Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Hofheim am Taunus 23°C

Projekt Junge Zeitung: Nele Neuhaus: Eine Heldin vor der Haustür

Welches Gesicht machen Sie, wenn bei einer Autogrammstunde eine Horde Fans auf Sie zukommt? Bilder > Welches Gesicht machen Sie, wenn bei einer Autogrammstunde eine Horde Fans auf Sie zukommt?
Main-Taunus. 

Die Tische des Klassenraums der 8a des Privatgymnasiums Dr. Richter werden noch fleißig geschrubbt, die Tafel blitzblank gewischt und die Stühle zu einem Stuhlkreis gestellt. Zum Stuhl unseres bevorstehenden Gastes wird ein kleines Pult geschoben, ein Glas Wasser wird bereitgestellt und ein Handy als Aufnahmegerät wird platziert, damit ja auch keines der Worte der Autorin aus unseren Gedächtnissen verschwindet. Eilig setzen wir Schüler uns an unsere Plätze und tuscheln aufgeregt. Ein letztes „Pscht! Sie kommt!“ schallt durch den Klassenraum, und just in der Sekunde geht die Tür auf. Da steht sie, Frau Neuhaus, mittlerweile die wohl erfolgreichste deutsche Krimiautorin und an ihrer Seite unsere Deutschlehrerin. Beide lassen einmal ihre Blicke durch den Raum schweifen, der stolze Gesichtsausdruck unserer Lehrerin ist wohl nicht zu übersehen. Unsere Aufregung legt sich schnell, denn vor uns steht eine sehr sympathische Frau, die blonden Haare locker zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden mit einem breiten Lächeln voller Freude. Und schon nach der Begrüßung wird klar: Nele Neuhaus interessiert sich für uns. So richtig.

„Ich wollte schon immer Schriftstellerin werden. Das war mein großer Traum“, erklärt sie. Leicht war es für sie nicht. Im Gegenteil, ihr Weg zur Autorin war mit einigen Hindernissen gespickt. Deshalb gab es auch Plan B und Plan C. Hätte das alles nicht geklappt, wäre sie gerne Filmregisseurin geworden. Vielleicht möchte sie deshalb lieber Steven Spielberg als Brad Pitt treffen, hätte sie die Wahl. Aber zuerst lief alles ganz konservativ ab: „Ich habe erst mal studiert und gearbeitet, das Schreiben immer im Hinterkopf. Ich war schon Mitte dreißig, als ich das erste Buch auch wirklich bis zu Ende geschrieben hatte“. Die Erwartung, dass alle Verlage ankommen und das ganz klasse finden, war leider nur eine Traumvorstellung. „Ich habe nur Absagen bekommen. Es war richtig frustrierend“. Doch dann kam der Gedanke, der das Ganze schließlich ins Rollen brachte. „Wenn’s keiner drucken will, dann drucke ich es halt selber“. Gesagt, getan, 500 Exemplare druckte Neuhaus auf eigene Kosten. Sie mietete einen Saal bei der Gaststätte Merlin und es kamen tatsächlich 200 Leute. Nach der Lesung trug jeder von ihnen sein Exemplar unterm Arm. Darunter war auch ein Journalist – seine Rezension: ein voller Erfolg. „So fand das Buch Fans“. Im nächsten Schritt versuchte Neuhaus ihre Bücher in den örtlichen Buchhandlungen zu platzieren. Wieder viele Absagen, aber glücklicherweise auch ein paar Zusagen. Das war der Anfang des langen Weges zum Erfolg. Dazu sagt Frau Neuhaus aber noch: „Das ist eigentlich viel Zufall, das kann man nicht wirklich steuern. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das irgendwann auch von Erfolg gekrönt wird“.

Dass sie aber je einen so großen Erfolg haben würde, das hatte sie nicht ahnen können. Ihre Bücher sind Bestseller, wurden sogar schon verfilmt und selbst in Hamburg erkennt man sie auf der Straße. Aber wie fühlt man sich, wenn man seine Bücher auf Platz Nummer 1 sieht oder wenn am Ende des Filmabspanns steht „Nach einem Roman von Nele Neuhaus“?

Sie lacht und sagt „Das ist schön. Das ist wirklich ganz toll“. Beim Film sei das aber ein ganz ambivalentes Thema, denn: „Auf der einen Seite ist es toll, wenn das ZDF am Montagabend um 20:15 Uhr quasi das von mir geschriebene Buch als Film zeigt, aber die Filmleute machen eben oft ein bisschen was anderes daraus, als das, was ich mal geschrieben habe. Da sind lauter so Kleinigkeiten, die das ganze Geschehen verändern“. Außerdem hat Nele Neuhaus kein Mitspracherecht bei der Auswahl der Schauspieler, wodurch die Schauspieler die Charaktere nicht immer so ganz nach ihren Vorstellungen verkörpern. Jedoch ist sie dankbar, dass wirklich ganz renommierte und gute deutsche Schauspieler die Hauptrollen und vor allem auch die Nebenrollen spielen.

Allerdings hat Frau Neuhaus festgestellt, dass man sich leider tatsächlich an Erfolg gewöhnt. „Es ist jetzt nicht so, dass ich jedes Mal wieder sage: oh super Platz eins! Das ist richtig schade, dass solche tollen Erlebnisse irgendwie normal werden“. Das Schlimmste ist für Nele Neuhaus aber etwas anderes: „Menschen verändern sich, wenn du erfolgreich bist. Natürlich habe ich ganz viele alte Bekannte und auch meine Familie, denen ich vertrauen kann, dass die auch nichts erzählen, wenn ich ihnen mal was sage. Für die bin ich einfach die Nele, die ich immer war. Aber ich lerne so viele neue Menschen kennen und da bin ich schon inzwischen zunächst skeptisch. Finden die wirklich mich nett? Mögen die mich als diejenige, die ich bin oder wollen die vielleicht nur mal von mir profitieren? Eigentlich ziemlich schade, dass man da nicht mehr ganz so unbefangen sein kann“. Wenn sie die Möglichkeit hätte, an ihrer Vergangenheit etwas zu ändern, würde sie es jedoch nicht machen. Natürlich wäre es praktisch, wenn man manche Sachen einfach wie den Bleistiftstrich einer Zeichnung wegradieren könnte. „Aber auf der anderen Seite hat alles was ich gemacht habe, auch die Fehler die ich begangen habe, mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Man kann nichts mehr rückgängig machen, und bevor man mit seiner Vergangenheit hadert, sollte man sich halt wirklich gut überlegen: Was ist daraus geworden? Was ist aus den Irrtümern geworden und was habe ich daraus gelernt? Und letztlich bin ich heute mit allem, was ich früher so falsch gemacht habe, versöhnt. Ich denke mir manchmal, hättest du es echt leichter haben können, aber vielleicht wärst du dann heute nicht die, die du bist“. Da sind wir froh, denn heute ist sie unsere lokale Heldin. Natürlich wollen wir deshalb wissen, welche Superkraft sie gerne hätte. „Ich würde mich total gerne von einem Ort zum anderen beamen können. Ganz schnell hier und ganz schnell dort. Das wäre etwas, was ich ganz toll fände. Jetzt zum Beispiel irgendwohin, wo es leckeres Essen gibt“. Doch selbst Helden sind nicht perfekt – gerade, wenn’s ums Essen geht. Denn an Mousse au Chocolat kann sie nicht vorbeigehen. Aber: Wer kann das schon?

Und welche bereits tote Person würde sie gerne mal treffen? „Prinzessin Diana. Für die habe ich immer geschwärmt. Ich glaube, die könnte mir so viele Fragen beantworten. Wie sie mit dem Druck als Thronfolgerin umgegangen ist und wie sie das mit der Presse gemacht hat. Und vor allem: Warum sie keine Pferde mag.“ Letzteres ist Neuhaus, als inbrünstiger Pferdeliebhaberin, natürlich ein Dorn im Auge. Geballte Erfahrung ist es also, die Neuhaus treffen möchte. Für uns ist sie diejenige mit Erfahrung. Hat sie also abschließend einen Tipp fürs Leben?

„Vor zwei Wochen erhielt ich einen Anruf vom Regierungssprecher der hessischen Landesregierung, welcher mich fragte, ob ich Interesse hätte, an einer Kampagne teilzunehmen. Die Kampagne heiße „Respekt“. Und das hat mich daran erinnert: Habt immer Respekt und Courage. Denkt nicht immer nur an euch. Respekt fängt schon im Kleinen an, in der Schule, zu Hause, bei den Freunden. Wir haben schon ein cooles Land hier, alles ziemlich sauber und sicher und man kann abends noch draußen rumlaufen, ohne Angst um sein Leben haben zu müssen. Und woran liegt das, muss man sich immer fragen. Das liegt an sich wirklich daran, dass wir Regeln respektieren, dass wir nicht nur unsere Gesetze respektieren, sondern eben auch Werte haben. Barmherzigkeit, Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme, Respekt, Demut, das sind Werte. Dass man sich klar macht, ich lebe hier in einem Land, in dem es mir richtig gut geht. Ich würde euch fürs Leben zwei Sachen mitgeben: Denkt immer dran, dass es euch eigentlich wirklich gut geht. Und natürlich, und das muss ich hier als Schriftstellerin machen, ich rate und bitte euch: Lest mal ein Buch. Und lest nicht nur das, was ihr hier lesen müsst. Jedes Buch bringt euch einen Schritt weiter.“

 

Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse