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Vor 30 Jahren wurde der katholische Pfarrer Hans Milch ermordet

Von Die Bluttat hatte im August 1987 nicht nur die Mainstadt, sondern den gesamten Main-Taunus-Kreis erschüttert. Der ermordete Geistliche hatte zuvor zu einer tiefen Spaltung der Hattersheimer Katholiken geführt, was auch in einigen Familien zu Brüchen geführt hatte.
Pfarrer Milch hatte die Gemeinde St. Athanasius gegründet, die in der Schulstraße ihre Kirche hat. Pfarrer Milch hatte die Gemeinde St. Athanasius gegründet, die in der Schulstraße ihre Kirche hat.
Hattersheim. 

Der August des Jahres 1987 sollte in Hattersheim einen festlich-fröhlichen Akzent bekommen, denn die Verschwisterung mit der französischen Gemeinde Sarcelles stand auf dem Programm. Diese wurde gegen Monatsende auch gefeiert, und mutmaßlich merkte man bei dem Fest nichts von einem anderen Ereignis, das Hattersheim kurz zuvor durchaus erschüttert hatte. Am 8. August nämlich wurde der ehemalige Pfarrer von St. Martinus, Hans Milch, auf grausame Weise ermordet.

Hans Milch war nicht irgendein Pfarrer, falls es „irgendwelche“ Pfarrer oder Personen überhaupt geben sollte. 1962 kam der 1924 in Wiesbaden geborene Milch als Pfarrer nach Hattersheim, im gleichen Jahr trat das Zweite Vatikanische Konzil zusammen, das bis zu seinem Ende 1965 aus der Sicht Milchs viele unverzichtbare katholische Positionen aufgab. Dass Latein in der Messe von der Landessprache abgelöst wurde, ist sicher nicht der wichtigste, wohl aber der plakativste Aspekt dabei.

Milch geriet ab 1965 immer mehr in Gegenpositionen zur Amtskirche, gründete schließlich die Actio spes unica“ (Aktion einzige Hoffnung), die die von ihm vertretene Linie propagierte. Als Milch sich offen zu dem umstrittenen konservativen Erzbischof Marcel Lefebvre bekannte, kam es zur Suspendierung durch den damaligen Limburger Bischof Wilhelm Kempf.

St. Athanasius gegründet

Dass damals mehr als 1000 Menschen zu einem Schweigemarsch in Hattersheim zusammen kamen, zeigt an, dass er für eine tiefe Spaltung der örtlichen Gemeinde gesorgt hatte – viele Gläubige waren in den Jahren zuvor auf Nachbargemeinden ausgewichen.

Pfarrer Hans Milch (vorne) war eng mit dem Erzbischof Marcel Lefebvre verbunden, der 1982 die Kirche St. Athanasius in der Schulstraße weihte.

Milch gründete in Hattersheim die Gemeinde St. Athanasius. In der kleinen Kapelle, die 1982 von Lefebvre geweiht worden war, sollte er am Samstag, 10. August, eine Messe lesen. Als der Geistliche nicht erschien, kamen Gläubige auf die Idee, Bekannte des Theologen in Wiesbaden anzurufen. Die schauten in Milchs Wohnung nach und fanden seine blutüberströmte Leiche, mit einem Holzpfahl in der Brust. Später wurden rund 20 Messerstiche gezählt.

Es dauerte nur wenige Tage, bis die Kriminalpolizei ein umfassendes Bild von den Vorgängen gewonnen hatte. Milch hatte sich um einen 31-jährigen Mann gekümmert, der große psychische Probleme hatte. Am Freitagabend hatte der Mann an der Messe in St. Anastasius teilgenommen, war dann mit Milch nach Wiesbaden gefahren und hatte mit ihm in seiner Wohnung gegessen. Zu der Bluttat muss es dann am Samstag gekommen sein, denn noch am Vormittag hatte die Gemeindeschwester mit Milch telefoniert.

Der Pfarrer sagte der Frau auch, wer zu Besuch bei ihm sei. Als die Polizei den 31-Jährigen am Sonntag festnahm, waren die Beweise erdrückend – Blut an der Bekleidung, Fingerabdrücke auf den Holzpfahl, zwei ähnliche Pfähle unter dem Bett. Zudem soll der Mann einige Zeit vorher damit gedroht haben, den Pfarrer umzubringen. Das war der Tiefpunkt eines tragischen Schicksals – einige Jahre zuvor war seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen, er selbst hatte – wohl alkoholisiert – am Steuer gesessen. Er machte sich Vorwürfe, trank, rutsche immer mehr ab.

In Psychiatrie eingeliefert

Das städtische Ordnungsamt soll gebeten worden sein, den Mann zwangsweise in ärztliche Obhut zu bringen, versuchte aber vergeblich, Kontakt aufzunehmen – so jedenfalls ist es der Internetseite von Actio spes unica zu entnehmen. Die wegen anderer Vorfälle alarmierte Polizei sah keine rechtliche Handhabe zum Einschreiten, heißt es außerdem. Juristisch aufgearbeitet wurde die gesamte Geschichte nicht mehr. Der mutmaßliche Täter wurde nämlich in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, wo er sich wenig später erhängte.

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Geblieben ist weit mehr als die weiterhin bestehende Gemeinde St. Anastasius. Hans Milch ist nach wie vor wichtiger Fixpunkt in Diskussionen um die Ausrichtung der katholischen Kirche. Das Internet ist voll von entsprechenden Bezügen. Diese sind gelegentlich von einer Unversöhnlichkeit geprägt, wie man sie Konvertiten nachsagt – Milch war als Sohn protestantischer Eltern geboren und erst nach dem Krieg zum Katholizismus konvertiert.

Nicht unversöhnlich

Kritiker könnten schnell geneigt sein, ihm eine solche Unversöhnlichkeit zu unterstellen. Dies aber wird sehr relativiert, wie Kreisblatt-Autor Jürgen Dehl damals fand. Milch „war alles andere als ein starrköpfiger, verbissener, verständnisloser Querkopf“, schrieb der. Er sei auch fähig gewesen, andere Überzeugungen hinzunehmen, und wenn er vieles ablehnte, so sei dies „oft mit Schalk und Witz“ geschehen.

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