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Stefan Tetzlaff: Obdachlos – der Mann vom Flughafen

Von Mehr als zwei Jahre lang lebte er als Obdachloser auf dem Frankfurter Flughafen. Dann wurde ein Unternehmer aus Diedenbergen auf Stefan Tetzlaffs Schicksal aufmerksam – und half ihm zurück ins Leben.
Vom Flughafen nach Diedenbergen: Stefan Tetzlaff (rechts) und Itasi-Chef Frank Wingerter.	Foto: Reuß Vom Flughafen nach Diedenbergen: Stefan Tetzlaff (rechts) und Itasi-Chef Frank Wingerter. Foto: Reuß
Diedenbergen. 

Wenn Stefan Tetzlaff morgens aufwacht, fällt sein Blick nicht mehr auf den blank geputzten Fußboden des Terminal 1. Er sieht keine Passagiere, er hört nicht die letzten Durchsagen, bevor die Maschinen starten. Stattdessen findet er sich in seinem neuen Leben in Diedenbergen wieder. Zweieinhalb Jahre lang hat Tetzlaff als Obdachloser auf dem Frankfurter Flughafen gelebt. Dann half ihm der Unternehmer Frank Wingerter mit einem Übergangsjob und einer Wohnung wieder auf die Beine.

 

Spontane Hilfe

 

„Ich habe seine Geschichte in einem Radiobeitrag gehört. Und war mir spontan sicher: Da will ich helfen“, sagt Wingerter. Er und Tetzlaff sitzen im Besprechungsraum von Wingerters Immobilienfirma Itasi im Diedenbergener Gewerbegebiet. Tetzlaff hat sich zurückgelehnt, Wingerters Arme ruhen auf der Tischplatte. Der Firmenchef ist 49, Tetzlaff zwei Jahre jünger, doch seine grauen Haare machen ihn älter. Er gibt kurze, freundliche Antworten, wartet ab, lächelt. Ihn kann nichts mehr aus der Bahn werfen.

„Ich hatte eine Lebenskrise“, berichtet er. „Früher war ich Profimusiker, dann kam die Scheidung. Ich flüchtete aus meiner Heimat, der Lüneburger Heide, und auch in meinem Beruf Elektriker fand ich keinen Halt.“ Eine Weile lebte er noch bei seinen Eltern – das ist alles, was er zu seiner Familie sagen will – dann gab er sich auf. Und wurde obdachlos.

 

Keine Behördenhilfe

 

Notunterkünfte behielten ihn nur kurz, die Behörden schickten ihn weg. Der Flughafen war seine letzte Möglichkeit. „Hier, wo täglich Hunderttausende unterwegs sind, fällt man nicht auf, wenn man einigermaßen gepflegt aussieht“, sagt Tetzlaff. In seinem Rucksack schleppte er Rasierzeug und Waschlappen mit sich herum; sonst blieben ihm nur die Kleider, die er am Leib trug.

Aber auch ein solches Leben folgt Regeln. „Jeden Morgen gegen sieben Uhr begann ich, nach Pfandflaschen zu suchen.“ Um die zehn Kilometer legte er von morgens bis abends zurück: Die Reporter, die ihn später aufspürten, haben das mit einem Schrittzähler gemessen. So sammelte sich Tetzlaff zwischen sieben und zehn Euro Pfand am Tag zusammen. „Gut lief es im Sommer, wenn die Leute viel trinken. Schwieriger waren die Winter.“ Betteln kam für ihn nicht in Frage. Auch nicht, Passagieren die Gepäckwagen zu stehlen, weil es darauf zwei Euro Pfand gab. „Viele Obdachlose arbeiten mit solchen Tricks. Ich wollte aber noch in den Spiegel schauen können.“

 

Dusche für sechs Euro

 

Deswegen achtete Tetzlaff weiter auf sich, so gut es ging. Er wusch sich täglich in den öffentlichen Toilettenanlagen, alle zwei Tage rasierte er sich. Einmal im Monat leistete er sich eine Dusche für sechs Euro. „Ich wollte nicht aussehen wie ein Penner“, sagt er. Die Sitze in den Wartehallen waren sein Bett. Wenn er dort döste, wirkte er wie jemand, der seinen Flug verpasst hat. „Man ist immer in Habacht-Stellung. Wenn mich Sicherheitskräfte ansprachen, zeigte ich ihnen meinen Ausweis. Dann sind sie abgezogen.“

Im November fand Tetzlaffs Pechsträhne ein jähes Ende. Er saß in einem Bistro am Rand des Flughafens, wo die Bockwurst nicht ganz so teuer ist wie im Terminal. Plötzlich setzten sich zwei Männer zu ihm: Reporter des Hessischen Rundfunks. Sie suchten Geschichten für ein Projekt über Hessen bei Nacht, Tetzlaff erzählte seine. Die Journalisten begleiteten ihn in seinem Alltag, sendeten den Beitrag. Dann war die Abwechslung wieder vorbei.

 

Normales Leben

 

Dachte er. Bis ihn im Dezember eine Frau ansprach. „Sie hatte den Film gesehen und bot mir an, übergangsweise bei ihr zu wohnen“, berichtet Tetzlaff. Zwei Wochen lebte er bei der Obertshausenerin, die ungenannt bleiben will. Er kochte, machte den Haushalt. Genoss den Ausflug in ein normales Leben.

Und ahnte nicht, dass Frank Wingerter aus Diedenbergen nach ihm suchte. „Wir engagieren uns in der Gegend und spenden jedes Jahr zu Weihnachten für eine gute Sache. Stefan kam in dem Beitrag sympathisch rüber. Ich wollte ihm einen Job und eine Wohnung anbieten, aber er war spurlos verschwunden.“ Erst als sich Tetzlaff per Mail bei dem Reporter meldete, wurde der Kontakt hergestellt.

„Ich konnte es nicht fassen, dass sich alles so plötzlich zum Guten wendete“, sagt Tetzlaff, und Wingerter lächelt. Zwischen den Jahren half er beim Umzug des Unternehmens in die neuen Räume im Wickerer Weg. Dann ergab sich eine Stelle bei einer Firma für Licht- und Gebäudetechnik gleich gegenüber, die auch Musik-Veranstaltungen betreut – noch attraktiver für den ehemaligen Musiker.

Eine neue Wohnung in derselben Straße in Diedenbergen hat er auch schon. Dort wird er bald einziehen und morgens ohne den Lärm des Flughafen-Betriebs aufwachen. Dafür aber mit dem Gefühl, gebraucht zu werden.

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