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Bäcker Neuhaus: Peter Neuhaus schließt seinen Laden

Von Groß ist das Bedauern der Kunden, dass der Bäcker Neuhaus schließt. Es gibt aber noch eine Anlaufstelle im Ort. Das Ladenlokal soll nach Möglichkeit wieder vermietet werden.
Von Christstollen und Bethmännchen: Peter und Barbara Neuhaus verkaufen bis 23. Dezember noch manche Leckerei in der Bäckerei. Foto: Hans Nietner Von Christstollen und Bethmännchen: Peter und Barbara Neuhaus verkaufen bis 23. Dezember noch manche Leckerei in der Bäckerei.
Ruppertshain. 

Samstagmorgen, kurz nach 8 Uhr an der Wiesenstraße. Heike Fischer hält vor der Bäckerei Neuhaus und lädt fürs Mini-Fußball-Turnier des SV Ruppertshain mal ein paar hundert Brötchen ein. Nächstes Jahr muss sie sich einen anderen Lieferanten suchen, denn die Bäckerei Neuhaus öffnet am 23. Dezember zum letzten Mal – nach 128 Jahren Firmentradition. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Heike Fischer. Sie hänge an diesem Bäcker, kaufe schon „ein Leben lang“ hier ein.

Ein „Unikat“

Auch Berthold Glöckner ist traurig: „Das ist schlimm, weil es hier eine hervorragende Qualität gibt“, sagt der Ruppertshainer, der gerade im Laden bei Manuela Lothing einkauft. Auch die Mitarbeiterin trauert ihrem Chef jetzt schon nach: „Das ist ein Unikat.“ Thomas Ulrich ist als nächster dran, er kommt extra aus Glashütten – obwohl es dort auch Bäcker gibt. Doch hier sei der Kunde König. Ulrich wünschte sich mal ein Brot mit Kümmel – kein Problem für Peter Neuhaus. „Die Wünsche der Kunden werden hier sehr hoch gehalten.“ Es sei „sehr schade“, dass die Bäckerei schließe, „aber jedem gegönnt, dass er aufhören darf“.

Das ist bei Peter Neuhaus bald der Fall. Die letzten Stollen werden jetzt gebacken, die letzten hunderte Brötchen gerade für den Samstag zubereitet. Schon kurz vor 21 Uhr sei er in der Backstube gewesen, erzählt der 63-Jährige, als er gerade mit seiner Frau Barbara von der Lieferfahrt zurückkommt. Doch nach 47 Jahren soll nun Schluss sein, das hat er mit seiner Frau im Sommer entschieden. Und dann nach einem Nachfolger gesucht. Doch wo Neuhaus auch die Fühler ausstreckte, es gab Absagen. Es wurde immer zuerst nach den Parkplätzen und der Lage gefragt. Beides ist hier beim „Untergässer-Bäcker“, wie er genannt wird, nicht optimal. Später lehnten auch die Bäckerei-Ketten der Region ab. „Es sollte nicht sein“, bedauert seine Frau, die selbst noch ein bisschen in einer Bäckerei weiter arbeiten will und sich hier nach Stellen umschaut. Die Maschinen werden verkauft, das Ladenlokal vorne soll nach Möglichkeit vermietet werden.

Wehmut? Der kommt bei Peter Neuhaus noch nicht auf. „Man ist irgendwie froh, wenn dann so eine Verantwortung und Anspannung wegfallen“, sagt der Bäckermeister, der in Höchst im Café Kobald sein Handwerk lernte. Ihm tue es natürlich leid für die vielen treuen Kunden. Und vielleicht gibt es noch ein paar Abschiedsgeschenke – denn einige hätten bereits nach den Rezepten (siehe Info) gefragt. Die wären dann kein Geheimnis mehr. „Er hat alle Rezepte selbst entwickelt“, betont seine Frau. Vieles sei auf die Wünsche der Kunden zugeschnitten. Große Werbung war da nicht nötig, bekannt wurde Neuhaus außerdem durch seine Back-Aktionen beim Erntedankmarkt am Rettershof. Fast 20 Jahre lang rissen ihm dort die Besucher das Brot fast aus den Händen. Vor allem so konnte sich der eine von zuletzt zwei Bäckern in Ruppertshain immer gut halten. Gedanken ans Aufhören habe es nie gegeben, betonen Barbara und Peter Neuhaus.

Beide hatten auch ein Herz für Kinder, Schulen und Kitas waren gerne zu Besuch in der Backstube. Und beim Chef stand der Nachwuchs hoch im Kurs. Er bildete stets aus – insgesamt neun Lehrlinge, seit er die Bäckerei 1991 von seinem Vater Otto übernommen hat. Gegründet wurde der Betrieb 1889 von seinem Uropa Johann, der als Bäcker den beschwerlichen Weg nach Frankfurt satt hatte und ein Backhaus ans Wohngebäude baute. Er war damals einer von drei Bäckern im Ort – Lebensgrundlage war Jahrzehnte lang die kurz danach eröffnete Lungenheilstätte. Als sie 1982 schloss, hatte der Betrieb erstmal „zu knabbern“, weiß Neuhaus – doch mit Qualität überzeugte die Familie. „Als 08/15-Bäckerei hätte man sich nicht halten können“, ist der Chef überzeugt. So verarbeitet er noch heute die alte Weizensorte Emmer oder das Amaranth-Korn.

Streuselkuchen-Ehe

Christiane Gerhards mag am liebsten den Streuselkuchen, die Schiffchen und Teeringe. Sie ist im Ort aufgewachsen, lebt aber nun in Düsseldorf. Ist sie auf Heimatbesuch, schaut sie immer beim Bäcker Neuhaus vorbei und packt Leckereien für die Kollegen im Rheinland ein. „Mein Mann hat mich nur wegen des Streuselkuchens geheiratet“, flachst sie und kann nicht fassen, dass der Bäcker Neuhaus bald Vergangenheit ist. „Das ist traurig. Das war eine Geschichte, die einen mit dem Ort verbindet.“

Peter Neuhaus hört so etwas gern. Mit Schmunzeln blickt er auf manche Anekdote zurück. Als zum Beispiel der Teig nicht aufgehen wollte – „da tat sich aber nichts, die Schüssel mit der Hefe stand noch im Kühlschrank“. Seine Frau wünscht sich, dass der Chef die Finger nicht ganz ruhen lässt. Vielleicht bekomme er für Zuhause eine Backmaschine, „damit er nicht verhungert“. Oder er könnte ein Buch mit seinen Rezepten herausbringen – es würde im Ort sicher ein Bestseller . . .

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