E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Hofheim am Taunus 21°C

GoSpecial-Gottesdienst im Kinopolis: Pompööses Plädoyer für die Liebe

Von Modedesigner Harald Glööckler beeindruckte beim besonderen Gottesdienst der Evangelischen Andreasgemeine mit einer sensiblen und provokanten Rede.
Nach dem Gottesdienst nahm sich Harald Glööckler Zeit für seine Fans. Foto: Maik Reuß Nach dem Gottesdienst nahm sich Harald Glööckler Zeit für seine Fans.
Sulzbach. 

Glamour, Glitzer und Extravaganzen – das ist das Bild, das die meisten mit Modedesigner Harald Glööckler verbinden. „Bestimmt lässt er auf sich warten – das ist doch immer so, wenn Promis hierher kommen“, vermuten die Besucher, die am Sonntagvormittag bei schönstem Frühlingswetter scharenweise ins Kinopolis strömen, um dort einen ganz besonderen Gottesdienst zu erleben. Pech für diejenigen, die sich darauf verlassen haben, dass der schillernde Modeschöpfer und Medienstar ein divenhaftes Verhalten an den Tag legt und die Gäste des GoSpecial-Gottesdienstes, zu dem die Evangelische Andreasgemeinde Niederhöchstadt eingeladen hat, warten lässt. Wer zu spät kommt, bekommt keinen Platz mehr im proppevollen Kinosaal und kann nur von einem Stehplatz aus einen Blick auf die Bühne erhaschen. Ein verschnörkeltes Barocktischen mit passenden Stühlen und einem üppigem Blumenarrangement – fertig ist das Bühnenbild.

Auf die Sekunde pünktlich

Harald Glööckler ist auf die Sekunde pünktlich. Groß ist er, schlank – „viel schmaler als ich gedacht habe“, murmelt eine Besucherin als der Designer das Podium betritt. Schwarzes Jacket mit Goldknöpfen, schwarze Hose mit leichten ausgestellten Beinen – beides aus schimmerndem Seidenstoff, den ein florales Muster in gleicher Farbe ziert, darunter ein schlichtes schwarzes Shirt, das den Blick auf die glattrasierte Brust und ein Tattoo freigibt. Auf üppigen Schmuck hat er ebenso verzichtet wie auf schrilles Make up. Nur an den Füßen funkeln strassbesetzte Stiefeletten, an den Fingern glitzern die pompösen Ringe.

Großer Beifall begleitet die Begrüßung von Pfarrer Karsten Böhm, der sich „sehr über den prominenten Besuch“ freut. „Ich bin nicht prominent, ich bin ein harter Arbeiter wie alle hier“, gibt sich Glööckler bescheiden. Der leicht schwäbische Zungenschlag verstärkt den Eindruck der Bodenständigkeit und gibt gleich Auskunft über seine Herkunft – womit wir am Anfang seiner ungewöhnlichen Predigt sind.

Aufgewachsen in einem 1000- Seelen-Ort in Baden-Württemberg, hatte der kleine Harald als Kind einen engen Bezug zur Kirche: „Das Haus meiner Großeltern war direkt neben der Kirche. Eine sehr hübsche Kirche mit Zwiebelturm und einem großen Pfarrgarten. Ich bin dort gerne gewesen. Am liebsten, wenn ich allein in der Kirche war, ich habe schon immer die Stille dieser Atmosphäre gemocht“, erzählt er. Den Ort mochte er, mit der Institution indes hatte er Probleme: Das lag am Pfarrer, „der so herzlich war wie ein kalter Fisch“ und an der Küsterin, „die für uns Kinder kein Verständnis hatte, und die die Kirche außerhalb der Gottesdienste verschloss. Ich finde das schlimm – eine Kirche sollte immer offen sein.“

Der Gottesdienst konnte den Bub nicht fesseln, „stattdessen schweiften meine Gedanken ab und ich habe mir überlegt, wie man die Kirche schöner gestalten könnte. Vieles war mir zu schmucklos, zu wenig ansprechend“ und das Bild des ans Kreuz genagelten Jesus empfand er als Kind und Jugendlicher „verstörend“. „Warum wird Jesus immer auf diese Weise gezeigt. Ich assoziierte dies stets mit Leid und Blut – und davon hatte ich genug zu Hause, wenn mein Vater wieder ausrastete und meine Mutter schlimm zurichtete“, gibt der 51-Jährige einen Einblick in seine traumatische Jugend, die von der Gewalttätigkeit des Vaters, der den frühen Tod seiner Mutter verursacht haben soll, geprägt war. Offen und unprätentiös geht er damit um, ebenso wie er schnörkellos zugibt, dass dieses von der Kirche vermittelte Bild Jesus’ der Grund dafür war, dass „ich lange Zeit mit dem Glauben nicht viel am Hut hatte“.

Viele Jahre später dann die Wende: „Jesus kam zu mir, lächelte mich ich an und erwärmte mich mit Liebe.“ Von diesem Moment an setzte sich Glööckler wieder mit dem Glauben auseinander, las die Bibel und ist seither im ständigen Dialog mit Gott. Wie die Engel, die „ich sehr liebe – allen voran den Erzengel Michael und die kleinen Putti, die zu Hunderten mein Haus bevölkern“ ist Gott für ihn ein Gesprächspartner, „zu dem ich mit allen meinen Sorgen kommen kann. Gott und sein Sohn unterscheiden nicht, ob du schwarz oder weiß, ob du schwul oder hetero, ob du arm oder reich bist – Gott ist reine Liebe, an der wir alle teilhaben“, lautet sein Plädoyer.

„Natürlich fragen wir uns, wie kann es sein, dass Gott Krieg und Elend zulässt? Das ist Teil des Lebenskonzepts. Wir dürfen darüber nicht verlernen, das Schöne und den Reichtum zu sehen, den Gott uns geschenkt hat. Viele werden jetzt sagen, der Glööckler hat gut reden, der ist reich und muss sich keine Sorgen machen. Ich habe selber Zeiten erlebt, in denen ich kaum Geld hatte. Ich habe aber immer fest daran geglaubt, dass sich das ändert. Ich stehe jeden Tag mit guten Gedanken auf und versuche am Abend das Schlechte mit Meditationen hinter mir zu lassen.“

Dabei, erzählt Glööckler, helfe ihm die Bibel, die für ihn eine Art Lebensratgeber ist. Deshalb war der Modedesigner begeistert, als die Deutsche Bibelgesellschaft ihn mit der Gestaltung eines Schmuckschubers für die neue Lutherbibel beauftragte – wie auch Schauspielerin Uschi Glas und Fußballtrainer Jürgen Klopp. Harald Glööcklers Entwurf, der in Überlebensgröße auf der Bühne des Kinopolis zu sehen ist, spiegelt die Lebensphilosophie ihres Schöpfers wider: Im Rausch der Farben stellt er das Paradies dar: Weiße Tauben symbolisieren die Botschaft von Liebe und Frieden, violette Blumenranken und üppiges Grün das Geschenk der Natur, die Schlange den Sündenfall – mittendrin Harald Glööckler und sein Hund „Billy King“. Womit wir bei den Tieren sind, die für Harald Glööckler wichtiger Teil der Schöpfung sind: „Ich finde es entsetzlich, wie wir mit Tieren umgehen. Wir nennen uns Krone der Schöpfung und treten sie mit den Füßen“, sagt der Designer, der sich nach dem fast zweistündigen Gottesdienst nicht nur Zeit für ein Gespräch mit dem Kreisblatt nimmt, sondern fast eine Stunde lang mit Engelsgeduld Autogramme signiert und für Selfies posiert.

Seit dem frühen Morgen ist er nun auf den Beinen. Ist das nicht anstrengend? „Das ist eine Frage der Disziplin“ , antwortet er. Disziplin spielt in seinem Leben eine große Rolle, dazu gehört auch sein Aussehen. Auch wenn er zu Hause entspannt, legt der Designer Wert darauf, „gepflegt zu sein. Selbstverständlich trage ich auch mal eine Jogginghose – eine besondere natürlich – aber ich lasse mich nie gehen. Mein Bart ist sehr pflegeintensiv und macht viel mehr Arbeit als die Haare auf dem Kopf“, gesteht er mit nonchalantem Lächeln. Apropos Entspannung: Das gelingt dem Vielbeschäftigten, der derzeit an zwei Büchern schreibt, am besten zu Hause, wo er in seinem Garten gern Vögel und Eichhörnchen beobachtet und gern Gäste empfängt.

Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen