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Spannende Experten-Runde zum Thema „Strafvollzug“: „Pädagogisch war der Knast nix“

Eine Lesung mit Diskussionsforum – die Kulturgemeinde traf mit ihrem neuen Unterhaltungsformat den Nerv der Besucher.
Hinter Gittern: 73 000 Menschen waren Ende März in Deutschland in Haft. Für manchen sei das nicht mal eine Strafe, weiß JVA-Leiter Thomas Galli aus Erfahrung. Bilder > Hinter Gittern: 73 000 Menschen waren Ende März in Deutschland in Haft. Für manchen sei das nicht mal eine Strafe, weiß JVA-Leiter Thomas Galli aus Erfahrung.
Hornau. 

„Vor so vielen Leuten durfte ich noch nie lesen“, gestand Thomas Galli ganz bescheiden im rappelvollen Jazzclub. Dabei sorgt der Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) im sächsischen Zeithain bei Dresden mit seinem Buch „Die Schwere der Schuld“ und der provokanten Forderung, rund 90 Prozent aller Häftlinge in Deutschland in einen offenen Vollzug zu entlassen, schon seit Monaten für Furore und steht deshalb im Rampenlicht der Medien. Da viele aber offenbar denken, dass es sich bei der „Schwere der Schuld“ um ein Fachbuch handelt, hat es der JVA-Leiter sonst bei seinen Lesungen mit wesentlich weniger Publikum zu tun. Aber selbst Organisatorin und Moderatorin Christina Eretier von der Kulturgemeinde war sichtlich überrascht von der großen Resonanz auf das neue Veranstaltungsformat mit Lesung und Talkrunde zum diesem schwierigen Thema. Neben Galli saßen zwei bekannte Gesichter aus der Region mit auf dem Podium: der Kelkheimer Krimi-Autor Olaf Jahnke und der Ex-Knacki und Grimme-Preisträger Peter Zingler.

Gefängnis-Zahlen

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gibt es in Deutschland 183 Justizvollzugsanstalten mit einer möglichen Belegung von mehr als 73 000 Gefangenen (Stand Ende März 2016).

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Weitere Lesungen

Thomas Gallis Werk erfreute sich genauso wie die Bücher von Olaf Jahnke und Peter Zingler im Foyer des Jazzclubs am Stand der Buchhandlung „Viola’s Bücherwurm“ eines reißenden Absatzes.

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System hinterfragen

„Die Schwere der Schuld“ zeige keine Alternativen zum System des aktuellen Strafvollzugs auf, schickte Galli vorweg. Vielmehr hat der promovierte Rechtswissenschaftler, Kriminologe und Psychologe sowie Familienvater neun Fälle zusammen getragen, die ihn in den 15 Jahren seiner beruflichen Tätigkeit im Vollzug am meisten bewegt haben. „Mir geht es darum, den Vollzug und die Strafe von allen Seiten in Frage zu stellen“, betonte Galli.

Ein besonderer Fall

Bei der Lesung stellte er den Fall eines Häftlings vor, der seit der brutalen Vergewaltigung einer über 60 Jahre alten Friseurin in der von Galli geleiteten JVA die Belegschaft „quält“. Beleidigungen, unzählige Straftaten im Knast und Drohungen seien an der Tagesordnung, berichtete der Autor. Dass er das ganze System beschäftigt, das befriedige diesen Mann. Selbst die Russenmafia wolle mit dem Täter, der sich laut Galli nie wäscht und deshalb zum Himmel stinke, nichts zu tun haben. „Für ihn war das Gefängnis keine Strafe“, machte der JVA-Leiter deutlich.

Er macht auch kein Hehl aus seiner Auffassung, dass der Knast gänzlich ungeeignet sei für die Resozialisierung der Inhaftierten. Konsequenterweise hat er nun nach der Veröffentlichung seines Buches einen Antrag auf Entlassung aus dem Dienst als JVA-Chef gestellt – in der Hoffnung, künftig als Rechtsanwalt arbeiten zu können jenseits des Beamtenverhältnisses, wie er betonte.

Olaf Jahnke räumte auf die Frage von Christina Eretier zu Beginn der Talkrunde ein, dass er nur für eine gewisse Zeit in den Knast einfahren würde – um zu erleben, wie es dort zugeht. Der HR-Kameramann und Krimiautor bezeichnete aber gerade mit Blick auf den zuvor vorgestellten Fall die Haltung des JVA-Leiters, die Gefängnisse zu „entlasten“, als äußerst „schwierig“. Dabei verwies Jahnke darauf, dass Kelkheim auch schon mal die Kriminalstatistik angeführt hat nach drei Morden in einem Jahr. „Ich weiß auch kein anderes Mittel als den Freiheitsentzug“, beteuerte selbst der Mitbegründer der Frankfurter Romanfabrik, Peter Zingler, dessen „Karriere“ als Krimineller und Knacki mit 15 Jahren begann. Im Gefängnis hatte er aber auch seine ersten Erfolge als Schriftsteller und späterer Drehbuchautor. „Pädagogisch war die Zeit im Knast aber gar nix“, räumte der 72-Jährige ein.

Dass das Wegsperren von Kriminellen, die erwischt worden sind, die Gesellschaft ein Stück weit vor allem in Sicherheit wiegen soll, darüber war sich letztlich auch die Mehrheit des Publikums einig. Eine Patentlösung, wie mit dem relativ geringen Prozentsatz von wirklich Schwerstkriminellen umgegangen werden sollte, konnte aber keiner an diesem Abend präsentieren. Eine spannende Diskussion wurde aber allemal angezettelt.

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