Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Passionsfarbe verwirrt manche

Von Verhülltes hat nicht nur Reiz, es hilft auch, Vertrautes neu zu sehen. Diese Erfahrung können Kirchenbesucher derzeit im evangelischen Kirchengebäude am Quellenpark machen.
Künstlerin Marie-Luise Frey hat in der evangelischen Kirche am Quellenpark den Altar mit Tüchern eingehüllt. 	Foto: Reuß Künstlerin Marie-Luise Frey hat in der evangelischen Kirche am Quellenpark den Altar mit Tüchern eingehüllt. Foto: Reuß
Bad Soden. 

Die Farbe Lila – in der evangelischen Kirche fiel sie gestern ganz prominent ins Auge. Nichts geringeres als der Altar, der „Tisch des Herrn“, Mittelpunkt der gottesdienstlichen Versammlung als Symbol für Jesus Christus selbst, präsentierte sich ganz in dem Farbton, der in diesem Jahr Leitmotiv der „Sodener Passion“ ist. Geschaffen hat die Installation die Darmstädter Künstlerin Marie-Luise Frey-Jansen. Dass die Verhüllung hilft, Dinge neu und anders wahrzunehmen, hat Frey-Jansen schon häufiger bei ähnlichen Projekten erfahren. Ein verhüllter Gegenstand biete „eine ganz neue Fläche für Projektionen“, so die Künstlerin, die auch Leiterin der Paramentenwerkstatt Darmstadt ist. Paramente ist dabei der Fachausdruck für Textilien, die für den liturgischen Gebrauch bestimmt sind.

Assoziationen

Mit acht Tüll-Tüchern hat Frey-Jansen in Bad Soden gearbeitet. In Lagen liegen sie übereinander, der auberginefarbene Stoff zuunterst, überdeckt von einem himbeerrot. Erst ganz obenauf hat die Künstlerin noch Tüll gelegt, der tatsächlich lila ist. Vor allem, wenn das Licht durch die Chorfenster strahlt, wie gestern Morgen vor dem Gottesdienst, changiert die Hülle, unter der immer noch der Altartisch gut sichtbar ist. Ein Anreiz zur Auseinandersetzung auch für Gastpredigerin Silke Henning vom Referat für Kunst und Kirche, das zum Zentrum für Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gehört. Der Tüll „verschließt den Altar nicht, während er ihn umschließt“, der Altar sei immer noch klar als Tisch zu erkennen, „und ist gleichzeitig mehr geworden“, so Hennings Eindruck. „Zugleich irritierend und faszinierend“ nannte die junge Theologin den Eindruck, vor allem, wenn sie in den Raum unter der Altarplatte schaue. „Etwas, das mich anzieht und zugleich ein bisschen durcheinander macht“, beschrieb sie die Erfahrung. Und die passt nach Überzeugung der Predigerin gut an den Anfang der Passionszeit. Denn diese wolle den Menschen ja einladen, sich „auf besondere Weise Gott zuzuwenden“. Silke Henning sieht in der Installation so auch die Einladung für jeden Einzelnen, auch bei sich selbst einmal wieder genauer hinzuschauen: Wovon fühle ich mich angezogen, wo ist es unangenehm, genauer hinzuschauen? Und: Wo begegnet uns Gott? „Das kann diffus sein und in uns das Bedürfnis auslösen, uns abzuwenden“, räumte die junge Vikarin ein. Sie ermutigte aber, die sieben Wochen vor Ostern zu nutzen, „unser abkehren und hinwenden in Einklang zu bringen“.

Die Reaktionen der Gottesdienstbesucher auf die Installation in der Passionsfarbe Lila waren gestern dabei noch deutlich gemischt. „Ich find’s gut. Auch die Interpretation hat mir sehr gut gefallen. Das eröffnet mal eine ganz neue Sichtweise“, meinte Heike Dengler. „Dass das Verhüllte etwas zeigt, das finde ich einen tollen Gedanken. Da dachte ich sofort an Christo, der hat ja mit seiner Reichstagsverhüllung auch etwas gezeigt. Und ich dachte plötzlich an die Frauen, die ganz verhüllt herumlaufen. Ob das etwas zeigt?“, verriet Wolfgang Boldt seine Assoziationen. Eine andere Gottesdienstteilnehmerin war dagegen eher enttäuscht. „Das ist mir zu schlicht, zu puristisch. Das hatte ich mir kreativer vorgestellt“, so ihr Eindruck.

Gelegenheit, sich mit dem Kunstwerk noch einmal auseinanderzusetzen, bietet die Gemeinde am kommenden Mittwoch. Dann geht die „Sodener Passion“ um 17.30 Uhr weiter mit der Kreuz-Tracht von der katholischen Kirche Sankt Katharina zur „Kult-Kinobar“, wo um 18 Uhr der Film „Die Farbe Lila“ läuft (Eintritt 7,50 Euro). Anschließend geht es mit dem Kreuz weiter zur evangelischen Kirche zu einer Meditation über die Altar-Verhüllung.

Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse