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Bad Nauheims Tag ohne Strom

Schock für die Bad Nauheimer: Am Freitagmittag fiel der Strom in der gesamten Kernstadt und großen Teilen Nieder-Mörlens aus (die FNP berichtete) - für bis zu 17 Stunden.
Ein Anblick, der an die frühere DDR erinnert: Die Regale im Tegut-Supermarkt werden erst heute wieder befüllt.	Fotos: Petra Ihm-Fahle (2)/Thomas Kopp Bilder > Ein Anblick, der an die frühere DDR erinnert: Die Regale im Tegut-Supermarkt werden erst heute wieder befüllt. Fotos: Petra Ihm-Fahle (2)/Thomas Kopp
Bad Nauheim. 

Raffaele Potenzieri steckt der Schreck noch in den Knochen. Mittlerweile hat das Team vom N & N Eis-Café in der Parkstraße wieder neues Eis hergestellt, das Geschäft läuft wieder. Was sich am Freitag abspielte, kann Potenzieri nur so beschreiben: „Das war ein Schock.“

Verursacht wurde das Dilemma durch Schäden an zwei von insgesamt fünf Hauptkabeln, mit denen die Stadtwerke die Stromversorgung Bad Nauheims sicherstellen. Um 11.45 Uhr fielen alle Geräte aus, nervöse Blicke auf die Uhr nützten nichts. Der Strom kam nicht wieder, das Speiseeis taute auf. „Wir mussten 40 Behälter wegschmeißen“, schildert Potenzieri.

 

Der zweite Ausfall schockt

 

Extra: Diesel für eine Klinik knapp

In den Kliniken konnte der Stromausfall mit Notstromaggregaten ausgeglichen werden. Das Hochwaldkrankenhaus verfügt nach Worten von Pressesprecherin Hedwig Rohde über einen großen

clearing
Bei vielen Bürgern kam der Strom erst am frühen Samstagmorgen zurück. „Bei mir ging um 3.50 Uhr das Licht wieder an. Ich war um 21 Uhr im Bett und habe lange, lange geschlafen“, erzählt Ursula Dickinson. In manchen Haushalten ging das Licht erst am späten Samstagvormittag wieder an, so war etwa die Mozartstraße sehr lange ohne Elektrizität. Anwohnerin Erika Löser kam am Samstag aus dem Urlaub zurück. Sie will sehen, welche Lebensmittel in ihrem Tiefkühlschrank überlebt haben, rechnet damit, alles wegwerfen zu müssen.

Für Juwelier Peter Steiber fiel die Nachtruhe nicht geruhsam aus. Er hatte in seinem Geschäft in der Parkstraße übernachtet, um es zu bewachen, um 5 Uhr kam bei ihm der Strom wieder. Vorher habe er etliche Runden zu Fuß in der Innenstadt gedreht und dabei kein einziges Polizeiauto gesehen. Ein Nachbar, der fast den ganzen Abend auf der Straße gestanden habe, machte nach Worten Steibers dieselbe Beobachtung.

Laut Polizeisprecher Jörg Reinemer stimmt das nicht. Die Ordnungshüter hätten ihr Einsatzteam hochgefahren. Zusätzliche Streifen und Kräfte in Zivil wurden nach Bad Nauheim geschickt, um an ausgefallenen Ampeln aufzupassen und Plünderungen zu verhindern. Sie mussten auch eine Sparkasse sichern, die sich nicht schließen ließ.

Zwischen halb sieben und sieben hieß es, dass für 90 Prozent der Bad Nauheimer alles wieder ging.“ Nur eine Stunde später war der Strom erneut ausgefallen. „Das war nun ein Belastungsschaden, da alle ihre Geräte wieder angeschaltet hatten.“ Nach und nach konnten die Stadtwerke das Problem beheben, gegen halb elf am Samstag war das Gebiet zu 98 Prozent wieder versorgt. Wie es zu dem größten Stromausfall in der Geschichte Bad Nauheims gekommen war, stehe noch nicht fest.

„Es war kein Baggerschaden, vielleicht äußere Einflüsse, möglicherweise durch Wurzeln“, so Reinemer. Zu Einbrüchen und Überfällen sei es nicht gekommen, lediglich ein kleinerer Unfall an einer Ampel wurde gemeldet.

Den Abiturienten der Sankt-Lioba-Schule wird der Tag in besonderer Erinnerung bleiben, da sie ihre Abschlussgottesdienste im Schein der Altarkerzen feierten. „Die Atmosphäre wurde als etwas Besonderes empfunden“, erzählt Pfarrer Michael Tomaszewski. Da die Mikrofone nicht gingen, war die Stimmung gesammelt, um alles gut verstehen zu können. „Schade war, dass die Musiker ihre geprobten Stücke auf der Orgel nicht spielen konnten. Wir stellten das Musikprogramm um und sangen Lieder zur Gitarre.“ Konstantin Zobel ließ sich für die Proben in seiner Gitarrenschule ebenfalls etwas einfallen. Die Jungen und Mädchen spielten mit Stirnlampen, die er dank einer Spende zufällig noch da hatte.

Im Restaurant-Café König lief der Betrieb ebenfalls weiter. Inhaberin Nicole Duckworth: „Wir erwarteten abends eine Gesellschaft, machten kurzerhand Barbecue und stellten Kerzen auf.“ Das habe den Gästen gefallen, das Restaurant war voll. Stoff für Unterhaltungen gab es auf alle Fälle, wie die Bad Nauheimerin Sandra Bruno berichtet. „Ein Friseur erzählte mir, dass sich viele Leute auf der Straße trafen und ins Gespräch kamen.“

Die Bad Nauheimer nahmen die Episode mit einem gewissen Galgenhumor und auch einer Menge Spontaneität. Der Marktplatz, war bestens gefüllt. In manchen Kneipen liefen die Zapfanlagen noch, andere stellten auf Flaschenverkauf um. Die Gäste saßen bei Kerzenschein und genossen die Ruhe, die nur durch das Brummen eines Stromgenerators beim dortigen Döner-Imbiss gestört wurden. Doch sorgte das dafür, dass später Hunger gestillt werden konnte. In „Willy´s Pub“ am Burgplatz hat Betreiber Willy van Basshuisen einen harten Abend hinter sich. Er bediente mit Stirnlampe auf dem Kopf: „Da war Konzentration gefragt.“

 

Warten auf neue Ware

 

Zwar habe es viele Ärgernisse gegeben, ergänzt Sabine Kreutz aus Bad Nauheim, aber auch schöne Erlebnisse. „Mein großer Sohn war am Nachmittag nicht verabredet, und da der PC ja auch nicht lief, kam er freiwillig mit mir und seinem kleinen Bruder in den Schrebergarten meiner Freundin.“ Dort gab es viel zu tun, alle verlebten einen schönen Nachmittag. „Unter normalen Umständen hätte er mir wohl einen Vogel gezeigt.“

Problematischer lief es für viele Geschäfte, die vorzeitig dicht machten. Teilweise gab es keine Lebensmittel mehr zu kaufen, Tankstellen hatten erst abends wieder auf - nur vereinzelt. Supermärkte verschenkten ihre Kühlprodukte oder warfen sie weg. Am Samstag waren die Regale komplett leer, der Tegut in der Stresemannstraße bot Obst zu reduzierten Preisen an. Eine neue Lieferung an Kühlprodukten erwartet er heute Nachmittag.

Auch bei der Einkaufsnacht „Bad Nauheim holt die Stühle raus“ am Samstag zeigten sich Nachwirkungen. So konnte das Gastronomie-Team der „Krone“ nicht genug Hackbraten vorbereiten, die wenigen waren zügig ausverkauft.

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