch einen Fußgängerüberweg, erklärte er seinen Ärger. Als sich dann noch eine Frau mit Kinderwagen dicht an ihm vorbei gedrängelt habe, sei er ausgestiegen und habe gerufen: „Geht’s noch?“ Den Arm habe er hochgehoben, um zu zeigen, dass die Leute weggehen sollen. Hätte er den Hitlergruß gezeigt, so versicherte der Mann, würde er das zugeben.

Zackig gerade stehen, wie es die Zeugen beobachtet hatten, sei seinem Mandanten zu dieser Zeit ohnehin nicht möglich gewesen, ergänzte sein Verteidiger. „Er ist ein paar Tage später am Leistenbruch operiert worden“, sagte der Anwalt. Schon gar nicht habe sein als selbstständiger Geschäftsmann tätiger Mandant generell etwas gegen Migranten, hätten doch auch seine Mitarbeiter und einige seiner Freunde einen Migrationshintergrund.

Der Verteidiger befragte die Zeugin hart und eingehend. Er erkundete, auf welche Weise die Polizei ihr die sechs Fotos von Verdächtigen präsentiert habe, und versuchte, Fehler bei diesem Vorgehen aufzudecken. Diesen Aspekt fand die Richterin nebensächlich, denn der Angeklagte gebe ja zu, an diesem Abend an Ort und Stelle gewesen zu sein.

80 Tagessätze à 40 Euro Geldstrafe sollte der Angeklagte aus Niederhöchstadt eigentlich zahlen. Gegen den Strafbefehl hatte er Einspruch eingelegt. Der Verteidiger erwähnte außerdem einen anderen Aspekt: Vor allem gehe es seinem Mandanten darum, dass nach 15 straffreien Jahren endlich alte Eintragungen aus dem Bundeszentralregister gelöscht würden, die er sich aus seiner Zeit als Türsteher eingefangen habe. Das wäre bei einer erneuten Verurteilung nicht der Fall.

Hohe Auflage

Die Richterin stellte in Übereinstimmung mit dem Staatsanwalt das Verfahren ein – auch weil niemand aus der Fußgruppe von der Geste etwas mitbekommen hatte.

Eingestellt werde aber nur gegen eine hohe Auflage, betonte sie. 1800 Euro soll der 46-Jährige an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen. In seinem Fall halte sie die Bildungsstätte Anne Frank für passend.

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