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Saisonarbeiter: Philosophie am Spargelstand

Von Der Kroate Martin Branilovic hat in seiner Heimat Anthropologie und Philosophie studiert. Als Saisonarbeiter will er nun seine Deutschkenntnisse verbessern. Und dazu hat er bei den Gesprächen mit den Kunden reichlich Gelegenheit.
Martin Branilovic wiegt für Karin Christensen Spargel ab. „Den liebt die ganze Familie“, erzählt die Eschbornerin. Bilder > Foto: Knapp Martin Branilovic wiegt für Karin Christensen Spargel ab. „Den liebt die ganze Familie“, erzählt die Eschbornerin.
Eschborn. 

Fahrradwege und gepflegte Blumenbeete säumen den Weg von Eschborns Stadtmitte nach Niederhöchstadt. Am Rand der langen Hauptstraße haben sich gegenüber von Wiesenbad und Polizeistation große Firmen angesiedelt. Seit vielen Jahren nutzt auch ein Erdbeer- und Spargelvertrieb aus Gräfenhausen den Standort für eine seiner kleinen saisonbetriebenen Buden, die wie Pilze aus dem Boden schießen, sobald die Frühlingssonne das frühe Obst und Gemüse reifen lässt.

Hinter dem Tresen steht Martin Branilovic, Saisonarbeiter aus Mala Subotica, einem kleinen Dorf im Norden Kroatiens. In seiner Heimat arbeite er an der Rezeption eines Vier-Sterne-Camps, erzählt der 26-Jährige, der ein paar Semester Anthropologie und Philosophie studiert hat, Science-Fiction-Bücher liebt und in seiner Freizeit als DJ Partys organisiert. Mit dem Job im Spargelhäuschen wolle er seine Deutschkenntnisse verbessern. Vor drei Wochen ist er auf dem Hof angekommen, einer von 300 Saisonarbeitern aus Rumänien, Polen oder auch Kroatien, von denen die Hälfte im Verkauf, die andere zum Ernten eingesetzt sei.

Telefonische Bewerbung

Den Tipp für den Job habe er von einem Freund über Facebook bekommen, das Bewerbungsinterview sei telefonisch über die Bühne gegangen. Es ist 12 Uhr. „Da kommen die Leute von den Unternehmen nebenan“, sagt Martin Branilovic. Tatsächlich. Den GIZ-Firmenausweis noch in Händen haltend schlendern Günther Gitler und Heike Diethelm gut gelaunt zum Stand. Eine Tüte brauchen die beiden nicht für ihre beiden Erdbeerschalen. „Die verzehren wir jetzt bei einem Spaziergang.“ Der führt – wie so oft bei gutem Wetter in der Mittagspause – einmal ums Wiesenbad.

Eine Runde, die auch Monika Esser und drei Begleiter aus dem Siemensgebäude ins Freie gelockt hat. Auf dem Rückweg in die Firma kauft sie schnell noch zwei Schalen Erdbeeren ein. Beim Kollegen landet außerdem noch grüner Spargel fürs Abendessen in der Tragetasche. Den kombiniere er am liebsten mit Nudeln, erzählt er, weißen Spargel eher mit Lachs. „Der Spargelkönig“, scherzt sein Kollege. Die gute Laune passt zum Sonnenschein.

Um neun Uhr ist Martin Branilovic von Gräfenhausen losgefahren, hat dann – wie jeden Morgen – noch eine Kollegin bei ihrem Stand abgesetzt. Zurück geht es um 18 Uhr. Sollte die Zeit mal lang werden, liegt ein Buch von Aldous Huxley unter dem Tresen parat. Doch dazu ist jetzt keine Gelegenheit.

Mit einem Korb in der Hand nähert sich schnellen Schrittes Stammkundin Karin Christensen. „Spargel liebt bei uns die ganze Familie“, schwärmt die Eschbornerin. „Mein Mann am liebsten eingerollt in Bärlauchpfannkuchen.“ Für die Mutter, die leider im Krankenhaus liege, packt sie noch zwei Schälchen Früchte ein. Viel Kundschaft komme auch vom Schwimmbad gegenüber, erzählt der Verkäufer nach einem freundlichen Abschiedsgruß. „Die Kinder wollen immer Erdbeeren.“ Zeit für ein Gespräch bringen vor allem ältere Kunden mit, weiß er inzwischen.

„Sie erzählen von ihrem Leben oder einer Reise nach Kroatien, manche wollen auch wissen, ob es in meiner Heimat Spargel gibt.“ Denen erzähle er dann, dass er weißen Spargel, der auf Feldern kultiviert wird, erst in Deutschland kennengelernt habe. Aus seiner Heimat kenne er nur wildwachsenden schwarzen Spargel, der schon mal 15 Euro pro 250 Gramm koste, und grünen Spargel, den er selbst im Garten ziehe. „Den esse ich zu Ei und Schinken oder kleingeschnitten in Salat oder Risotto.“

Schinken und Schnitzel

Aber nicht mit Sauce Hollandaise, wie es hierzulande üblich sei. Diese klassische Variante mag Maler Matthias Leister am allerliebsten, gerne mit Schinken oder einem Schnitzel. Mit dem bunt bedruckten Firmenwagen hat der Handwerker aus Wiesbaden gegen halb eins einen kurzen Stopp beim Verkaufsstand einlegt, um zwei Kilo Spargel fürs Abendessen einzukaufen. „Kann ich die bis heute Abend im Auto lassen?“, fragt er den Verkäufer, entscheidet aber selbst, das Gemüse lieber kühl zu lagern. Dann springt er in sein Fahrzeug und fährt von dannen. Den Saisonstand mit den frischen Produkten finden alle eine gute Sache. Auch Martin Branilovic kann sich gut vorstellen, nächstes Jahr wiederzukommen. An seinem Arbeitgeber vom Spargelhof Mager hat er jedenfalls gar nichts auszusetzen.

Auch von der Umgebung habe er schon einiges gesehen. Für Ausflüge stünden zudem in Weiterstadt ein paar Fahrräder bereit, die man jederzeit nutzen könne. Außerdem habe der „Boss“ noch jede Menge Bücher besorgt, mit denen seine Saisonarbeiter ihre Deutschkenntnisse verbessern könnten.

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