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Kelkheimer Christian Bedor: Sympathischer Paradiesvogel

Früher ist Christian Bedor Taxi gefahren, hat eine Kfz-Lehre absolviert und dann drei Studienabschlüsse gemacht. Heute ist er als Künstler beim Finanzamt gemeldet.
Bunt und ein wenig schräg: Christian Bedor zieht in dieser Verkleidung als Müllzeit-Los-Croupier durch Einkaufszentren und Straßen. Foto: Knapp Bunt und ein wenig schräg: Christian Bedor zieht in dieser Verkleidung als Müllzeit-Los-Croupier durch Einkaufszentren und Straßen.
Münster. 

Ob er wohl ein Paradiesvogel sei? Christian Bedor lächelt verschmitzt, bewegt den Kopf leicht. Ein klares „Nein“ sieht anders aus. Mit dieser Rolle kann er sich also schon anfreunden. Denn wie selbstverständlich packt er mitten im Lokal seine speziellen Requisiten aus und verwandelt sich ruckzuck: grüne Mütze auf, rote Fliege an, die mächtige Brille vor die Augen – und vor allem die rote, zu zwei Dritteln abgesägte Mülltonne als Bauchladen vorne dran. Dann schlüpft der Kelkheimer in die Rolle eines Verkäufers bei der sogenannten „Müll-Zeit-Lose“-Tombola – in diesem Fall aber nur für das Foto. Doch der Betrachter hat schon eine Ahnung bekommen, wie Bedor in diesem Outfit durch Fußgängerzonen und Einkaufscenter spaziert oder bei Firmenpartys auftritt. Er schlüpft in die Rolle des Croupiers, jedes dritte Los gewinne bei der Entertainment-Tombola. Als Preise hält er Postkarten, CDs, Filme und Bücher bereit – alles selbst von ihm produziert.

Christian Bedor ist vielleicht jemand, den viele einen „Hansdampf in allen Gassen“ nennen würden. Manche würden ihn womöglich als etwas verrückt einstufen, nicht selten schütteln Passanten den Kopf, wenn er mit seiner Mülltonne des Weges kommt. Den 58-Jährigen fuchst das nicht, im Gegenteil: „Ich sage dann den Leuten: ,Schauen Sie es sich doch an.’ Und ich kann damit umgehen, sehe es auch als Kompliment.“ Denn Bedor weiß ja, welche Arbeit hinter seiner Kunst steckt, welche Talente er vorweisen kann.

Gleich mehrere Standbeine hat der gebürtige Winterberger, der später lange in Witten im Ruhrgebiet lebte, dann nach Frankfurt und später der Ruhe wegen nach Kelkheim zog. Beim Finanzamt sei er offiziell mit seinem Gewerbe als Künstler und Buchautor eingetragen. Zuletzt hat er sich wieder als Schriftsteller in Erinnerung gerufen, mit der Erzählung „Schrittweiß“ sein bereits sechstes Buch herausgebracht.

Darin geht es um Taxifahrer Norbert Mondholz, der auf Mallorca über seine berufliche Zukunft nachdenken will. Und damit ist auch Bedor wieder mittendrin in der Geschichte. Er selbst ist in Frankfurt viele Jahre Taxi gefahren, hat dabei eine Menge erlebt, viele interessante Menschen kommen und gehen sehen. Da sei er aber auch ein bisschen wie ein „Lonesome Rider“ gewesen, habe letztlich wieder „die Einsamkeit gespürt“. So kam irgendwann wie bei Buch-Held Mondholz der Punkt, an dem Bedor von den Taxen genug hatte. Bei „Schrittweiß“ geht es in eine ähnliche Richtung: „Nach dem Silvester-Gespräch mit Susanne, gelingt es Mondholz, sich zu erden und seinem Leben gedanklich eine neue Wendung zu geben. Er freut sich darauf, seinen Alltag künftig zu meistern“, steht im Klappentext.

So wie bei Bedor selbst: Er sei noch voller neuer Ideen. In seine verschiedenen Berufe möchte er nicht zurück. Er habe schon im Finanzwesen, in einer Bibliothek und eben als Taxifahrer gearbeitet. Ursprünglich hat Bedor mal Kfz-Mechaniker gelernt, dann an der Abendschule das Abitur nachgemacht und den Studienabschluss in Filmwissenschaften, Neuerer Philologie und Mediensoziologie folgen lassen. Schreiben – das hatte ihm schon vorher im Blut gelegen. Seine ehemaligen Mitschüler erhielten viele Briefe, um den Kontakt zu halten. 2002 erschien das erste Buch mit dem Titel „Beichtgang – eine fiktive Autobiografie eines katholischen Hauptlehrersohns“. Natürlich erzählt es auch Bedors Kindheit in Winterberg mit allen Höhen und Tiefen. Eine Rückkehr in diese Zeit lässt er mit dem Roman „Das Diapendel“ 2011 folgen. In „Kreatives Marketing für Künstler“ gibt Bedor in 366 Texten Tipps, wie seine Kollegen vielleicht noch etwas mehr aus sich herausholen können (2007). In „Bewegungsversuche“ (2008) schrieb er gemeinsam mit Michael Liebusch kleine Erzählungen, gar Gedichte, Traumbriefe und Aphorismen sind es bei „Kussweilig“ (2010).

Warum er seit 17 Jahren aber vor allem die Mülltonne ins Zentrum seiner Aktivitäten stellt? Er sehe in ihren „mobile, motorlose Behälter des öffentlichen Raums, mit denen wir fast täglich kommunizieren“. Spätestens seit dem Moment, als die ehemaligen, anonymen Blechtonnen Vergangenheit wurden und die Plastikbehälter Beschriftungen erhielten. Die Idee, die Tonne vom „Müllnehmer“ zum „Neuproduktgeber“ zu machen, sei ihm mal beim Taxifahren gekommen. Seitdem verlost er als Croupier auch bei Straßenfesten oder Geschäftseröffnungen gerne mal seine Preise. Und bei Messen ist er mit seiner großen Medienmülltonne präsent. Zu entdecken sind auch die Postkarten, die Bedor konzipiert hat – mal mit Mülltonne als Hochzeitkutsche oder beim Hütchenspiel (Foto).

Seit einigen Jahren ist der Kelkheimer zudem mit seiner „Personalberatung Team Verreckt“ als Kabarettist unterwegs – selten auf Bühnen, meist im privaten Alex TV mit Sitz in Berlin. Darin seien aber immerhin 1,6 Millionen Haushalte angeschlossen, zudem sei die Sendung per Livestream zu sehen, ist Bedor mit der Verbreitung zufrieden. 61 Folgen gibt es bereits, einige haben Kelkheim-Schauplätze wie jene über das damalige Aus von Verteidigungsminister zu Guttenberg, der in der Möbelstadt beim Valentinstreffen war. In der Reihe nimmt Bedor als Dr. Diethelm C. Schüsse die Arbeitswelt aufs Korn. Und er könne auch dabei immer wieder selbst über sich lachen, gibt der vielseitige Komiker gerne zu.

 

 

Wer Christian Bedor im Internet sucht, findet ihn und seine vielen Projekte unter www.muell-zeit-lose.de .

 

(wein)
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