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Tötung in der Asylunterkunft: Warum hat Shiar A. (26) zugestochen?

Von Nach der Tötung eines Afghanen bei einem Streit in der Unterkunft „Im Kastengrund“ erzählt ein Flüchtlingshelfer, der den Täter betreute, von dem Leben des Mannes. Kritik übt er dabei an den Behörden.
Der „Kastengrund“ in Hattersheim, eine ehemalige Tierversuchsanstalt, wurde zum Schauplatz eines Mordes am 2. Januar. Das Foto zeigt Polizeibeamte an der Stelle außerhalb der Asylunterkunft, an der Shiar A. festgenommen wurde. Foto: Knapp Der „Kastengrund“ in Hattersheim, eine ehemalige Tierversuchsanstalt, wurde zum Schauplatz eines Mordes am 2. Januar. Das Foto zeigt Polizeibeamte an der Stelle außerhalb der Asylunterkunft, an der Shiar A. festgenommen wurde.
Hattersheim. 

Was geht in einem Menschen vor, der bei einem zunächst verbal ausgetragenen Streit derart in Rage gerät, dass er seinen Kontrahenten tödlich verletzt? Antworten darauf werden später vor allem vor Gericht gesucht. Zum einen, um eine umfassende Einschätzung der Tat vornehmen zu können. Zum anderen, weil die Motivation oder der Ablauf der Tat das Strafmaß entscheidend beeinflusst.

Doch viele beschäftigt die Frage, wie es zu solch einer Bluttat kommen konnte, wo doch Täter wie Opfer aus Ländern kommen, in denen ein Menschenleben nicht viel gilt. Deswegen suchen ja Frauen und Männer Schutz und Frieden in Europa. Spekuliert wurde, dass es die kulturellen oder religiösen Unterschiede zwischen Syrern und Afghanen seien, die eine Hauptrolle gespielt hätten. Doch stimmt das? Ist es so einfach, die offenen Fragen zum „Warum“ und „Weshalb“ damit zu beantworten? Wohl kaum. Aber es ist zumindest möglich, Mosaiksteine zu sammeln, um ein umfassenderes Bild als bislang von den Geschehnissen am Dienstagnachmittag im „Kastengrund“ anfertigen zu können.

Schock nach der Tat

„Geschockt“ von den Geschehnissen am Dienstag in der Hattersheimer Asylunterkunft „Kastengrund“ war eine in der Einrichtung ehrenamtlich tätige Person gewesen. Marvin Z., der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat gemeinsam mit anderen Flüchtlingshelfern den Tatverdächtigen Shiar A. zuvor in der Asylunterkunft betreut. Der Syrer hatte gleich nach seiner Verhaftung die Tat eingeräumt, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt mitteilte.

Marvin Z. erzählt, dass Shiar A. ein schwieriger Mensch sei. Von Jähzorn ist die Rede, wenn nach den Charaktereigenschaften des 26 Jahre alten Syrers gefragt wird. Von einer Asylbewerberunterkunft in Schwalbach sei er nach Hattersheim verlegt worden, weil Shiar A. in Schwalbach schon einmal in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt gewesen sei. Der Syrer sei seit Ende November sehr niedergeschlagen gewesen, weil er vom Bundesamt für Migration und Flüchtling (BAMF) eine Ausreiseverfügung zugestellt bekommen hatte. Nur bis zum 29. Dezember war sein Aufenthalt im „Kastengrund“ gesichert. Danach hätte sich Shiar A. auf den Weg nach Bulgarien machen müssen. Dahin sollte er ausreisen, weil er von dort aus in die Bundesrepublik gekommen war, hatte ihm das Bundesamt geschrieben.

Kurz zuvor noch Hoffnung

Dabei hatte Shiar A. kurz zuvor Hoffnung schöpfen können, nachdem er „Dauerfrust“ geschoben hatte, erklärt Marvin Z. Seit Mitte 2015 war der Syrer nämlich arbeitslos. Nach mehreren Versuchen, eine Arbeitsstelle zu bekommen, waren die Bemühungen von ihm und seinem Betreuer Marvin Z. dann im Dezember 2017 endlich erfolgreich. Shiar A. hatte schon die Zusage für eine feste Arbeitsstelle als Reinigungskraft bei einem Verkehrsunternehmen.

Marvin Z. kritisiert in diesem Zusammenhang, dass Shiar A. überhaupt nicht gewusst habe, wie und wohin er nach Bulgarien reisen sollte. Hier spielten die fehlenden Sprachkenntnisse gleichfalls eine Rolle. Man habe ihm gesagt, er solle sich an die entsprechenden Stellen in Gießen oder Offenbach wenden, dort hinfahren und sich informieren lassen. Die Behörden ließen die abgelehnten Asylbewerber mit den Problemen einer Aus- oder Weiterreise gänzlich alleine, so Marvin Z.

Für den 26 Jahre alten Syrer war die Eingewöhnung in den Alltag nicht leicht. Marvin Z. erzählt, dass Shiar A. mit den 360 Euro, die er für seinen Lebensunterhalt im Monat zur Verfügung hatte, in der Regel nicht ausgekommen ist und in der Mitte des Monats ohne Geld dastand: „Er hat das Geld irrational ausgegeben. Ich habe ihm öfters dann Geld gegeben, damit er sich etwas zum Essen kaufen konnte.“ Das geliehene Geld wollte Shiar A. ihm wieder zurückzahlen, wenn er seine Arbeitsstelle angetreten und selbstständig Geld verdient hätte.

Der 26-Jährige habe teilweise für unsinnige Dinge viel Geld ausgegeben, erläutert Marvin Z. Einmal habe er ihm aus Dankbarkeit für seine Hilfe eine Jacke kaufen wollen, was er abgelehnt habe. Ein anderes Mal wollte der junge Mann eine verhältnismäßig teure elektrische Zahnbürste erwerben. Zu einem großen Essen habe er einmal einladen wollen und prompt dafür Unmengen an Fisch gekauft. Doch das Vorhaben scheiterte, weil die Eingeladenen zuvor nichts von dem Termin wussten und ihn nicht wahrnehmen konnten.

Der größte Teil des Fisch-Einkaufs sei wohl nicht mehr brauchbar gewesen, meint Marvin Z. Wenn Shiar A. kein Geld mehr hatte, sei er schwarz mit dem Zug gefahren. Selbst vor Fernfahrten schreckte er nicht zurück. Er wolle etwas von Deutschland sehen, habe ihm Shiar A. dann erklärt. Schließlich kaufte ihm Marvin Z. dann regelmäßig RMV-Monatskarten. Der junge Syrer sei starker Raucher gewesen, so habe er auch für Zigaretten viel Geld ausgegeben.

Zwei Fragen bleiben noch. Warum war Shiar A. aus seiner Heimat geflohen? Der junge Syrer habe ihm erzählt, so berichtet Marvin Z., dass sein Vater von IS-Leuten gefangen genommen worden sei.

Er sei aber nach etlichen Verhandlungen relativ rasch wieder freigelassen worden. Dies habe das Misstrauen der IS-Gegner, die später in dem Gebiet, in dem seine Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb führt, wieder die Oberhand bekommen hätten, geschürt. Er sei zwischen die Fronten geraten.

Als Schmied gearbeitet

Zum Schluss sei es notwendig geworden, aus seiner Heimatstadt in der Gegend von Kamishli nach Europa zu fliehen. Dort suchte er Schutz vor der Gewalt, die vor der Zivilbevölkerung in Syrien nicht haltmachte. Er sei Schmied, habe ihm der junge Mann erklärt. Auf dem Bauernhof seines Vaters habe er bis zur Festnahme des Vaters, beziehungsweise bis zu seiner Flucht aus Syrien, gearbeitet.

Doch was führte zu dieser Eskalation in der Asylunterkunft „Kastengrund“, die für einen 39 Jahre alten Afghanen tödlich ausging? Es gibt Erklärungsversuche, mehr nicht. Für Shiar A. war die Situation in Deutschland sehr lange Zeit nicht rosig. Er hatte keine Arbeit, er konnte – trotz Sprachkurs – sich weder auf Deutsch noch auf Englisch gut verständigen, er kam mit dem ihm zur Verfügung stehenden Geld nicht über die Runden und schließlich bekam er die Ausreiseverfügung nach Bulgarien. Da halfen die familiären Bande in Deutschland nicht viel. Eine Schwester von Shiar A. lebt mit ihren Kindern und Ehemann in Hamburg in einer eigenen, sehr kleinen Wohnung. Unterstützung fand Shiar A. bei ihr nicht, der unverheiratete Mann war auf sich alleine gestellt. Überhaupt nicht die Rede ist von Glaubensfragen, wenn es um Shiar A. geht.

Dies sei nie ein Thema gewesen. So entzündete sich der Streit in der Küche auch um banale Dinge, wie die Staatsanwaltschaft nach der ersten Vernehmung von Shiar A. erklärte. Für Marvin Z. ist es kein Wunder, dass es zu dieser Gewaltexplosion gekommen ist. Die Perspektive des Syrers seien denkbar schlecht gewesen, sein psychischer Zustand ebenfalls.

Dazu das Wissen, nach Bulgarien abgeschoben zu werden. Die monatelange Kasernierung in der Unterkunft mit anderen Flüchtlingen, viele von ihnen traumatisiert, hinterlasse ihre Spuren. Dies alles sei trotzdem kein Grund, um gewalttätig zu sein. Es sei aber eine Erklärung, warum die Nerven bei manchen Asylbewerbern blank liegen. Er wolle in Deutschland bleiben, habe ihm Shiar A. noch vor einiger Zeit versichert. In Bulgarien würde er nicht lange bleiben, er wolle von dort schnell wieder verschwinden. Jetzt sitzt Shiar A. erst einmal in Haft.

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