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Ruffatos deutsches Sprachrohr

Übersetzer von Literatur arbeiten eher im Hintergrund. Michael Kegler stand jetzt aber im Rampenlicht: Der Diedenberger wurde mit dem Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW ausgezeichnet. Überreicht wird ihm die Auszeichnung am 11. Juni.
Michael Kegler in seinem „Kabuff“. Hier übersetzt der 47-Jährige portugiesische Werke ins Deutsche.	Foto: Reuß Michael Kegler in seinem „Kabuff“. Hier übersetzt der 47-Jährige portugiesische Werke ins Deutsche. Foto: Reuß
Diedenbergen. 

Man kann nicht unbedingt sagen, dass das Leben von Michael Kegler von A bis Z durchgeplant war. Um genau zu sein: eigentlich gar nicht. Aber das Ergebnis zählt. Inzwischen ist der 47-Jährige, der mit zwei Katzen, drei Kindern und Ehefrau in Diedenbergen lebt, einer der führenden Übersetzer für portugiesische Literatur in Deutschland. Gerade erst wurde er mit dem renommierten Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW ausgezeichnet. Die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung wurde zwischen dem Diedenbergener und der Berlinerin Marianne Gareis aufgeteilt. Kegler wurde für die Übersetzung von „Es waren viele Pferde“ des brasilianischen Autors Luiz Ruffato belohnt. Kurios: Die zwei Preisträger sind sogar ernsthafte Konkurrenten: „Wir schnappen uns gegenseitig die Sachen weg, aber wir mögen uns sehr“, erzählt Kegler.

Etwas peinlich war ihm das aber schon: Denn eigentlich schlagen Verlage ihre Kandidaten vor, aber in seinem Fall hatte man dort einfach keine Zeit dafür. „Mach das einfach selbst“, wurde ihm beschieden, ein entsprechendes Unterstützerschreiben gab es immerhin. Aber wie man sieht: Es hat sich dann ja doch gelohnt.

Bergbau in Brasilien

Die Basis für seine Übersetzertätigkeit wurde in seiner Grundschulzeit gelegt, denn die war in Brasilien. Seine Eltern hatte es beruflich dorthin verschlagen, nach Minas, dem größte Bergbauzentrum Brasiliens im Südosten des Landes. Eine deutsche Schule? Ne, die gab es nicht, erzählt er. Gerade mal „dreieinhalb deutsche Familien“ hätten dort gelebt. Das hieß für den Jungen: Schulpflicht unter Einheimischen in einer Betriebsschule einer Eisenerzmine. Den muttersprachlichen Deutsch-Unterricht hätte er jedoch meist geschwänzt.

Student in Frankfurt

Dass er mit dem damals angeeigneten Portugiesisch mal seinen Lebensunterhalt bestreiten würde, war seinerzeit noch nicht abzusehen. Denn wie so oft im Leben bestimmen Zufälle den weiteren Werdegang. Eigentlich war er Student für Englisch und Geschichte in Frankfurt. Doch besonders von der Historie war er eher gelangweilt, da landete er in einem Übersetzer-Seminar, „reingestolpert“ sei er, erzählt Kegler. Zwar habe er auch gerne und fleißig studiert, Hausarbeiten abgegeben, aber zum Abschluss kam er nie. „Ich hab’ keinen einzigen Schein“, erzählt er. Er habe sie einfach nicht abgeholt. „Als meine Tochter 1995 unterwegs war, habe ich es noch mal probiert“, erzählt der Diedenbergener. Allerdings hielt der Enthusiasmus auch hier nicht lange. Dass er sein Studium nicht erfolgreich beendet, kratzt ihn aber gar nicht. „Dafür hat meine Frau zwei Abschlüsse“, grinst er. „Wir teilen uns das.“

Seine erste eigene Übersetzung war 1998 ein Werk von Álvaro Cunhal, einer Gallionsfigur der portugiesischen Kommunisten, der aber auch eine literarische Ader hatte. Das wurde in einem „winzigen Verlag“ veröffentlicht, verdient hat der Übersetzer daran aber nichts.

Apropos verdienen. Reich kann man mit dem Übersetzen zwar sicher nicht werden, wohl aber davon leben. „Mehr als der Autor“ bekomme er, sagt Kegler. Zwischen 15 und etwas mehr als 20 Euro seien das pro übersetzter Seite, „je nachdem wie ich verhandele“. Die sogenannte „Bestseller-Klausel“ – es gibt zusätzliches Geld, wenn eine bestimmte Auflage erreicht wurde – hat ihn jedoch nie sonderlich „gejuckt“. Allerdings landen portugiesischsprachige auch nicht so oft in den deutschen Verkaufslisten ganz vorn. Warum Übersetzer dennoch halbwegs komfortabel verdienen? Die Arbeit wird – so auch im portugiesischen Fall – von den Ursprungsländern mit Steuermitteln unterstützt.

Auf der Buchmesse

Vergangenes Jahr – bedingt auch durch die Frankfurter Buchmesse, bei der Ruffato die literarische Eröffnungsrede hielt – sei ein besonders arbeitsreiches gewesen. Fünf Bücher habe er übersetzt, dann noch Lesungen. „Unheimlich viel“, sei das gewesen, sagt er. In diesem Jahr wolle er wohl wieder einen Gang runterschalten.

Was gerade bei Ruffato, der als einer der wichtigsten zeitgenössischen brasilianischen Schriftsteller gilt, sehr reizvoll ist: seine Sprache und auch die Ausdrucksweise seiner Akteure aus der brasilianischen Provinz. „Die Leute reden komisch“, erzählt Kegler, „die kriegen das Maul nicht auf“. Da sei es für seine Übersetzertätigkeit hilfreich, dass er mal in Oberhessen gelebt habe, grinst er.

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Brasilianer schreibe ohne Komma, ohne Satzbau. Seine Mutter war Waschfrau, der Vater Popcornverkäufer – er kam eher zufällig auf die Schule. „Es ist ein großartiges Buch, aber eben schwierig“, sagt der 47-Jährige. Man könne aber auch ohne Punkt und Komma einen Text strukturieren.

Was zusätzlich problematisch ist: Nicht immer kann er ein Wort wegen seiner Doppeldeutigkeit zweifelsfrei übersetzen – wenn eins seiner vielen Wörterbücher („Ich sammle die“) nicht weiterhilft, ist der Anruf beim Autor nötig. Kegler: „Manchmal bin ich auf der völlig falschen Fährte, da frage ich lieber nach.“ Der Vorteil des Übersetzers – wenn der Autor noch lebt.

Wie er arbeitet? Ganz diszipliniert. Er ziehe sich tagsüber in sein „Kabuff“ zurück, kocht auch mal für die Familie, ist abends – wenn er nicht vielleicht auf Lesereise ist – zu Hause wie ganz normale Arbeitnehmer. Und wenn er nach ein paar Wochen die Übersetzung fertig hat, muss das Buch erstmal rumliegen. Ein paar Sätze seien es immer, an denen er noch feilen muss.

Lesung in Hattersheim

Ach ja: Wer den brasilianischen Autor einmal persönlich mit seinem Hofheimer Übersetzer erleben möchte – am Dienstag, 27. Mai, ist eine Lesung im Haus am Autoberg in Hattersheim angesetzt.

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